Islam in Berlin

Muslime werben am Tag der Offenen Moschee um Vertrauen

Zum Tag der Offenen Moschee konnten die Berliner einen Blick in die muslimischen Gotteshäuser werfen. Die islamischen Gemeinden wollen damit auch Vertrauen herstellen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Am 3. Oktober wird nicht nur die Deutsche Einheit gefeiert, seit 1997 öffnen die islamischen Religionsgemeinschaften ihre Türen auch für den „Tag der offenen Moschee (TOM)“. Unter dem Motto „Soziale Verantwortung – Muslime für die Gesellschaft“ informierten die Gemeinden ihre Gäste vor allem über ihre Religion, zudem gab es in zahlreichen Berliner Moscheen Führungen, Vorträge und Ausstellungen. Viele Menschen kamen einfach nur, um einmal eine Moschee von Innen gesehen zu haben. „Mit dem Fahrrad bin ich schon häufig an der Khadija-Moschee vorbeigefahren, jetzt wollte ich mich endlich dort umschauen“, sagte Bernd Gerstendorf. Vor allem interessiere ihn, wie es der Gemeinde nach der großen Kontroverse zu Baubeginn nun gehe.

Die Khadija-Moschee der Ahmadiyya Muslim Jamaat Gemeinde im Norden Pankows war vor allem in den Jahren 2006 bis 2008 umstritten. Die NPD und eine ortsansässige Bürgerinitiative protestierten gegen den Bau, im Frühjahr 2007 brannte ein Kipplaster auf dem Moschee-Grundstück, im Juli 2008 beschmierten Unbekannte die Kuppel der Moschee mit Naziparolen. „Zwar wurde kürzlich Abfall von der gegenüberliegenden Baustelle auf unserem Grundstück abgeladen, im Vergleich zu damals hat sich die Lage jedoch beruhigt“, sagte der Theologie-Student Ahmed Intisar. Bei der Ansprache zum Freitagsgebet musste er seinen Imam vertreten. Dieser wurde in Leipzig gebraucht, da es dort große Diskussionen um einen geplanten Moscheebau der Ahmadiyya-Gemeinde gebe.

Auf dem Grundstück in Pankow waren Büchertische mit Sachliteratur und Informationsmaterial aufgebaut, in der Moschee selbst war eine Islamausstellung zu sehen. Auf großen Plakaten erfuhren die Besucher Grundlegendes über Allah, den Koran oder den Propheten Mohammad. Zudem gaben Ahmed Intisar und andere Gemeindemitglieder Auskunft über heikle Themen wie die Khalifate, die Stellung der Frau im Islam oder den „missverstandenen Begriff des Dschihad“.

Intisar erklärte zwar, dass die Geschlechter „absolut gleichgestellt“ seien. Ein 28-Jähriger Besucher aus Hohenschönhausen war jedoch davon irritiert, dass Männer und Frauen in strikt getrennten Räumen beten müssen, damit die Männer nicht abgelenkt seien. Anschließend diskutierte er mit einem Gemeinde-Mitglied über das Tragen eines Kopftuches oder die Eheform der Polygamie. Andere Besucher hatte die aktuelle Krise im Nahen Osten hergeführt. „In den Nachrichten hört man immer, dass die Terroristen des IS sich auf den Islam berufen. Ich finde es toll zu sehen, dass die Muslime hier ein friedliches Zusammenleben anstreben“, sagte Klaus Bülow.

Berlin ist Multikulti

Ortswechsel: Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Neukölln. Viele Muslime blieben nach dem Freitagsgebet, um Tee zu trinken oder an einem der zahlreichen Stände Gözleme, Manti oder Lahmacun zu essen, und um mit anderen Berlinern zu sprechen. Laut den Organisatoren waren schon bis 15.30 Uhr 3000 Besucher gekommen, darunter auch Claudius Knaack und seine Patenkinder Leo und Jonny Büter. „Ich wollte die Moschee sehen, weil ich viele Klassenkameraden habe, die zum Beten herkommen“, sagte der achtjährige Leo.

Das Interesse am Islam lockte Christina Gästhuysen dorthin. „Ich finde, die Muslimische Gemeinde gehört einfach zu Berlin, dieses Multikulti macht die Stadt doch aus“, sagte die Pankowerin. Auch bei den Muslimen kam der TOM gut an: „Ich finde es gut, dass so viele Deutsche gekommen sind, um zu sehen, was in dieser Moschee passiert. Wir beten hier zu Gott genauso wie die Christen es in ihren Kirchen tun“, sagte Arif Albalizada , aus Spandau.

Dieses Zusammenleben ist auch in Neukölln immer wieder bedroht: „Kürzlich gab es einen 17-seitigen Drohbrief, in dem die Muslime aufgefordert wurden, das Land zu verlassen, da es sonst Brandanschläge geben werde“, berichtete Ender Cetin, Vorstandsvorsitzender der Gemeinde.

Saleh setzt sich für Toleranz ein

Islamophobie, der Hass gegen Muslime, dürfe in Berlin und Deutschland nicht toleriert werden – ebenso wenig wie Antisemitismus, sagte SPD-Fraktionschef und Bürgermeisterkandidat Raed Saleh bei einer Podiumsdiskussion in der Sehitlik-Moschee. Die Konflikte in der Welt dürften nicht nach Berlin übergreifen. „Hier stehen wir alle gemeinsam gegen Intoleranz: Moslems Christen, Juden, Anhänger anderer Religionen und Atheisten“, sagte Saleh.

Die Stadt könne für ganz Europa ein Vorbild sein. „Lasst uns das Anderssein zur Normalität machen“, rief er aus. Er wolle zudem ein Exit-Programm für radikale Islamisten unterstützen und sich dafür einsetzen, dass das seit mehreren Jahren auf Eis liegende Islam-Forum wieder stattfindet. Der Dialog der Religionen sei gerade jetzt besonders wichtig.

Saleh lobte die Öffnung der Moscheen, Offenheit schaffe Vertrauen. „Wir müssen gemeinsam Vertrauen gewinnen“, sagte er zu den rund 150 Zuhörern der Diskussion, bei der auch Ender Cetin und die Politologin Lydia Nofal auf dem Podium saßen. In Berlin sei kein Platz für Diskriminierung, Rassismus und Gewalt, mahnte der Spandauer SPD-Politiker mit palästinensischen Wurzeln. Die Stadt sei die Heimat aller Menschen, die hier wohnen, egal, welcher Religion sie angehören. Er hoffe, dass dies spätestens in der Generation seiner Kinder selbstverständlich sei. „Unsere Kinder sind Berliner Kinder, deutsche Kinder muslimischen Glaubens.“ Saleh forderte ein „Bündnis der Vernünftigen“.

Die große Mehrheit der Moscheen trage nicht die Verantwortung dafür, dass radikalisierte junge Menschen etwa nach Syrien gingen um dort an der Seite terroristischer Gruppen zu kämpfen, sagte der Sozialdemokrat. Aber sie würden als Partner gebraucht, um diese Menschen aus der Radikalität zurückzuholen: „Wenn jemand das kann, dann die Moscheen.“

In der Sehitlik-Gemeinde wird bereits am kommenden Mittwoch ein Projekt gegen Extremismus starten, das eine Seminarreihe, Workshops und andere Veranstaltungen beinhaltet. „Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass radikale Ansichten am besten mit religiösen Argumenten entkräftet werden können“, sagte Ender Cetin.