Schultoiletten-Prozess

Sexuelle Übergriffe auf Kinder - Mann gesteht nur teilweise

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Michael Mielke

Eine Elfjährige vom Fahrrad gerissen und missbraucht, eine Achtjährige auf der Schultoilette überfallen: Vor Gericht gestand ein 29-Jähriger teilweise und schob die Taten auf den Konsum von Drogen.

Die achtjährige Svenja R.* wollte am Morgen des 7. März 2012 vor dem Unterricht noch einmal schnell auf die Toilette gehen. Sie hatte die Kabine im Toilettenraum einer Reinickendorfer Grundschule gerade betreten, als plötzlich ein Mann die Tür aufriss. Die Schülerin reagiert entsetzt.

Er herrschte sie an: „Hör auf zu schreien, sonst tue ich dir was an!“ In diesem Moment kam eine Klassenkameradin in den Toilettenraum und rief nach Svenja. Daraufhin ließ der Mann von seinem Opfer ab und floh. Der Täter muss sich seit Mittwoch vor einer Moabiter Strafkammer verantworten.

Dem 29-jährigen Marcel W. werden von der Staatsanwaltschaft versuchte Vergewaltigung und schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen.

Dabei geht es nicht nur um die Tat in der Schultoilette. Bereits am 7. Juni 2011 hatte Marcel W. im brandenburgischen Hohen Neuendorf eine andere Schülerin überfallen. Die elfjährige Doreen B.* war mit ihrem Fahrrad unterwegs zur Schule. Der Täter sei ihr schon an der Fußgängerampel aufgefallen, sagte sie später bei der Polizei. Er habe „ausgesehen wie ein ganz normaler Schüler“, sie aber merkwürdig angestarrt. Kurz darauf wurde ihr Fahrrad plötzlich von hinten festgehalten. Marcel W. zerrte sie herunter, zog sie in einen Wald und warf sie zu Boden. Er sagte, ihr werde nicht passieren, wenn sie nicht schreie und mache, was er verlange. Dann forderte er sie auf, sich den Slip herunterzuziehen. Was sie in ihrer Angst auch tat.

Marcel W. sagte vor Gericht mit monotoner Stimme, er sei damals auf der Suche nach Wertsachen gewesen, weil er sich dringend Drogen kaufen wollte. Als er das Mädchen sah, seien ihm aber sofort sexuelle Gedanken gekommen. „Ich habe nicht gedacht, dass sie noch so jung ist.“ Der vorsitzende Richter hatte vor dem Prozess mit dem Kind gesprochen. Das Mädchen sei ihm, verglichen mit Altersgefährtinnen, eher klein und zierlich vorgekommen, sagte er. Seine Frage, wie alt Marcel W. sein Opfer geschätzt habe, beantwortete dieser mit: „14“.

Versuchte Vergewaltigungen

Marcel W. will angeblich auch nicht versucht haben, das Kind zu vergewaltigen. Er habe sich „mit geschlossener Hose“ auf die Schülerin gelegt und sich an ihr gerieben, sagt er. Erst danach habe er sich die Hose ausgezogen und das weinende Kind gezwungen, ihn mit der Hand zu befriedigen. „Als es vorbei war, wurde mir schlagartig bewusst, was ich Schreckliches getan habe“, sagte er vor Gericht. „Ich hatte vorher viel Kokain genommen.“ Er war nach der Tat aber noch in der Lage, aus dem Handy des Mädchens die SIM-Karte zu nehmen.

Die Schülerin hatte bei der Polizei ausgesagt, dass sich der Täter gleich zu Beginn die Hose heruntergezogen und mehrfach vergeblich versucht habe, in sie einzudringen. Nach der Tat habe er sie gefragt, ob sie Nancy sei. Er habe sie verwechselt, wolle sich entschuldigen.

Marcel W. bestätigte das. „Ich war wie unter Schock“, sagte er. Die Tat beschäftige ihn auch heute noch. Er habe mehrfach versucht, sich umzubringen. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass das eher halbherzige Versuche waren: der Sprung vor ein rechtzeitig gebremstes Auto, drinnen saßen Kriminalpolizisten. Und offenbar missglückte Versuche, sich die Pulsader aufzuschneiden und von einer Brücke zu springen.

Durch DNA-Spuren überführt

Die zweite Tat in der Reinickendorfer Grundschule hatte ähnlich angefangen. Die Ermittler gehen davon aus, dass Marcel W. erneut beabsichtigte, über ein Kind sexuell herzufallen. Er selbst bestreitet das. Er habe in der Schule Sachen gesucht, die sich verkaufen lassen, sagte der Angeklagte. In den Toilettenraum sei er gegangen, weil er seine Notdurft verrichten wollte. Die Frage des Richters, warum er sich ausgerechnet eine Mädchentoilette aussuchte, obwohl er Minuten zuvor ja schon eine Toilette für Jungen aufgesucht hatte, konnte er nicht beantworten. Auf spürbare Skepsis des Gerichts stieß auch seine Erklärung, er sei in die von Svenja R. benutzte Kabine eingedrungen, weil er bei dem Kind Wertsachen zu finden hoffte. Ob er „wirklich sicher sei, dass er mit dem Mädchen nicht doch sexuellen Kontakt aufnehmen wollte“, fragte der psychiatrische Gutachter: „Ja, da bin mir hundertprozentig sicher“, antwortete der Angeklagte.

Festgenommen werden konnte der wegen Diebstählen vorbestrafte Marcel W. erst im Juli 2014. Er war am 31. Dezember 2012 in einem Altenwohnheim in Lichtenrade dabei erwischt worden, wie er zu stehlen versuchte. Als sich ihm eine Mitarbeiterin in den Weg stellen wollte, stieß Marcel W. sie rüde beiseite und verletzte sie dabei. Auch diese Tat gehört jetzt zur Anklage.

Bei dem Eindringen in das Altenwohnheim wurde er von einer Überwachungskamera aufgenommen. Ein Polizist erkannte ihn, als das Video in einer Fernsehsendung gezeigt wurde. Der Abgleich mit den DNA-Spuren, die Marcel W. in Hohen Neuendorf und in der Reinickendorfer Schultoilette hinterließ, brachten zutage, dass er auch in diesen Fällen der Täter war. Der Prozess wird fortgesetzt. (*Namen der Kinder geändert)