Blitzmarathon 2014

Blitzer-Bilanz – Mit Tempo 100 durch das Wohngebiet

Die Berliner Polizei hat am Freitag eine Bilanz des 24-stündigen Blitzermarathonsgezogen. Knapp 3800 Fahrer waren zu schnell. Der Spitzenreiter fuhr 106 Stundenkilometer – in einer Tempo-30-Zone.

Foto: Steffen Pletl

Die Berliner Polizei hat am Freitag eine durchaus positive Bilanz des 24-stündigen Blitzermarathons in Berlin gezogen.

Von Donnerstag, 6 Uhr, bis Freitag hatten die Beamten an 266 Kontrollorten die Geschwindigkeit von 83.672 Fahrzeugen gemessen. Nicht mitgerechnet sind die unzähligen Messungen durch Videofahrzeuge, die nur gezählt wurden, wenn dabei ein Raser überführt wurde. Insgesamt wurden 3796 Geschwindigkeitsüberschreitungen registriert.

Der Spitzenreiter war ein Autofahrer, der um 22 Uhr in der Kreuzberger Urbanstraße geblitzt wurde. Das Messgerät zeigte 106 Stundenkilometer an, erlaubt sind dort Tempo 30. Laut Polizei muss er sich jetzt auf ein dreimonatiges Fahrverbot, zwei Punkte in Flensburg und ein Bußgeld in Höhe von 680 Euro einstellen.

Weitere Rekordwerte maß die Polizei auf dem Berliner Stadtring am Sachsendamm (99 statt erlaubter 60 Stundenkilometer) und an der Goerdelerdamm-Brücke (160 statt erlaubter 80 Stundenkilometer. Insgesamt 34 Fahrer werden ein mehrmonatiges Fahrverbot erhalten, weil sie mehr als 31 Stundenkilometer zu schnell waren.

Kein Führerschein oder Auto nicht versichert

Ebenfalls besorgniserregend: 14 Fahrer hatten keinen Führerschein oder ihr Auto war nicht versichert, zehn weitere waren angetrunken oder standen unter Drogeneinfluss. Dabei fielen vor allem zwei Fahrer auf.

So durchbrach ein 27-Jähriger in Tempelhof die Kontrollstelle, verursachte einen Unfall und versuchte zu Fuß zu fliehen. Die Polizei konnte ihn aber festnehmen. Er pustete 1,17 Promille. Auch auf der Straße des 17. Juni gab ein 45-Jähriger Vollgas, als die Polizei ihn anhalten wollte. Er raste über eine rote Ampel, kam aber kurz darauf von der Fahrbahn ab und rammte mehrere Poller. Der Atemalkoholtest ergab 1,73 Promille.

Die Polizei wertete das Ergebnis trotz dieser „Ausreißer“ positiv. Es seien deutlich weniger Fahrer geblitzt worden als an „normalen“ Tagen. Die Polizei vermekrte ein „wesentlich entspannteres und rücksichtsvolleres Miteinander“ auf den Berliner Straßen. Die meisten der zu schnellen Fahrer hätten sich in den Verkehrsaufklärungsgesprächen einsichtig gezeigt.

Bundesweit Zigtausende Verstöße

Der Blitzmarathon fand in allen 16 Bundesländern statt und war der zweite seiner Art. In 24 Stunden wurden rund 93.000 Raser geblitzt. Von den insgesamt über drei Millionen kontrollierten Autofahrern waren damit etwa drei Prozent zu schnell unterwegs, wie das nordrhein-westfälische Innenministerium am Freitag mitteilte. Seit Donnerstagmorgen hatten in allen 16 Bundesländern mehr als 13.000 Polizisten an fast 7500 Messstellen Jagd auf Temposünder gemacht.

Vorläufiger Spitzenreiter war ein Fahrer in Reutlingen (Baden-Württemberg), der am Donnerstag mit Tempo 238 statt der erlaubten 100 Kilometer pro Stunde unterwegs war. In Brandenburg wurde auf der A2 zwischen Netzen und Lehnin ein Autofahrer mit 219 statt der erlaubten 120 Stundenkilometer gemessen. In der Nacht zum Freitag wurde auf der A4 bei Köln ein Fahrer mit Tempo 185 statt 80 gemessen – nach Abzug der Toleranz.

Köpfe der Menschen erreichen, nicht Portemonnaie

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD), in dessen Bundesland das Konzept des Blitz-Marathons entwickelt wurde, zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis der 24-Stunden-Kontrolle. „Wir wollen die Köpfe der Menschen erreichen und nicht ihr Portemonnaie“, erklärte Jäger. „Nach wie vor ist Geschwindigkeit der Killer Nummer eins auf unseren Straßen. Jeder dritte Verkehrstote ist Opfer von zu hoher Geschwindigkeit. Deshalb halten wir an unserer Strategie aus täglichen Geschwindigkeitskontrollen und mehr Transparenz fest.“

Der Auto-Club Europa (ACE) mahnte, die während des Blitz-Marathons zusätzlich eingenommenen Bußgelder dürften nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet werden. „Die Einnahmen müssen in nachhaltige Maßnahmen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr fließen“, forderte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner in Stuttgart. Dazu zähle auch eine „bedarfsgerechte personelle und technische Ausstattung der Verkehrspolizei“.

Junge blitzt seine eigene Mutter

In Nordrhein-Westfalen waren erstmals auch Kinder bei den Kontrollen im Einsatz. Sie hatten Kontrollstellen vorschlagen dürfen. An einer Schule in Düsseldorf ertappte ein Junge dabei seine eigene Mutter, die zu schnell im verkehrsberuhigten Bereich unterwegs war. Auch eine Lehrerin durfte sich von ihren Schülern wegen zu schnellen Fahrens Einiges anhören.

Bei der ersten bundesweiten Großaktion dieser Art waren im Oktober vergangenen Jahres drei Millionen Autofahrer kontrolliert und 83.000 Autofahrer als zu schnell erwischt worden. Das Blitzlicht-Gewitter ist auch ein Versuch, die sich abzeichnende Trendwende bei der Zahl der Verkehrstoten zu bekämpfen. Nach jahrzehntelangem Rückgang war im ersten Halbjahr dieses Jahres ein Anstieg bei den Todesopfern registriert worden.