Radarfallen

Blitzermarathon 2014 in Berlin - Die wichtigsten Fragen

In Berlin hat am Morgen der Blitzermarathon der Berliner Polizei begonnen, an 290 Kontrollstellen wird 24 Stunden lang geblitzt. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Überwachungsaktion in Berlin.

Foto: Steffen Pletl

Gegen 6 Uhr hat die Polizei ihren Blitzermarathon gestartet. Während in Berlin am Donnerstag an 290 Kontrollstellen rund um die Uhr geblitzt und gelasert wird, müssen sich die Autofahrer in Brandenburg 24 Stunden lang auf etwa 320 Radarfallen einstellen. „Wir würden uns freuen, wenn wir niemanden erwischen würden.

Ziel der Aktion ist es schließlich, dass niemand in der Stadt zu schnell fährt“, sagte eine Polizeisperecherin in Berlin. Doch dieses Ziel beleibt nur ein Wunsch. Bereits innerhalb der ersten halben Stunde wurden acht Raser gestoppt. Spitzenreiter bis dahin war ein Autofahrer, der mit 93 Stundenkilometern durch die Stadt brauste - das macht einen Monat Fahrverbot und ein Bußgeld von 160 Euro.

Auch die Pendler müssen auf der Hut sein, unabhängig davon, ob ihr Weg zur Arbeit sie nach Berlin oder in die Mark führt. Denn die Standorte der geplanten Blitzerfallen im Speckgürtel rings um Berlin umfassen praktisch alle im Berufsverkehr stark frequentierten Bundes- und Landstraßen.

Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum Blitzermarathon.

Warum betreibt die Polizei mit einem immensen Personalaufwand einen Blitzermarathon?

Die Polizei will das Thema Geschwindigkeit verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit rücken und Autofahrern möglichst in persönlichen Gesprächen das hohe Gefahrenpotenzial überhöhter Geschwindigkeiten verdeutlichen. Dabei geht die Polizei von der Überzeugung aus, dass zu schnelles Fahren kein Augenblicksversagen, sondern vielmehr persönliche Einstellungssache ist. Wer zu schnell fährt, tut dies grundsätzlich überall – auf der Autobahn, aber auch in Wohnstraßen. Nicht angepasstes und überhöhtes Tempo waren in vergangenen Jahr 2013 im Berliner Straßenverkehr die Hauptursachen für 2938 Verkehrsunfälle.

Im Vergleich zu 2012 sind die Unfallzahlen um 15 Prozent zurückgegangen. Wieso dann diese Blitzermarathon?

Die Polizei verweist auf die hohe Zahl von Verletzten. Bei mehr als jedem zweiten Unfall kam ein Mensch zu Schaden. Neun Personen starben im vergangenen Jahr in Berlin wegen überhöhter Geschwindigkeit. Das waren drei mehr als 2012 zuvor. Deutschlandweit betrachtet wird der Zusammenhang noch deutlicher. Von den insgesamt 3340 Verkehrstoten starb jeder Dritte an den Folgen überhöhter Geschwindigkeit, in Brandenburg war diese Zahl sogar noch höher. 2013 kamen durch Raserei 60 Menschen ums Leben, 1913 wurden verletzt.

Macht es vor diesem Hintergrund Sinn, die vorgesehenen Blitzerstellen vor der Kontrollaktion im Internet zu veröffentlichen? Läuft das Ganze so nicht ins Leere?

Es geht keinesfalls darum, möglichst viele Überschreitungen zu ahnden. Die Polizei möchte vielmehr Leben retten und mit jenen ins Gespräch kommen, die die gültigen Tempolimits missachtet haben. Ein Ziel ist, dass die Verkehrsteilnehmer mehr Verantwortung für ihre Mitmenschen übernehmen. Wer auf den Straßen unterwegs ist, möchte zumeist, dass auch die anderen sich an Regeln halten und niemand gefährden. Wer rast handelt unsozial, so ein Polizeisprecher. Rasen sei ein gesellschaftliches Problem, das jeden betreffe. Ob als Opfer, Hinterbliebener oder Täter. Deshalb warte man nicht, bis etwas Schlimmes passiere, sondern kontrolliere an diesem Tag überall dort, wo Gefahren bestünden und gerast werde, so der Sprecher.

Sind diese Ziele wirklich mit einer einmaligen 24-Stunden zu erreichen?

Die Polizei legt Wert darauf, die Verkehrsteilnehmer zu sensibilisieren. Schon geringe Geschwindigkeitsübertretungen können im Ernstfall gravierende Folgen haben. Mit zunehmender Geschwindigkeit wird nicht nur der Anhalteweg deutlich länger, auch die Wucht des Aufpralls im Falle eines Zusammenstoßes verstärkt sich gewaltig. Bereits wenige Stundenkilometer zu viel können insbesondere für die Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Beispielsweise kann eine Geschwindigkeitsüberschreitung von nur 20 Stundenkilometern in einer Tempo-30-Zone vor einer Schule oder in einem Wohngebiet für ein Kind tödlich sein, wenn es 15 Meter vor einem fahrenden Fahrzeug plötzlich auf die Fahrbahn läuft. Während der Fahrer bei vorschriftsmäßigen 30 Stundenkilometer noch knapp vor dem Kind zum Stehen kommen kann, würde er bei 50 Stundenkilometer das Kind voraussichtlich mit hoher Wucht erfassen.

Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt, hatte in Vorfeld eingeräumt, dass eine Einzel-Aktion nicht die Gewohnheiten von Fahrern und Fahrerinnen verändern kann. Lohnt es, einen Tag lang in Berlin 1400 Beamte und sämtliche 21 Videowagen einzusetzen, um einen „Impuls“ zu setzen?

In Berlin hat die Polizei für die Aktion das Motto gewählt: keine Hektik – keine Unfälle – kein Leid. Jeder Unfall weniger heißt auch weniger Leid für Betroffene und Angehörige. Obwohl die Beamten beim ersten Blitzermarathon vor einem Jahr das Fünffache der sonst übliche Geschwindigkeitskontrollen durchführten, habe man nicht mehr Raser als sonst registriert. Insgesamt stellte die Polizei aber während ihrer Aktion fest, dass es ein wesentlich entspannteres und rücksichtsvolleres Miteinander auf den Straßen gab. Häufig wurden die Polizisten von Passanten angesprochen, die sich häufig erfreut und verständnisvoll äußerten. Deshalb habe die Polizei dieses Jahr die Berliner aufgefordert, Stellen zu nennen, wo die Bürger Tempoüberwachung für mehr Sicherheit sehen wollen. Nahezu 5000 Vorschläge gingen der Polizei ein.

Was sagt die Polizei zur Kritik der Gewerkschaft der Polizei, die von einer Alibiaktion spricht?

Die Polizei verweist auf eine ähnliche Aktion zum diesjährigen Schulbeginn. Dort habe man auch stärker kontrolliert, um gerade die Erstklässler besser zu schützen. Auch diese Kontrollen waren angekündigt. Dennoch fuhren innerhalb einer Woche fast 6000 Autos vor Schulen zu schnell. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft schlägt vor, einen solchen Blitzermarathon über eine ganze Woche zu strecken, um so einen nachhaltigen Lerneffekt bei den Autofahrern zu erreichen.