25 Jahre Mauerfall

Wie vereint die Menschen aus Ost und West wirklich sind

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Philip Volkmann-Schluck

Foto: Reto Klar

Die Morgenpost und radioBerlin 88,8 laden zur Debatte über die deutsche Einheit. Die Frage, wie vereint die Menschen aus Ost und West nach 25 Jahren wirklich sind, wird n kontrovers diskutiert.

Als andere Redner in Erinnerungen schwelgen, dass für sie der Tag des Mauerfalls der Beginn von etwas Großem gewesen sei, geht Stefan Schützler dazwischen. „Sorry, dass ich die Party störe“, sagt der ehemalige DDR-Grenzsoldat.

Vielen Menschen sei am 9. November 1989 der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Auch ihm. Schützler ist seit zwei Jahrzehnten Sozialarbeiter. Er wisse, was der Mauerfall mit einigen Menschen gemacht habe, sagt er. Mit den Eltern aus Jena etwa, deren Kinder später Teil des mörderischen Terrornetzwerks NSU wurden. Schützler sagt: „Wir müssen über diese Eltern reden.“

Es wird viel Widerspruch zu dieser NSU-These geben, in der Diskussion zum Mauerfall, veranstaltet am Dienstagabend von der Berliner Morgenpost und dem radioBerlin 88,8 des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB).

Ein Abend, der überraschend deutlich gemacht hat: Die Frage, wie vereint die Menschen aus Ost und West nach 25 Jahren wirklich sind, wird noch immer kontrovers diskutiert. Auch wenn am Ende jeder Teilnehmer eine positive Bilanz zur Einheit ziehen wird – auch Sozialarbeiter Stefan Schützler –, bleibt der Eindruck: Jeder Akteur bleibt zu einem guten Stück in der Perspektive gefangen, aus der er damals den Umbruch erlebt hat.

Freche Wessis, naive Ossis

Jedenfalls ist kaum zu überhören, dass sich das Podium in Lager aus Ost und West teilt. Rechts sitzen die Westdeutschen Wolf Schöde, ehemaliger Sprecher der Treuhand, und Johannes Ludewig, damals Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer.

Mittendrin die Journalisten Christine Richter und Hajo Schumacher (beide Berliner Morgenpost) und Ingo Hoppe, Moderator von radioBerlin 88,8. Links sitzen die Ostdeutschen Christoph Singelnstein, Chefredakteur des RBB, und eben Stefan Schützler, der kurz vor dem Mauerfall als Grenzer angefangen hatte. Schützler sagt: „Der Mauerfall war der schlimmste Tag meines Lebens, aber seitdem ging es bergauf.“

Ex-Treuhand-Sprecher Schöde spricht lieber von Büroarbeit. An den Tag des Mauerfalls könne er sich nicht erinnern. Vermutlich habe er, so wie immer, an seinem Schreibtisch in Düsseldorf vor einem Aktenberg gesessen. Schöde will zeigen: Die DDR sei für ihn kein emotionales Thema gewesen. Immerhin hat die Treuhand in der DDR rund drei Millionen Beschäftigte auf die Straße gesetzt. Schöde sagt, er habe vor dem Mauerfall den Strukturwandel im Ruhrgebiet begleitet, also gewusst, was bittere Einschnitte bedeuten. Zwar ist längst enthüllt, dass auch bei der Treuhand einiges schiefgegangen ist.

Aber Schöde ist nicht hier, um Fehler einzugestehen. Er will klarmachen, dass grundsätzlich alles richtig gelaufen sei. Er sagt Sätze wie: „Es wäre naiv zu glauben, dass …“ und „… nicht konkurrenzfähig für den Weltmarkt“. Über sich sagt er: Zum Sprecher der Treuhand sei er berufen worden, weil er im Wirtschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen mit „frecher und zupackender“ Art auf sich aufmerksam gemacht habe.

Frech und zupackend. Moderator Hajo Schumacher kommentiert, dass es wohl genau diese Eigenschaften gewesen seien, die „Ossis an den Wessis“ so geschätzt hätten. Manchmal hilft eben die Ironie.

„Versicherungsvertreter“ und „Gebrauchtwagenhändler“

Ex-DDR-Grenzer Schützler ist jedenfalls nicht gekommen, um sich wieder über die Treuhand belehren zu lassen. Viele der Abwicklungen hätten die Ostdeutschen verstanden, sagt er. Aber er hätte sich gewünscht, dass der Westen „seine Besten“ geschickt hätte. Stattdessen seien vor allem „Versicherungsvertreter“ und „Gebrauchtwagenhändler“ gekommen. In einer Zeit, in der Ostdeutsche ein Leben mit Mieten, Konsum und Versicherungen erst lernen mussten.

Das klingt wieder nach Wildem Westen im Osten. Ging damals alles zu schnell? Johannes Ludewig erfuhr vom Mauerfall im Marriott-Hotel in Warschau, als Mitglied der Delegation des damaligen Kanzlers Helmut Kohl (CDU) auf Polenreise. Er erinnert sich, wie kompliziert es war, den Bundeskanzler damals nach Berlin zu bringen. Kohl habe erst nach Hamburg fliegen müssen, dann mit einer US-Militärmaschine nach Tempelhof. Wer Ludewig an diesem Abend über „Empathie und Härten“ sprechen hört, merkt schnell, dass er die damalige Zeit noch immer aus Reiseflughöhe betrachtet. Er spricht in sehr großen Einheiten, von tausend Milliarden Mark für den Aufbau Ost. Und über 370.000 sowjetische Soldaten, die in der DDR stationiert waren, von denen man im Herbst 1989 nicht wusste, ob sie losmarschieren würden. „Wir mussten schnell Fakten schaffen, die irreversibel waren“, sagt Ludewig.

Das klingt nach Zeitdruck. RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein sieht das anders. Lothar de Maizière, letzter DDR-Staatschef, hatte gesagt, die Einheit sollte „so schnell wie möglich und gut wie nötig“ herbeigeführt werden. Singelnstein will in diesen Worten weniger Druck erkennen, sondern Weisheit. Das bedeutet: Vieles ging ihm zu schnell. Am Tag des Mauerfalls, erinnert sich der RBB-Chefredakteur, rief ihn eine Freundin an. Sie wollte seine Schreibmaschine für eine subversive Schrift ausleihen. Singelnstein war Teil der christlichen Friedensbewegung. Er hat, auch wenn er es selbst zurückhaltender formuliert, die Opposition gegen das DDR-Regime mitgestaltet. Aber kurz nach der Wende, sagt Singelstein, hätten die Ostdeutschen nicht mehr gestalten können, sondern es sei „etwas mit ihnen gemacht worden“. Weil sie nur selten über die nötigen Netzwerke in Politik und Wirtschaft verfügt hätten, sie seien vielfach ausgeschlossen gewesen. Dass mit Kanzlerin Angela Merkel eine Ostdeutsche Karriere machte, sei ein „Totschlagargument“. In vielen Fällen sei es für Ostdeutsche nicht so gut gelaufen.

Kritik an Pauschalisierungen

Christine Richter, heute stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Morgenpost, war erst 17 Jahre alt, als ihre Eltern ihr sagten, sie sei zu jung zum Heiraten. Das war zu Beginn der 80er-Jahre. Ein Mann aus Dresden sollte es sein, mit der Perspektive, dass er in die Bundesrepublik kommen kann. Christine Richter ist im Westen aufgewachsen, aber die Mehrheit ihrer Familie lebte im Osten, dort war sie jedes Jahr, manchmal mehrmals im Jahr, zu Besuch. Sie kritisiert in der Runde vor allem die Pauschalisierungen, mit der Ostdeutsche beurteilt würden – von allen Mitdiskutanten. Wenn die NSU-These von Schützler stimme, sagt sie, „dann gäbe es heute sehr viele Terroristen“. Außerdem hätten sich auch in Ostdeutschland schnell Netzwerke gebildet. „Die Menschen sind doch nicht blöd gewesen“, sagt sie. Das bestätigt Singelnstein mit seiner eigenen Personalie: Er ist Ostdeutscher in einem Spitzenamt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Von einem einseitigen Blick berichtet auch Hajo Schumacher. In den Wendejahren war er Redakteur beim „Spiegel“ in Hamburg, dort sei es in Reportagen über den Osten meist um Stasi, Doping oder „Jammer-Ossis“ gegangen. Schumacher nennt das den „Elbchaussee-Blick“ auf die Welt. Und viel offener hätten viele Politiker in der damaligen Hauptstadt Bonn auf den Osten auch nicht geschaut.

Am Ende wird es versöhnlich. Singelnstein berichtet von seinem Sohn, der in Frankreich lebt und sich gar nicht mehr so sehr für die Ost-West-Thematik interessiere. Ex-DDR-Grenzer Schützler erzählt, bei welchem Gedanken er sich ertappe, wenn er Grenzorte in Polen oder Tschechien sehe, die ihn an die DDR erinnerten. Nämlich: „Danke, Helmut Kohl!“. Auch Ex-Treuhandsprecher Wolf Schöde tauscht sich seit Langem täglich mit einer Ostdeutschen aus: mit seiner Ehefrau.