Wohntrend

Hoch hinaus - Berlin hat das Hochhaus-Fieber gepackt

Wohntürme liegen im Trend: ob am Alex, am Postscheckamt oder im Steglitzer Kreisel. Die Projektentwickler setzen darauf, dass immer mehr Berliner ins Zentrum drängen - und Weitblick genießen wollen.

Foto: Eike Becker Architekten

Das Hochhaus-Fieber hat Berlin ergriffen. Während in Asien und den USA der unverstellte Panoramablick längst nicht nur bei Hotel- und Bürotürmen, sondern auch bei Wohnhäusern Standard ist, hinkte Europa diesem Trend bislang hinterher.

Doch nach London, wo aktuell gut zwei Dutzend Hochhäuser in Bau sind, hat nun auch Berlin das Hochhaus-Fieber gepackt. Ob am Alexanderplatz, am ehemaligen Postscheckamt in Kreuzberg oder auch im Steglitzer Kreisel: Immer mehr Projektentwickler setzen darauf, dass die Deutschen nicht mehr vom flächenverzehrenden Einfamilienhaus im Vorort träumen, sondern vom urbanen Leben mitten in der Stadt – am liebsten mit Weitblick.

Christoph Gröner ist einer der Projektentwickler, die fest an den neuen Wohntrend glauben. Der Chef der CG-Gruppe hat das Areal des alten Postscheckamtes am Halleschen Ufer 40-60 in Kreuzberg gekauft – samt dem 87 Meter hohen, bereits zum großen Teil leer stehenden Bürogebäude. Der neue Eigentümer hat in Absprache mit dem Bezirk sechs Architekturbüros aus Berlin, Köln und Zürich zu einem Ideenwettbewerb eingeladen, um das insgesamt 31.000 Quadratmeter große Areal zu beplanen.

330 Apartments auf 22 Etagen am Halleschen Ufer

Herzstück des Quartiers soll der ehemalige Postscheck-Tower werden: Auf den 22 Etagen des Hauses sollen rund 330 Apartments entstehen. „Allein für den Wohnturm gehen wir von einem Investitionsvolumen von 70 Millionen Euro aus“, sagt Christoph Gröner. Er setzt konsequent auf eine „flexible und schnelllebige“ Mieterschaft, auf Singles und Paare, denen Wohnungsgrößen mit ein bis drei Zimmern, verteilt auf 38 bis 60 Quadratmeter, völlig ausreichen. „Die Wohnung verstehen wir als individuelles Rückzugsgebiet“, sagt Gröner. Freunde treffen können die Mieter etwa in der Skylounge im obersten Stockwerk oder auf dem sogenannten Marktplatz im Sockel des Gebäudes.

Die Mieten sollen zwischen 12,50 und 15 Euro je Quadratmeter betragen – je höher im Haus, desto höher auch die Kosten, so die Faustregel. Durch die kleinen Grundrisse seien die Mietpreise durchaus massenkompatibel, meint Gröner. Zudem werde das Haus ja in ein neu zu bauendes Quartier eingebettet. Unter anderem sind auf dem Areal Wohnhäuser mit Vier- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen für Familien geplant, auch eine Kita soll neu gebaut werden. In den Mehrfamilienhäusern soll die Miete zehn Euro pro Quadratmeter kosten. Außerdem ist vorgesehen, dass ein Teil des Grundstückes an das kommunale Wohnungsunternehmen Degewo abgetreten wird. „Die Degewo wird auf 12.000 Quadratmetern rund 150 Wohnungen errichten“, so Gröner. Diese sollen an einkommensschwache Berliner abgegeben werden. Geplante Miete: 6,50 Euro pro Quadratmeter.

Vorbild Steglitzer Kreisel

Doch nicht nur Gröner, der aktuell auch dem Steglitzer Kreisel, dem asbestverseuchten, 118,5 Meter hohen Verwaltungsgebäude mit 27 Stockwerken eine Zukunft als Wohnturm geben will, setzt auf Wohnen mit Weitblick. Weil auf dem Wohnungsmarkt in Berlin die Preise seit 2009 kräftig steigen, wagen sich die Anbieter zunehmend an Hochhäuser. Die sind in der Herstellung zwar teurer, können dafür aber auf geringerer Fläche entstehen.

So baut „Die Wohnkompanie“ gleich neben der O2 World in Friedrichshain zwei Hochhäuser. Auf dem nur knapp 10.000 Quadratmeter großen Baugrundstück entstehen zwei 86, beziehungsweise 95 Meter hohe Türme mit insgesamt 420 Wohnungen. In den Sockelgeschossen der geplanten 23- und 26-Geschosser sind neben Wohnungen auch 77 möblierte Appartements mit Zimmerservice sowie Läden, Cafés und eine Kita vorgesehen. Der Miet- beziehungsweise Kaufpreis ist – je nach Höhe der Wohnung – weit gespannt: neun bis 14 Euro pro Quadratmeter soll die Miete betragen, die Kaufpreise differieren zwischen 2500 und 8000 Euro pro Quadratmeter.

Wohntürme am Alexanderplatz

Besonders hoch hinaus wollen zudem gleich zwei Investoren am Alexanderplatz in Mitte. Der amerikanische Projektentwickler Hines plant einen 150 Meter hohen Wohnturm, der direkt an das Einkaufszentrum „Die Mitte“ angebaut werden soll. Im Januar wurde in einem Wettbewerb der Entwurf des Architekten Frank O. Gehry für das Gebäude ausgewählt.

Der russische Investor MonArch möchte ebenfalls am Alexanderplatz einen 150 Meter hohen Wohnturm errichten. Für das Projekt direkt neben dem Shoppingcenter Alexa gibt es bereits einen positiven Bauvorbescheid vom Bezirk Mitte. Noch in diesem Herbst könnte der Bauantrag eingereicht, bis Ende 2018 das Gebäude fertiggestellt werden.

Bis vor wenigen Jahren hatten Wohnhochhäuser in Berlin noch ein schlechtes Image. Die Wohnblöcke, die in den 1960er-Jahren in der Neuköllner Gropiusstadt – etwa das Ideal-Wohnhaus mit 89 Metern – oder im Märkischen Viertel in Reinickendorf entstanden, waren bereits in den 70er-Jahren als seelenlose Wohnmaschinen in Verruf geraten. Gleiches galt, etwas zeitversetzt, auch für die monotonen Plattenbauten in der DDR, die in den 70er- und 80er-Jahren massenhaft in Marzahn und Hellersdorf am Stadtrand errichtet wurden.

Mit diesen Wohnsilos haben die neuen Türme kaum noch etwas gemein. Die Hochhäuser der Zukunft stehen nicht am Stadtrand, sondern bevorzugt mitten in der Stadt. „Prominente, prestigeträchtige Standorte kennzeichnen heutige Wohnturm-Projekte“, sagt Julius Stinauer, Wohnungsbau-Experte beim Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle (JLL). Das gelte für London, Frankfurt am Main und Berlin gleichermaßen. Zielgruppe der meisten Projektentwickler seien daher internationale Käufer und eine anspruchsvolle „Avantgarde“. Hochhausvorhaben als „gemischte Projekte“ mit einem niederpreisigen Segment seien daher schwierig, so seine Einschätzung. Da Hochhäuser zudem innovative Lösungen bei Architektur, Betrieb und Bautechnik erforderten, könne preiswertes Wohnen nur bedingt funktionieren. „Beim Projekt am Halleschen Ufer findet das preiswerte Wohnen ja auch neben dem Turm statt“, ergänzt Stinauer.

Schlafstädte sind Vergangenheit

Während der Immobilienexperte also skeptisch ist, ob sich Hochhäuser wirklich für alle Einkommensklassen errichten lassen, sind Architekten optimistischer.

„Wir erleben eine Renaissance der Innenstädte. Es ist großartig zu sehen, wie sich der Trend der Hinaus-aufs-Land-Bewegung wieder umgekehrt hat“, sagt Eike Becker. Der Berliner Architekt hat den Vorentwurf zum Quartier am Halleschen Ufer geliefert. Doch nicht nur der Standort, auch das Innenleben der neuen Hochhäuser habe sich radikal verändert. Heute entstünden keine monofunktionalen Schlafboxen mehr, sondern Türme, in denen Geschäfte, Fitnessstudios und Kindertagesstätten gleich mitgeplant werden.

Der starke Zuzug von Neuberlinern mit ihren ganz speziellen Bedürfnissen nach Zentralität und Flexibilität habe Berlin in den vergangenen zehn Jahren stark verändert, so Becker weiter. „Die Mobilisierung und Miniaturisierung der Technik verändert die Art und Weise wie wir arbeiten, leben und uns orientieren, radikal“, so der Architekt. „Die Wohnkonzepte müssen sich deshalb stärker an die diversifizierte Gesellschaft anpassen“, fordert er. In jedem Fall gehe es um durchmischte Quartiere. „Nur sie sind in der Lage, die gesellschaftlichen Gruppen zusammen zu halten und die urbane Lebensqualität zu bieten, die Nachbarschaften und Quartiere attraktiv machen“, sagt Becker. Wenn nicht alles unter dem Dach eines Hochhauses, dann doch zumindest in unmittelbarer Nachbarschaft. So wie beim Postscheckamt.