BVG-Baustelle

Panne im U5-Tunnel - Experten rätseln über Ursache

Nach der Panne an der U5-Baustelle ist weiter unklar, wie es zu dem Vorfall kommen konnte. Tonnenweise Erde und Wasser waren in den Tunnel gerutscht. Die Linden bleiben bis Dienstagmittag gesperrt.

Foto: David Heerde

„Bärlinde“ führt Tagebuch. In unregelmäßigen Abständen berichtet der Tunnelbohrer auf der Webseite der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) über alles, was ihm so auf seiner Reise durch das Berliner Erdreich widerfährt. „Ich bin ohne Probleme nach 1617 Metern am Bahnhof Brandenburger Tor angekommen“, heißt es etwa am 18. Juli mit dem Zusatz, dass der nächste Eintrag im Herbst folgt. Dann soll der Bau der zweiten Tunnelröhre beginnen.

Vielleicht wird „Bärlinde“ es sich noch mal überlegen. Denn was Arbeiter am Sonntagmorgen um 6 Uhr im ersten, bereits fertiggestellten Tunnel der neuen U-Bahn-Linie 5 entdeckten, ist einen Tagebuchvermerk wert. Im Abschnitt zwischen Brandenburger Tor und dem zukünftigen Bahnhof Unter den Linden drangen Wasser, Sand und Erde in den unter der Straße verlaufenden Tunnel – nach BVG-Angaben rund sechs Kubikmeter. An dieser Stelle ist derzeit auch „Bärlinde“ geparkt, der Einbruch ereignete sich im Bereich von Schildmantel und Schildrad.

Ein 200 Meter langer Abschnitt von Unter den Linden wurde umgehend für den Autoverkehr gesperrt. Es ist nicht die erste Panne des Projekts, das die U5 und die U55 zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz verbinden soll. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen.

Bestehen aufgrund des Vorfalls irgendwelche Gefahren?

Laut BVG ist die Straße nicht akut einsturzgefährdet. Es habe keinen Wassereinbruch gegeben, auch sei die Straße nicht abgesackt, wie BVG-Projektsprecherin Heike Müller bestätigte. Weder Tunnel noch Tunnelbohrer seien beschädigt worden. Trotzdem könnten Hohlräume entstanden sein – und eben diese können ein Absacken der Straße verursachen. Unangenehm ist, dass keiner der Sensoren, die im Bereich der Baustelle auf der Straße und im Tunnel installiert sind, Alarm schlugen. Sie sollen eigentlich vor derartigen Ereignissen warnen. Die Sensoren sind der BVG zufolge aber „in Ordnung“.

Wie konnte das passieren?

„Es ist ein Mysterium“, sagte Müller, gerade weil „Bärlinde“ derzeit nicht in Betrieb sei. Also keine Vibrationen auslöst, die einen Erdrutsch verursachen könnten. Eine wahrscheinlichere Ursache ist das Grundwasser. „Der Druck hier ist so hoch, als würde man in 15 Metern Tiefe tauchen“, erklärt Benjamin Sokolowski, U5-Sprecher des Bauunternehmens Bilfinger Construction. Dies führe dazu, dass das Grundwasser sich stark bewege. Die alte Weisheit der Tunnelbauer scheint zu gelten: „Vor der Hacke ist es duster.“ Soll heißen: Was genau im Untergrund geschieht, lässt sich nicht vorhersagen. Und der mit Findlingen und Geschiebemergel durchsetzte märkische Sand der Hauptstadt ist immer für eine Überraschung gut.

Welche Maßnahmen wurden eingeleitet?

Um eventuelle Hohlräume aufzuspüren, nahmen Experten Sondierungsbohrungen vor. Damit soll geprüft werden, wie belastbar die Straße ist. „Der Asphalt wird aufgestemmt, damit Rohre bis in zehn Meter Tiefe geführt werden können“, so Müller. Eine erste Reihe von Bohrungen am Sonntag kam zu dem Ergebnis, dass es keine Auffälligkeiten direkt unter der Fahrbahnoberfläche gab. Stattdessen ist bekannt, dass Wasser, Sand und Erde von unten in den Tunnel eindrangen. „Wo genau die sechs Kubikmeter Erdmasse fehlen, wissen wir aber nicht“, sagte Sokolowski. Die Arbeiten am Tunnelbohrer, der derzeit in seine Einzelteile zerlegt wird, wurden gestoppt.

Was bedeutet die Panne für den Straßenverkehr?

Die BVG will kein Risiko eingehen, Sicherheit wird groß geschrieben. Zwischen Schadow- und Wilhelmsstraße wurde Unter den Linden in Fahrtrichtung Brandenburger Tor gesperrt, ebenso ein Teil des Gehwegs. Autofahrer waren am Montag gezwungen, den Bereich zu umfahren. Die Buslinien 100 und TXL mussten umgeleitet werden.

Wann ist die Straße wieder befahrbar?

Die Sondierungsbohrungen wurden am Montagnachmittag abgeschlossen, am Abend war die Straße noch gesperrt. Das wird auch mindestens bis Dienstagmittag so bleiben.

Ist das der erste Zwischenfall?

Nein. Im Oktober 2013 kam das Projekt für ein halbes Jahr zum Stehen. Verantwortlich waren Probleme mit dem Grundwasser. In der Baugrube des Bahnhofs Museumsinsel war der Wasserzulauf doppelt so hoch wie erwünscht. Wegen der Gefahr von Wassereinbrüchen wurde „Bärlinde“ gestoppt.

Wie schreiten die Arbeiten insgesamt voran?

Bis auf die unangenehmen Überraschungen im Erdreich verlief der U5-Lückenschluss bislang ordentlich. Die Verantwortlichen sind optimistisch, dass die Zerlegung von „Bärlinde“ am Dienstag fortgesetzt werden kann. In zweieinhalb Monaten soll der Bohrer am Marx-Engels-Forum mit dem Bau der zweiten Röhre beginnen. Bis zur Eröffnung der neuen Linie dauert es aber noch mehr als fünf Jahre.