Berliner Kultur

Von Iggy Pop und Jenny mit der Ratte - Das "SO36" wird 36

Spielwiese für Punk und Wave, Saal für türkische Hochzeiten, Poeten und Straßenschlachten – das „SO36“ hat alles erlebt. Jetzt wird es 36. Zeit für einen Rückblick auf eine Berliner Institution.

Foto: ullstein bild

Eigentlich ist am 30. Juni 1979 schon wieder alles vorbei. "Letzte Nacht im SO36" steht auf dem schwarz-weißen Flyer, der ein ambitioniertes Abendprogramm und den endgültigen Abschied androht. Die gerade mal 20 Jahre alte Lydia Lunch aus New York macht auf der grell hellen Bühne mit blutrot geschminkten Lippen und ihrer No-Wave-Band Teenage Jesus & The Jerks ordentlich Lärm. Ein Dutzend Songs in zehn Minuten. Adele Bertei & Her Assasins, auch aus New York, lärmen Elektro-Pop ins Publikum. Beth & Scott B. zeigen ihren Experimentalfilm "Black Box".

Und mitten im Publikum steht Martin Kippenberger, der Maler, Aktionskünstler und selbsternannte Zwangsbeglücker, der nach nicht einmal zwei Jahren dem schrillen Kunstraum, den er geschaffen hat, wieder den Rücken kehrt. Nach dieser langen letzten Nacht wird er Berlin verlassen. Doch der Mythos, den er da an der Kreuzberger Oranienstraße beschworen hat, ist längst nicht am Ende. Das "SO36" hat die Jahre überdauert, war Festsaal für türkische Hochzeiten, Spielwiese für Punk und New Wave, erlebte Saal- und Straßenschlachten, wurde von der Baupolizei geschlossen, von Hausbesetzern eingenommen, von der Polizei geräumt, wieder geschlossen und 1990 schließlich renoviert und neu eröffnet.

Bingo-Abende und Punkrock-Konzerte

Ein Kollektiv, der Verein Sub Opus 36 e. V., führt das "SO36" bis heute als multikulturelles Haus mit 50 Mitarbeitern, in dem Technopartys und schwule Tanznachmittage ebenso ihren Platz haben wie Bingo-Abende oder lautstarke Punkrock-Konzerte. Und versucht so im längst von der Gentrifizierung überwältigten Kreuzberg den Geist des Legenden umwobenen Ladens am Leben zu halten. Am 12. August wird das "Esso" 36 Jahre alt, was eine Woche lang mit Konzerten, Partys und einer Ausstellung gefeiert wird.

Ende der 70er-Jahre träumen Achim Schächtele, Klaus-Dieter Brennecke und Andreas Rohè davon, in Berlin einen Musikladen zu eröffnen, wie es der Ratinger Hof in Düsseldorf war. Oder noch besser: das CBGB's in Downtown New York. Einen Raum für revolutionäre Töne, für extreme Ideen, für moderne Musik. Am 12. August 1978 eröffnen sie mit einem zweitägigen Festival ihr "SO36". "Mauerfestival" nennen sie es provokant, am 17. Jahrestag der Errichtung der Berliner Mauer. Punk- und New-Wave-Bands wie The Wall, Mittagspause, Male, S.Y.P.H., DIN A Testbild oder die Stukka Pilots treten auf. Auch Berlins erste Punkband PVC ist dabei, die mit ihrem "Wall City Rock" gerade einen Szenehit gelandet hat.

Doch schon wenige Monate später wird das Geld knapp. Auftritt: Kippenberger. Er kauft Brennecke seine Anteile ab und macht das "SO36" zu einem Kunstraum für avantgardistische Experimente. Immer wieder treten Punkbands auf, aber immer öfter auch experimentelle Grenzüberschreiter wie The Red Crayola oder Throbbing Gristle. Ein denkwürdiger Abend bleibt der Auftritt des New Yorker Underground-Elektro-Duos Suicide im "SO36". Sie kommen sehr, sehr spät. Martin Rev steht in Sonnenbrille und schwarzem Leder an Keyboard und Drumcomputer und lässt einen rhythmisch hämmernden Sound auf das Publikum los. Als Sänger Alan Vega dazustößt, fliegt die erste Bierdose Richtung Bühne. Vega ist sauer. Rev bleibt stoisch hinter seinem Synthesizerpult. Noch eine Dose fliegt und noch eine. Die beiden verlassen die Bühne. Nur der zerrende Elektrobeat schneidet unbarmherzig durch die dicke Luft.

Es qualmte, als würde es brennen

Die fliegenden Bierdosen sind legendär. Immer wieder macht das Publikum sich durch gezielte Proteste Luft. Manch eine Band dreht den Spieß um und wirft die Dosen zurück aufs Publikum. An manchen Abenden gibt es regelrechte Saalschlachten. An anderen ist es einfach dunkel. Die Schweizer Performance-Künstlerin Anne Jud lässt sich 1979 von 20 Uhr bis 8 Uhr am nächsten Morgen im verdunkelten "SO36" einschließen. Mit Selbstauslöser macht sie Fotos von sich. Eine Serie von 36 Bildern entsteht für eine Ausstellung. Für Kippenberger ist das "SO36" ein großes Experiment. Nimm einen leeren Raum, fülle ihn mit Menschen und sieh zu, was passiert. Das "SO36" – ein großer Versammlungsraum. Und alle kamen. Spät in der Nacht. Die jungen Wilden aus ihren Ateliers um die Ecke. Die West-Berliner Bohème. Die Punks und Poeten. Auch David Bowie im weißen Anzug samt Iggy Pop im Schlepptau.

Ein volles "SO36" war freilich schier nicht auszuhalten. Draußen, am Scherengittertor vor dem langen Gang in den Saal, quoll Qualm hervor, als würde es im Inneren brennen. Die Luft drinnen war zum Schneiden dick. Es roch nach Bier und Zigaretten, Körperflüssigkeiten und feuchtem Beton. Der Boden übersät mit Bierdosen. Und Glasflaschen. Und es regnete. Tatsächlich. Während Punks vor der Bühne Pogo tanzten, tropfte ein Gemisch aus Schweiß und Kondenswasser von der Decke. Das gab es nur im "SO36". Das gehört ebenso zu den frühen Jahren wie Punkerin Ratten-Jenny, die stets ihre weiße Ratte auf der Schulter ausführte. Sie war fast immer da. Und hätte sich eines Nachts beim Stagediving fast alle Knochen gebrochen, als sie durch den morschen Hallenboden brach und in die Tiefe stürzte. Fast.

Anzugliebhaber Kippenberger indes hatte es sich längst mit den Punks verscherzt, die ihm vorwarfen, aus dem "SO36" einen Luxus-Kommerz-Laden zu machen. Das Avantgarde-Konzept war ihnen zu verquast. Außerdem war das Bier zu teuer. Während eines Konzerts der britischen Band Wire stürmte ein Kommando "Punks gegen Konsumscheiße" das Lokal und ließ gleich noch die Abendkasse mit 2500 DM mitgehen.

Die "Letzte Nacht im SO 36" gab es schon 1979

Während eines anderen Konzerts ging besagte Ratten-Jenny auf Kippenberger los. Er warf sie raus. Sie kam zurück und malträtierte ihn mit einer Bierflasche. Er verarbeitete das Ereignis in einem seiner nach einem Foto entstandenen Bilder, das ihn mit bandagiertem Gesicht im Krankenhausbett zeigt. "Dialog mit der Jugend" hat der damals 26-Jährige es ironisch genannt. So die Legende. Das Gemälde "Dialog mit der Jugend" entstand tatsächlich nach einer schweren Prügelei mit Jugendlichen. Die fand allerdings laut Kippenberger im ehemaligen "Café Swing" am Nollendorfplatz statt.

So kam es am 30. Juni 1979 zur "Letzten Nacht im SO 36". Die Leute wollten einfach nicht sehen, dass das Ganze ein Experiment sei, meinte ein resignierter Kippenberger. Spontaneität sei nicht möglich, darum wolle er hier nichts mehr machen. Und überließ den Laden anderen. Jenny mit der Ratte lebt heute in London. Martin Kippenberger machte eine steile Karriere in der zeitgenössischen Kunstszene. Er starb 1997 in Wien an Leberkrebs.

Das "SO36" wurde Anfang der 80er-Jahre von seinen neuen türkischen Besitzern in "Merhaba" umbenannt. Doch es blieb in erster Linie Konzertsaal. The Cure spielten hier und The Fall, New Order und Bauhaus. Und als beim Konzert der Dead Kennedys Tausende Menschen vor dem nur 500 Besucher fassenden "SO36" Schlange standen, war die Oranienstraße für eine Nacht lahmgelegt.

Spielstätte mit internationalem Ruf

Längst hat sich das "SO36" als Spielstätte mit sowohl legendärem als auch internationalem Ruf etabliert. Und bei so manchem Punkkonzert weht ein Hauch der frühen Jahre durch die aufgefrischten Mauern, die in den 80er-Jahren noch von den Einstürzenden Neubauten mit dem Presslufthammer bearbeitet wurden. Auch die bislang letzte drohende Schließung ist überstanden. 2009 war das. Anwohner beschwerten sich vehement wegen Lärmbelästigung. Doch Punk auf Zimmerlautstärke funktioniert nun mal nicht. Eine Mauer musste her, wie sie schon beim Eröffnungskonzert eine Rolle gespielt hatte. Doch für eine Lärmschutzwand war kein Geld da. Da sprangen die Düsseldorfer Toten Hosen als Freunde des Hauses in die Bresche. Sie gaben ein Konzert im "SO36" und spendeten die gesamten Einnahmen.

Die ersten 36 Jahre sind geschafft. Das wird nun gefeiert. Am Jubiläumsdienstag gibt es die "36 Jahre Punkrockgeburtstagssause" mit den beiden Punk-Coverbands Brutal Verbimmelt und Bad Brains und 36 Punkrocksongs aus 36 Jahren. Und die Galerie Knoth und Krüger in der Oranienstraße 188 zeigt die multimediale Ausstellung "36 Jahre SO36" mit Erinnerungsstücken, Fotos, Filmen, Videos und Musik aus allen Epochen. Die nächsten 36 Jahre können kommen.

Foto: SCHROEWIG / pa/BP

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