Straßenverkehr

Fahrradstaffel will Rot-Grün-Blindheit der Berliner kurieren

Seit drei Wochen ist die Fahrradstaffel der Polizei in Berlin unterwegs. Eine erste Bilanz: Viele Berliner kennen die Verkehrsregeln nicht. Und manchmal kommt es zu Gewissenskonflikten.

Foto: David Heerde

Erstaunt blickt die junge Frau den Beamten durch ihre große Brille an. „Das hab’ ich gar nicht mitgekriegt“, gibt sie zu. Ihr Gesichtsausdruck und ihre Körpersprache drücken aus, was wohl die meisten „erwischten“ Radfahrer fühlen. Man begreift, soeben bei Rot über die Ampel gefahren zu sein und ist genervt, dass diese beiden ambitionierten Polizisten einem das jetzt auch noch unter die Nase reiben.

Aber böswillig tun das Henri Krause und seine Kollegin Nadine Hartung nicht. Mit ihren knackig-engen Uniformen, den schnittigen Sonnenbrillen und Jacken in Signalfarben würden sie auch gut an das Set von Baywatch passen. Würde auf den Jacken nicht so groß „Polizei“ stehen.

Die beiden gehören zur Fahrradstaffel, die am 16. Juli ihren Einsatz begann und für eine dreijährige Testphase durch Mitte patrouillieren wird. 15 Männer und fünf Frauen sind mit dem Rad unterwegs, sie sollen die Lücke schließen zwischen Fußstaffel und Funkstreifenwagen, vor allem, was die Mobilität angeht.

Verfolgungen durch Parks und enge Straßen sind für die Cops auf Rädern kein Problem. Die Vorteile, die der Einsatz der Velo-Polizisten gegenüber dem herkömmlichen Streifendienst bietet, treten offen zutage, auch die Verantwortlichen bei der Berliner Polizei haben sie nicht erst heute erkannt.

Überlegungen zur Einrichtung der Fahrradstreife gab es in der Vergangenheit häufig, nur mit der Umsetzung haperte es lange Zeit. Ursachen waren vor allem das fehlende Geld, aber auch planerische Fehler. Nun aber ist die Streife da und kümmert sich auf ihren Pedelecs und City-Bikes um alles, was zum Polizeialltag gehört. Bürgerbeschwerden, Sondereinsätze, Diebstahl. Und natürlich um farbenblinde Radfahrer.

Verträumt über die rote Ampel

Die junge Frau, die – eine rote Ampel ignorierend – von der Tor- in die Tucholskystraße eingebogen ist, fragt ein bisschen verstimmt nach ihren „Optionen“. Henri Krause erklärt ihr, was nun passieren wird, während seine Kollegin die Daten der jungen Frau aufnimmt.

„Sie bekommen bald Post von der Bußgeldstelle und können sich dann zum Sachverhalt äußern, ihn auch dementieren, sagen, es war eindeutig grün! Das würde dann vor Gericht landen“, schildert er das Vorgehen. „Oder Sie bezahlen einfach das Bußgeld, etwa 125 Euro.“

In dieses Schicksal scheint sich die junge Frau innerlich ohnehin schon ergeben zu haben, auch den Punkt in Flensburg nimmt sie hin. „Ich träum’ auf dem Rad immer so ein bisschen“, bekennt sie, bevor sie in die Auguststraße entschwindet. Nadine Hartung blickt ihr nach. „Das haben wir bei Frauen so häufig“, sagt sie nachdenklich. „Die sagen oft, sie waren mit ihren Gedanken ganz woanders. Echt gefährlich.“

„Manche bedanken sich sogar“

Die Reaktion der Radfahrerin sei insgesamt positiv gewesen, resümiert ihr Kollege. „Die meisten sind echt nett und sagen, oh Gott, das tut mir leid. Manche bedanken sich sogar.“ Es sei erschreckend, wie viele Leute keine Ahnung von Verkehrsregeln hätten, sagt Hartung. „In einer Stadt wie Berlin braucht man ja kaum einen Führerschein, deshalb lernt keiner mehr die Regeln.“ Dass jemand so richtig genervt ist und ausfallend wird, komme eher selten vor.

Bei einer amerikanischen Touristin, die ebenfalls das Rotlicht ignoriert, lassen sie kurz darauf Gnade vor Recht ergehen. Erschrocken erklärt sie, in Amerika sei es an vielen Kreuzungen durchaus erlaubt, auch bei Rot rechts abzubiegen, wenn frei ist. Die beiden Beamten belassen es bei der Aufklärung und freuen sich sichtlich, die Welt ein Stückchen schlauer gemacht zu haben. „Ich ahnde gar nicht so gerne“, sagt Krause. „Präventiv arbeiten finde ich viel wichtiger.“ Seine Kollegin gibt zu, ein wenig Jagdinstinkt sei schon da, wenn man so neben einer Ampel der Dinge harre. „Aber wenn ich keinen erwische, heißt das doch, dass ich gute Arbeit mache“, sagt Krause. Nebenbei fordert er einen vorbeifahrenden Flaschensammler auf, doch bitte mit seinem Rad auf der Straße und nicht auf dem Gehweg zu fahren. Der Mann brabbelt Unverständliches, steigt aber ab. Oft sei Fingerspitzengefühl nötig, sagt Krause dann. „Hier in Mitte geht’s ja noch“, lacht er. „Aber vorher war ich in Kreuzberg, das ist wirklich phänomenal, was für skurrile Gestalten man da kennenlernt.“

Etwa fünf bis zwölf Anzeigen schreiben die beiden pro siebenstündiger Streife, mal mehr, mal weniger. Offizielle Bilanzen möchte die Polizei aber noch nicht herausgeben nach den bislang erst 21 Tagen Dienstzeit der Velo-Polizisten. Nur so viel: 900 Stunden wurden bisher gefahren und zehn Schwerpunktkontrollen außerhalb der regulären Streife durchgeführt, etwa eine Sonderaktion zum Rechtsabbiegen, der Lieblingsverstoß unter Berliner Autofahrern. Bei Radfahrern hingegen führt eine akute Rot-Grün-Blindheit am häufigsten zu Bußgeldbescheiden.

Es gibt Grenzfälle

Dabei kommen die beiden Beamten auch häufig in Gewissenskonflikte, wie sich kurz darauf zeigt. Eine 87-jährige Frau ignoriert die rote Ampel und schlingert mit schweren Taschen die Torstraße entlang. Anfangs erschüttert – „Aber ich hab doch geguckt“ –, will sie sich dann von dem Polizisten ihre Reaktionsfähigkeit nicht absprechen lassen. „Reagiern tu ick noch janz jut!“, antwortet sie resolut. Trotzdem, in 14 Tagen bekomme ihr dementer Mann endlich einen Rollstuhl, dann könne sie ja auch das Rad stehen lassen und mit ihm gemeinsam einkaufen gehen. Während sie nach ihrem Ausweis kramt, wechseln die beiden Polizisten einen kurzen Blick. Der Seniorin so viel Geld abknöpfen? Wortlos entscheiden sie sich für eine einfache Anzeige, etwa 60 Euro. „Sie soll es ja auch begreifen“, sagt Hartung später. „Ein echter Grenzfall“, seufzt Krause.

Aber den Job machen beide gern. Der Aufruf, sich bei der geplanten Fahrradstaffel zu bewerben, kam den beiden radaffinen Polizisten wie gerufen. „Ich fahr eh schon an die 15.000 Kilometer im Jahr“, sagt Henri Krause.