Verkehr

Lastwagen erfassen Radfahrer – Drei Unfälle in einer Stunde

In Berlin kam es am Mittwochmorgen zu drei Verkehrsunfällen, bei denen Radfahrer unter Lastkraftwagen gerieten. Eine Frau starb, die zwei anderen Opfer wurden schwer verletzt.

Foto: schroeder

Eine Frau kam ums Leben, zwei weitere erlitten lebensgefährliche Verletzungen. Gerade einmal 45 Minuten betrug am Mittwoch die Zeitspanne zwischen den drei Unfällen. In allen drei Fällen waren die Opfer Radfahrerinnen und jedes Mal kollidierten sie in Kreuzungsbereichen mit Lastkraftwagen. Die erschreckende Häufung innerhalb kürzester Zeit macht einmal mehr deutlich, dass Fehler beim Abbiegen zu den häufigsten Unfallursachen in Berlin gehören. Und warum die Konstellation Lkw gegen Radfahrer für Letztere fast immer mit fatalen Folgen verbunden ist.

Der erste Unfall passierte gegen 7 Uhr morgens in Friedrichshain. Dort befuhr eine 39 Jahre alte Radlerin die Karl-Marx-Allee stadteinwärts. An der Kreuzung Straße der Pariser Kommune wollte ein Lkw-Fahrer, der in der gleichen Richtung unterwegs war, mit seinem Fahrzeug nach rechts abbiegen. Dabei übersah der 31-Jährige die Radfahrerin. Die Frau geriet unter den schweren Lkw und wurde dabei so schwer verletzt, dass sie trotz aller Bemühungen eines alarmierten Notarztes noch vor Ort starb. Während der Unfallaufnahme durch den Verkehrsermittlungsdienst der Polizeidirektion 5 war der Kreuzungsbereich für mehr als drei Stunden gesperrt. Dadurch kam es während des morgendlichen Berufsverkehrs in kürzester Zeit zu langen Staus auf der Karl-Marx-Allee.

Ein weiterer Unfall ereignete sich nur 15 Minuten später in Reinickendorf. Dabei wurde eine 48-Jährige, die mit ihrem Rad an der Gotthardstraße in Richtung Scharnweberstraße unterwegs war, gegen 7.15 Uhr von einem Lkw erfasst, als dieser nach rechts in die Scharnweberstraße einbiegen wollte. Alarmierte Rettungskräfte der Feuerwehr behandelten die lebensgefährlichen Verletzungen der Frau vor Ort. Als diese schließlich transportfähig war, wurde sie in eine Klinik eingeliefert, wo sie zur weiteren Behandlung auf die Intensivstation kam. Unmittelbare Lebensgefahr bestehe nicht mehr, hieß es am Mittwochnachmittag. Die Scharnweberstraße blieb nach dem Unfall in Richtung Kurt-Schumacher-Platz für knapp zwei Stunden gesperrt.

Kinder in besonderer Gefahr

Kritisch, aber stabil war noch am Nachmittag der Zustand einer weiteren Radfahrerin, die am Morgen in Mitte ebenfalls lebensgefährliche Verletzungen erlitten hatte. Exakt 30 Minuten nach dem Unfall in Reinickendorf befuhr die 46-Jährige die Gartenstraße in Richtung Torstraße. An der Kreuzung Tieckstraße wurde die Frau von einem abbiegenden Kleinlaster erfasst, sie erlitt dabei schwere Kopfverletzungen und mehrere Knochenbrüche. Nach einer Sofortbehandlung durch einen Notarzt vor Ort kam sie ebenfalls auf die Intensivstation eines Krankenhauses.

In allen drei Fällen haben die Verkehrsdienste der jeweils zuständigen Direktionen die Ermittlungen zu Unfallursache und Hergang übernommen.

Fehler beim Abbiegen waren im vergangenen Jahr mit deutlichem Abstand die Hauptunfallursache auf den Straßen Berlins, 11.017 Fälle registrierte die Polizei. Zum Vergleich: Die drei nachfolgenden Hauptunfallursachen Missachten der Vorfahrt, Geschwindigkeitsüberschreitungen und Alkohol kommen zusammen auf etwas mehr als 10.000 Fälle. Als besonders unfallträchtig erweist sich dabei seit Jahren immer wieder der so genannte tote Winkel. Er bezeichnet einen beim Abbiegen vom Fahrer trotz Rückspiegels nicht einsehbaren Bereich seitlich seines Fahrzeugs. Besonders groß ist dieser Bereich bei Lkw und Bussen.

Welche fatalen Folgen das haben kann, zeigen die drei Unfälle am Mittwochmorgen. Einer Untersuchung zufolge sterben in Deutschland jährlich etwa 140 Menschen durch Fehler beim Abbiegen, eine andere Erhebung kommt gar auf 200 Todesopfer. Fast alle sind Radfahrer und Fußgänger. Experten fordern seit Jahren neue gesetzliche Regelungen. Dazu gehören unter anderem die Pflicht zum Anbringen weiterer Seitenspiegel, die den toten Winkel deutlich verringern, sowie die Installation elektronischer Warnsysteme an den Seiten der Fahrzeuge.

Doch nicht nur die eingeschränkte Sicht für Lkw- oder Busfahrer führt immer wieder zu Unfällen. Auch Radfahrer selbst bilden durch ihr Verhalten ein immenses Risiko. Sie treten etwa durch Unachtsamkeit nicht nur besonders häufig als Unfallopfer in Erscheinung, sondern auch als Verursacher. Knapp 7000 Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern registrierte die Berliner Polizei im vergangenen Jahr, in mehr als der Hälfte aller Fälle waren die Radler auch Verursacher des Unfalls.

Eine besondere Risikogruppe stellen dabei aufgrund ihrer noch unzureichenden Kenntnisse und Erfahrungen Kinder dar. 475 radfahrende Kinder wurden 2013 Opfer von Unfällen, 358 von ihnen hatten den Unfall selbst verursacht. Ähnlich ist die Situation bei Jugendlichen und Senioren. Insgesamt wurden bei 6952 Unfällen mit Radfahrerbeteiligung 4759 Menschen leicht und 631 schwer verletzt, neun kamen ums Leben. Damit war jeder vierte Verkehrstote 2013 ein Radfahrer.

Doch es ist keineswegs immer nur die Unachtsamkeit der Verkehrsteilnehmer, die zu Unfällen führt. Ein Verkehrsexperte der Polizei, der anonym bleiben möchte, redet Klartext. „Die in den vergangenen Jahren durch Straßenbaumaßnahmen entstandene oder veränderte Infrastruktur entspricht häufig nicht der Verkehrsentwicklung in der Stadt. Den Kampf gegen die erhöhten Unfallrisiken für Radfahrer haben wir schon längst verloren“, kritisiert der Beamte. Städtebaulich werde in Berlin vieles nach historischem Vorbild zurückgebaut. Doch damals, vor 100 Jahren, waren Pferdekutschen im Einsatz. An einigen Kreuzungen funktionieren nach wie vor die eigens installierten Rechtsabbieger-Ampeln nicht. So am Alexanderplatz in Mitte. Dort hätten Autofahrer kaum eine Chance. Denn der Strom der geradeaus fahrenden Radfahrer nach Prenzlauer Berg reiße nicht ab. Solche Beispiele gebe es in der Stadt zuhauf.