Berlin ist eine Insel

Das Niemandsland am Nonnendamm - Insel für 20 Künstler

Mit 200.000 Fahrzeugen am Tag ist der Autobahnabschnitte an der Rudolf-Wissell-Brücke eines der meistbefahrenen in Deutschland. Darunter liegt eine Insel, die nicht einmal einen Namen hat.

Foto: Amin Akhtar (2); Hartwig Klappert / Amin Akhtar

Dies sollte eigentlich das Porträt der hässlichsten Insel Berlins werden. Welch anderes Attribut lässt sich denn diesem kleinen Landstreifen geben – eingepfercht zwischen altem und neuem Spreekanal, von oben erdrückt von der Rudolf-Wissell-Brücke, mit etwa 200.000 Fahrzeugen am Tag einer der meistbefahrenen Autobahnabschnitte in Deutschland. Der Blick von der Autobahnbrücke ist es auch, den fast jeder Berliner kennt, der Blick auf ein altes Fabrikhaus, an dessen Brandmauer ein Baustoffhandel für sich wirbt. Mehr ist nicht zu sehen von oben, und es gibt auch kaum mehr – noch ein paar Kleingärten, ansonsten endet hier der Nonnendamm in der Sackgasse. Nicht einmal einen Namen hat die Insel.

Raum für 20 Künstler

Aber es ist dann doch schwer, die Hässlichkeit tatsächlich zu entdecken. Ganz praktisch, weil man erst einmal den Weg auf die Insel finden muss. Von der Autobahnbrücke kann man ja nicht herunterhüpfen. Nein, der einzige Weg – zumindest für Autos – führt durch das Gewerbegebiet am Rande von Siemensstadt, und dort, wo es nach Ende aussieht, überquert eine kleine Brücke im hohen Bogen den Spreekanal, direkt unterhalb der Autobahn.

Gleich hinter der Brücke erhebt sich das alte Fabrikgebäude mit der Hausnummer 17. Ein Solitär ist der fünfstöckige Industriebau, er erweckt fast den Eindruck, als sei er hier vergessen worden. Heute ist es ein Atelierhaus, in dem 20 Künstler arbeiten. Der Fotograf und Fotokünstler Hartwig Klappert ist seit Anfang der 80er-Jahre hier. Nach dem Bildhauer Paul Pfarr ist er hier am zweitlängsten Mieter. Bekannt geworden ist er mit Imagekalendern zum Beispiel für die Berliner Stadtreinigung, für die er viele Preise gewonnen hat, vom Art Directors Club bekam er sogar Gold verliehen.

Industrie-Charme gepaart mit Kunst

Spätestens mit einem Blick in sein Atelier hat es sich erledigt mit der Hässlichkeit. Hier fühlt es sich nicht an wie auf einem Rastplatz an der Autobahn. Was Klappert hier geschaffen hat, ist einmalig. Die ganze zweite Etage hat er angemietet – 600 Quadratmeter. Der morbide Charme des Industriegebäudes, gepaart mit Kunst an den Wänden, am Boden, überall, machen die Räume selbst zum Kunstwerk. Sogar die Rudolf-Wissell-Brücke, über die sich vor den Fenstern gen Westen die Laster und Autos schieben, wirkt von hier wie ein Teil dieser Kunst.

"Sie wollen aber nicht wissen, wie das vorher aussah", sagt er und sucht dann doch gleich Fotos heraus von damals, als er Anfang der 80er-Jahre einzog: Die meisten Fenster kaputt oder gar nicht mehr vorhanden, von den Wänden bröckelte der Putz, der Boden modrig. In Eigenarbeit und mit Hilfe von Freunden hat der Fotograf die ganze Etage restauriert. Jahre hat das gedauert, und viele interessante Entdeckungen hat er dabei gemacht. Mit den Fenstern zum Beispiel.

Wo sollte er etwas Passendes herbekommen – und dann auch noch bezahlbar? Ein Freund gab ihm einen Tipp: "Schau mal in der Windscheidstraße vorbei, da wird gerade eine Fabrik dichtgemacht, vielleicht haben die was." In der Tat, die hatten was – und zwar reichlich. Ob er zehn der Industriefenster abkaufen könnte, hatte Hartwig Klappert damals gefragt. "Junger Mann", bekam er zur Antwort, "entweder alle oder keines." Dann also alle: 85 Gussfenster für 4000 D-Mark. Heute ein Schnäppchenpreis, aber Anfang der 80er-Jahre florierte der Handel mit antiken Baustoffen noch nicht. Da landeten auch Jugendstil-Kachelöfen und Flügeltüren aus der Gründerzeit im Container. Klappert profitierte davon und ist überzeugt: "Von dem, was noch heute alles weggeschmissen wird, könnte man sich ein Schloss bauen."

Ein Schloss ist sein Atelier nicht geworden, dafür aber ein imposantes Loft. Dabei hat er oft die Luft anhalten müssen, weil die Zukunft des Hauses lange unklar war. "Erst seit 2008 ist das Gebäude planungsrechtlich als Atelierhaus gesichert", erklärt Heiner Schücker von der Gesellschaft für Stadtentwicklung, die die Räume im Auftrag des Kulturamtes in Charlottenburg-Wilmersdorf an Künstler im Bezirk vermietet.

Zugang nur für Eingeweihte

Aber viele Künstler hatten den Industriekomplex schon viel früher für sich entdeckt. "Die ersten kamen in den 60er-Jahren", erzählt Schücker, "das waren echte Pioniere." Denn die Insel, die damals noch keine war, war eine Brache, bestehend aus einem leeren Industriekomplex, ein paar Schuppen und Kleingärten.

Ursprünglich war hier die Fabrik von Otto Lemm, einem Schuhputz- und Reinigungsmittelproduzenten. Die Villa Lemm, ein Prachtbau, den er sich in Gatow als Wohnsitz errichten ließ, steht dort noch heute. In den 20er-Jahren zog das Unternehmen nach Reinickendorf um, die Fabrikgebäude am Nonnendamm verfielen und wurden – abgesehen von der Nummer 17 – nach und nach abgerissen. Nach dem Mauerfall hätte auch dieses Gebäude weichen sollen, als die Begradigung des Spreekanals beschlossen wurde und die Wasserstraße den Grund des Hauses durchschnitten hätte. Das waren wohl die schlimmsten Monate für Klappert, jetzt, wo er gerade mit dem Loft fertig war. Und er atmete tief durch, als die Wasserführung schließlich doch etwas weiter nach Norden verlegt wurde. Dafür stand das Atelierhaus nun auf einmal auf einer Insel. Allein für ihn, zwei weitere Künstler und die Eisenhandlung, die es damals noch im Erdgeschoss des Gebäudes gab, wurde die kleine Nonnendammbrücke gebaut, seitdem der einzige Zugang zur Insel.

Bis heute ist die Insel aber Niemandsland geblieben. Kaum einer kommt hierher. "Wie oft habe ich schon den Flieger verpasst, weil selbst die Taxifahrer den Weg nicht finden", erzählt Klappert. Nur Insider wie die Hundebesitzer aus Siemensstadt und Skater, die die scharfe Kurve der Nonnendammbrücke schätzen, sieht er manchmal. Auch Filmteams sind manchmal da. Klapperts Atelier war sogar schon Kulisse für einen "Tatort". Neuerdings kommen auch Neugierige auf der Suche nach einem schicken Investitionsobjekt.

Kürzlich erst hatte Klappert wieder die Luft anhalten müssen. Als nämlich der Bezirk, dem die Insel gehört, geplant hatte, Immobilien und Grundstücke zu verkaufen, um Geld in die Kasse zu bekommen. Auch der Nonnendamm 17 erhielt dabei einen Prüfvermerk. Aber das ist erst einmal vom Tisch.

Hartwig Klappert kann sich in Berlin keinen schöneren Ort für sein Atelier vorstellen: der unverbaute Blick in alle Himmelsrichtungen, das Leben am Wasser, die Abgeschiedenheit und gleichzeitig zentrale Lage, "in ein paar Minuten bin ich am Kudamm". Selbst der Blick auf die Rudolf-Wissell-Brücke ist für ihn längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Hässlich? "Nein, sonst wäre ich doch wohl nicht mehr hier."

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Foto: Amin Akhtar

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