Berlin ist eine Insel

Meilenweit neue Ideen für eine Insel voll Angler und Spinnen

Mit dem neuen Meilenwerk soll Eiswerder in Spandau zur „Insel der schönen Dinge“ werden – Oldtimer und alte Boote werden sich dann zu den Anglern gesellen. Aber manch einer fürchtet um die Idylle.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das Wasser glitzert im Sonnenschein. Ein Mann schwimmt in der Havel, ein Hund sucht am Ufer nach seinem Stöckchen. Sein Frauchen sonnt sich auf einer Bank an der Uferpromenade. "Ist das nicht wunderbar?", fragt Martin Halder und fährt mit einer ausladenden Armbewegung über die Nachmittagsidylle auf Eiswerder.

Vor sich hat der 45-Jährige den Blick über die Havel, hinter sich seinen gelben Porsche, Baujahr 1969. Er steht vor einem backsteinernen Gebäuderiegel. Einst waren hier das Königlich Preußische Feuerwerkslaboratorium und weitere Rüstungsbetriebe angesiedelt, in denen Munition und Raketen hergestellt wurden. Wenn alles nach Plan läuft, will Halder in diesen historischen Gebäuden Ende kommenden Jahres das neue Meilenwerk eröffnen.

Das erste Meilenwerk, ein Zentrum rund ums Automobil unter anderem mit Fahrzeughändlern, Werkstätten oder Gutachtern und Gastronomie, hat der Wirtschaftsingenieur und Immobilienökonom 2003 an der Wiebestraße in Moabit gegründet. Heute wird es als Classic Remise weitergeführt. Halder hat sich von seinem Geschäftspartner getrennt, aber den ursprünglichen Namen mitgenommen und einen neuen Standort gesucht.

25 Millionen Euro Investitionen für die Insel

"Warst du schon mal auf Eiswerder?", hatte ihn ein Freund gefragt. Nein, war er nicht, aber der Vorstandsvorsitzende der Meilenwerk AG fuhr hin – und es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. "Ein Kleinod ist das hier", sagt Halder, "zentrumsnah, aber zugleich mit Urlaubscharakter". Er war erstaunt, dass die Insel seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf versunken war. Sie zu erwecken, hat sich Halder zur Aufgabe gemacht. Nicht er allein, es gibt auch noch andere Investoren, aber das neue Meilenwerk soll das Kernstück werden.

Hinter der kleinen Eiswerderbrücke, gleich hinter der Musikkneipe mit dem vielsagenden Namen "jwd" und einem alten Getreidesilo, aus dem gerade gewerbliche Lofts werden, sollen in Zukunft Oldtimer zu sehen sein. Und mehr noch: Halder will, passend zur Insellage, auch alte Boote zeigen und Manufakturen ins Haus holen: Schuhmacher, Holzbootbauer, vielleicht auch Instrumentenbau, eben das gute alte Handwerk. "Das zukünftige Meilenwerk ist nichts für durchdrehende Reifen", sagt er.

Von Nachhaltigkeit spricht er, von Luxus 2.0, bei dem es nicht mehr nötig ist, alles selbst zu besitzen, sondern bei dem es schon genüge, die schönen Fahrzeuge anzuschauen. Vieles soll hier gläsern werden, damit auch Zaungäste auf ihre Kosten kommen. Der Zaun, den es jetzt noch gibt, soll dann ohnehin weg. Auf der "Insel der schönen Dinge", wie Halder sein Projekt selbstbewusst nennt, sei jeder willkommen. Mehr als 60 Prozent der Flächen seien bereits vermietet, er will hier bis zu 120 Arbeitsplätze schaffen. Bis es so weit ist, wird er auf 25.000 Quadratmetern 25 Millionen Euro investieren.

Interesse am Projekt und sehr viel Skepsis

Die, die jetzt schon auf der Insel sind, betrachten die Meilenwerk-Pläne mit Interesse und mitunter mit Skepsis. Es könnte zu rummelig werden, fürchten die einen, sie könnten vertrieben werden, fürchten die anderen. So lange passierte hier nichts und nun auf einmal so viel.

Nachdem die Rüstungsindustrie nach dem Ersten Weltkrieg eingestellt werden musste, wurden die Fabriken nur noch für zivile Zwecke genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete Artur Brauner hier seine CCC-Filmstudios, die Hauptgebäude standen jedoch nicht auf der Insel, sondern auf der gegenüberliegenden Uferseite. Wahrscheinlich sind auch dort und nicht auf Eiswerder einige Edgar-Wallace-Filme entstanden, wie die Insulaner gern behaupten. Während des Kalten Krieges dienten manche Gebäude und Silos auch als Einlagerungsstätte für die Senatsreserven.

Nach dem Mauerfall sollte Eiswerder Teil der Wasserstadt Spandau werden, einem neuen Stadtquartier, das 50.000 Menschen Wohnraum bieten sollte. Doch auf halber Strecke blieb das Projekt stecken, bis Eiswerder ist es nicht vorgedrungen. Auch die Idee, die Insel zum Medienstandort zu machen, kam über ein paar Visionen nicht hinaus. Nun aber tut sich tatsächlich etwas, die ersten Baukräne zeugen davon.

Nachbarn auf Eiswerder: Angelverein und Inselspinnen

Zumindest auf der Südseite. Der Norden ist im Flächennutzungsplan als Freizeit- und Sportgelände ausgewiesen. Einer der ersten Vereine, die sich hier ansiedelten, war die 1951 gegründete Gesellschaft Berliner Angler carpe diem. In Eigenarbeit haben die Mitglieder das Gelände erschlossen, es gab weder Wege noch einen Wasseranschluss. Ein Plumpsklo wurde ihnen geschenkt, als Dank wurde der Spender Ehrenmitglied des Vereins.

Seit 1977 ist Ingo Merten dabei und heute zweiter Vorsitzender der Anglergesellschaft. Damals führte er eine Bolle-Filiale in Haselhorst und entdeckte am Schwarzen Brett des Supermarktes einen Aufruf: Angelverein sucht Mitglieder. Seitdem hat er seine Freizeit hier verbracht, seine drei Kinder sind hier groß geworden. Dass jetzt auf der anderen Seite der Insel so viel passiert, macht ihn schon ein bisschen unruhig. Zumal der Pachtvertrag für den Verein in sechs Jahren endet.

Martin Halder betont, dass er niemanden vertreiben will, dass neben Oldtimern noch viel Platz ist. Darum hat er auch den Kontakt zu vielen Insulanern gesucht. Die alten Autos sind es auch nicht, die Ingo Merten Kopfzerbrechen bereiten. Eher die Bima, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, der die Nordseite der Insel gehört, also auch der Grund des Angelvereins. Vielleicht kommt sie in sechs Jahren auch auf den Geschmack, etwas Schickeres als Laubenpieper, Angler und Kanupolosportler hier anzusiedeln, fürchtet Merten.

Bis zum Angelverein ist der Meilenwerk-Erfinder noch nicht vorgedrungen, aber bei den Inselspinnen davor hat er schon mal geklingelt. Wobei klingeln etwas übertrieben ist, denn eine Klingel gibt es nicht in der alten Bootshalle, die seit zwölf Jahren einer Gemeinschaft freischaffender Künstler als Werkstatt und Galerie dient. Sie ist so etwas wie das ehemalige Tacheles von Mitte in klein. Acht Künstler arbeiten hier heute, nicht hauptberuflich, "eher als Berufung", erklärt Eddie Rabe, der sich lieber englisch Eddie the Raven nennt.

Verschiedene Konzepte für die nachhaltige Entwicklung

Seit zehn Jahren ist er Inselspinne, er verdient sein Geld mit Taxifahren. Aber in seiner Freizeit ist er hier, macht Cartoons, aber auch Ölmalerei und Skulpturen, zum Beispiel Buddy Bären. Zusammen mit dem Schmied Peter Seeger von Happy Metal Art hat er auch ein paar imposante Skulpturen für die Bootshalle geschaffen. Zum Beispiel einen riesigen Luzifer, der von der Decke hängt.

Jürgen Schiemann von Juschi-Art, eine dritte Inselspinne, macht gerade mit Kindergartenkindern ein Projekt, das "Heute Müll, morgen Kunst" heißt. Die bunten Figuren, die er dabei mit den Kindern geschaffen hat, wirken wie ein Beweis, dass das tatsächlich geht. Da ist sie wieder, diese Nachhaltigkeit, die ja auch Martin Halder auf der Insel haben will.

Nur sein Konzept ist ein anderes, aber vielleicht haben darin sogar die Inselspinnen ein wenig Platz. Jedenfalls hat Halder die Künstler bei seinem Besuch gefragt, ob sie nicht mal Workshops im Meilenwerk geben wollen. "Warum nicht?", sagt Eddie Rabe, aber so ein bisschen Angst habe er schon, dass mit den vielen schönen Dingen, die auf der Insel entstehen sollen, das, was jetzt ist – und was doch auch irgendwie schön sei – kaputtgehen könnte.

In ein paar Jahren wird sich zeigen, ob die 140.000-Quadratmeter-Insel genug Raum für alle bietet und ob sich Eiswerder bei so viel Neuem trotzdem noch seine Idylle bewahren kann.

>>> Hier lesen Sie alle Teile der Serie "Ganz Berlin ist eine Insel" <<<

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.