Berlin ist eine Insel

Auf der Schleuseninsel einem Geheimnis auf der Spur

| Lesedauer: 7 Minuten
Christine Eichelmann

Foto: Krauthoefer / jörg Krauthöfer

Die Hauptattraktion auf dem kleinen Eiland im Tiergarten bekommen nur wenige Besucher zu sehen. Wie eine überdimensionale Industrieskulptur erhebt sich die „Rosa Röhre“ am Inselufer.

Über die Straße des 17. Juni wälzt sich der Verkehr. Züge rattern auf der Unteren Freiarchenbrücke Richtung Bahnhof Zoo. Keine 400 Meter sind es bis zu diesem von Menschen und Geräuschen schwirrenden Knotenpunkt. Hier aber ist Ruhe. Ein Vakuum im öffentlichen Raum. Weniger akustisch, obwohl beim Blick in dichtes Ufergrün und auf den Graureiher, der übers Wasser gleitet, sogar der Lärm gedämmt scheint.

Vor allem ist es die Vorahnung eines Geheimnisses. Die Freude etwas zu entdecken, was nur wenige Berliner zu Gesicht bekommen. Sie stellt sich schon auf der Brücke zur Schleuseninsel ein. Von der Müller-Breslau-Straße führt die himmelblaue Stahlkonstruktion zum Eiland, und obwohl es angekündigt war, überrascht es fast, dass die Tür zum Gebäude am anderen Brückenende sich aufziehen lässt.

Ja, die Schleuseninsel sei ein mystischer Ort, sagt Martin Schwacke, Leiter der Bauabteilung an der Technischen Universität (TU). Fast greifbar nahe liegt die nur etwa zwei Fußballfelder große Insel südlich der Straße des 17. Juni. Wer diese Stelle erstmalig passiert, blickt verwundert auf die „Rosa Röhre“, die in einem hellblauen, auf Stelzen stehenden mehrstöckigen Gebäudekasten verschwindet.

Wie eine überdimensionale Industrieskulptur erhebt sich das technische Bauwerk am Inselufer. Wenige Orte sind zugleich so exponiert und abgeschieden, so Blickfang und doch verborgen. Die Schleuseninsel entstand beim Bau des Landwehrkanals als trennende Landmasse zwischen der Unterschleuse und dem Flutkanal. Zuerst Ausflugsziel der Berliner, wurde sie 1903 gesperrt.

Die dort neu erbaute „Königliche Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau“ (VWS) mit ihren Schlepp- und Wellenrinnen für Versuche zur Geschiebeentwicklung an Flüssen und Schiffsoptimierung zählte schon bald zu den führenden Forschungsinstituten in der Welt. 1995 wurde die VWS aus wirtschaftlichen Gründen aufgelöst, die Anlagen der TU zugeschlagen. Diese übernahm damit neben den beiden Wasserrinnen und der Rosa Röhre, die eigentlich Umlauftank (UT) 2 heißt und 1974 als weiterer Forschungsbaustein errichtet worden war, auch die Hoheit über die Schleuseninsel.

„Reiterstandbild der Popart“

Philip Kurz kannte den schmalen Landstreifen, lange bevor er wusste, dass dieser eine Insel ist. Auf Fahrgastschiffen hatte er in den 90er-Jahren Touristen Berlins Sehenswürdigkeiten gezeigt – darunter die Rosa Röhre. Längst lebt Kurz nicht mehr in Berlin, den UT2-Bau aber kennt er heute so gut wie kaum ein anderer. Er ist Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, die für 3,5 Millionen Euro den denkmalgeschützten Zweckbau von Ludwig Leo (1924-2012) sanieren wird.

Wenn es um den UT2 geht, wird Kurz poetisch, spricht von einem „Reiterstandbild der Popart“. Professor Andrés Cura Hochbaum klingt da ganz anders. 2009 hatte er das TU-Fachgebiet Dynamik Maritimer Systeme übernommen – und die kaum noch genutzte VWS-Anlage wiederbelebt. Cura spricht lieber über Geschwindigkeiten von maximal zehn Metern pro Sekunde, mit der bis zu 3300 Tonnen Wasser im 120 Meter langen UT2-Kanal strömen. Oder über Kavitationsuntersuchungen, in denen es um den Verschleiß von Schiffsmechanik bei Unterdruck geht und die den UT2 neben seiner Größe so einzigartig machen. Im blauen Gebäudekasten gibt es Decks statt Etagen, vier an der Zahl. Wissenschaftlerbüros sind hier untergebracht und Werkstätten, außerdem das Fahrpult zur Bedienung der betagten, aber intakten Technik. Dicke Schaltknüppel und Drehknöpfe, Blinkleuchten: „Hier sieht es aus wie im Raumschiff Enterprise“, sagt Kurz begeistert.

Pinguinmodelle in den Kanal gesetzt

Im Vertrag mit der Wüstenrot Stiftung musste sich die TU verpflichten, die Anlagen bestimmungsgemäß weiterzubetreiben. Neben Curas’ Experimenten zur Schiffs- und Meerestechnik werden im UT2 auch Turbinen getestet, selbst Pinguinmodelle wurden für Untersuchungen auf dem Gebiet der Bionik schon in den Kanal gesetzt. Im benachbarten Gebäude, wo die Wasserrinnen untergebracht sind, wurden früher verkleinerte Modelle von Marineschiffen durch das Wasser gezogen. 250 Meter Länge, 4,5 Meter Tiefe und acht Meter Breite misst die größere Rinne, die kleinere hat 150 Meter Länge.

Professor Christian Paschereit vom TU-Fachgebiet Experimentelle Strömungsmechanik testete anfangs deutsche Segler für den America’s Cup. Inzwischen sind es in Kooperation mit Bombardier eher Züge, auch Lkw oder Rotoren von Windkraftanlagen können hier aerodynamisch optimiert werden. Auch auf dem 20 Tonnen schweren Schleppwagen der Tiefwasserrinne wirkt die Technik überholt. Alte Röhrenbildschirme verrechnen und übertragen die Versuchsdaten. „Aber was die Exaktheit, Größe und Geschwindigkeit angeht, ist der Schleppwagen herausragend“, sagt Paschereit. Mit Cura arbeitet Paschereit an einem Zukunftskonzept für das VWS-Ensemble. Sogar über die Neubeschaffung einer Wellenanlage für die Wasserrinne wird nachgedacht. Es herrscht Aufbruchstimmung auf der Schleuseninsel.

Davon, dass es die Anlagen nach wie vor gibt, profitieren die Hausboote im Landwehrkanal. Strom, Telefon, Öl, alle Leitungen sind vorhanden. Das Eiland selbst bleibt mysteriös. Im Biergarten des Schleusenkrugs auf der anderen Seite der Insel sitzen Anita Roth, 32, und ihre Cousine Lea Thieme. Sie habe mal gelesen, dass die TU auf der Insel forsche, sagt Anita Roth, aber mehr wisse sie nicht darüber. Es sind die vielen Bäume, das Grün, die Ruhe, die sie an die Schleuseninsel ziehen: „Man ist hier mitten in der Natur und trotzdem im Zentrum der Stadt.“

Für die Nutzer ist die Insel ihr Arbeitsort

Auch Dominik Ries war erst einmal auf der Schleuseninsel. Dabei arbeitet er gleich nebenan: Er ist einer der drei Inhaber des Biergartens „Schleusenkrug“. Den gibt es seit 1954. Ein Theaterstück habe er bei seinem einzigen Besuch auf der Insel gesehen, „in der Strömungsforschungsanstalt“. Immerhin: Rund 80 Menschen arbeiten hier, schätzt Martin Schwacke. Der Fachbereich Bildende Kunst unterhält Ateliers, ein Fraunhofer-Institut, Büros, die Universität ihre Zentralwerkstätten.

Für die Nutzer ist die Insel ihr Arbeitsort. 80 Prozent sind bebaut, die Häuser unsaniert, viele Wege von Schrott oder Paletten gesäumt. Malergesellin Denise Brunow wuchs in Eberswalde auf, mit Kanal und Schleuse, „ich fühle mich hier fast zu Hause“, sagt die 23-Jährige. Besonders schön sei der Herbst, wenn die Baumkante am Ufer Rot und Gelb trägt. Die Tischler ziehen Zucchini und Malven vor ihren Rundbogenfenstern. Im hinter dem Bürotrakt versteckten Garten wachsen Obstbäume. Das TU-Gasthörerprojekt Bana hat Bienen angesiedelt, Grill und Tischtennisplatte würden gut genutzt, sagt Fraunhofer-Mitarbeiterin Jo-Ann Müller. Die Vereinigung der Schiffbauer „Heylige Frau Latte zu Berlin“ feiert hier ihr Sommerfest. „Jeder Schiffsbaustudent kennt die Insel“, sagt Ordensmeister Alexander Hintze. Wie es dort aussieht – das aber war auch für ihn bis zum Studienbeginn ein Geheimnis.

>>> Lesen Sie alle Teile der Serie „Ganz Berlin ist eine Insel“ <<<