Berlin ist eine Insel

Auf der Havelinsel Imchen heißt es „Betreten verboten!“

Das Eiland in Berlin-Kladow ist Tieren vorbehalten – und von denen gibt es mehr als nur Vögel. Die Morgenpost kam mit dem Wildtierexperten Derk Ehlert ausnahmsweise ganz nah dran.

Foto: Amin Akhtar

Wie aufregend: zum ersten Mal Kapitän. Verantwortlich für die gesamte Crew. Sie besteht aus zwei Mann: unserem Fotografen und dem Wildtierexperten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Chefin bin ich. Mir fällt sofort die Meuterei auf der Bounty ein. Bootsverleiher Angelo Haury spricht bei der Einweisung sogar von der Titanic. Dabei wollen wir nur zur Insel Imchen hinüberfahren, und das Wetter ist blendend. Die starken nächtlichen Gewitter sind vorbei, Petrus und Poseidon halten die Füße still, hier im Hafen von Kladow.

Füße sind im Boot sowieso zweitrangig. „Eine Bremse gibt es nicht, da heißt es wie auf der Titanic ‚volle Kraft rückwärts‘.“ Haury hantiert mit dem Schalthebel neben dem Lenkrad. Der 42-Jährige erklärt viel. Er sei vor sieben Jahren, so sagt der gebürtige Elsässer, der erste am Wannsee und in ganz Berlin gewesen, der Boote an Menschen ohne Bootsführerschein verlieh. Wir profitieren davon, keiner von uns ist jemals aktiv übers Wasser gedüst – nicht mal meine Crew. Das ist schlecht. Wenn ich keine Ahnung habe, sollte doch zumindest die Mannschaft wissen, was zu tun ist. Und diese Arbeit machen. Schließlich bin ich der Boss. Jetzt wäre ich lieber im Büro, zumindest irgendwo an Land.

„Das klappt schon“, sagt Haury aufmunternd und zeigt uns in der Kajüte der „Shamrock“ – mit ihr hat er angefangen, heute hat er zehn Boote am Steg liegen –, wo sich die neonfarbenen Rettungswesten „für Menschen mit mehr als 30 Kilo“ stapeln. Ich wiege einen Zentner mehr – gefühlt. Das Boot schaukelt verdächtig, sobald ich mich bewege. Die Sonne scheint, als wollte sie Werbung für sich machen. „Creme vergessen? Kein Problem“, sagt Haury. Er hat in seinem Holzhäuschen neben dem „Stephaner Biergarten“ an der Imchenallee 42 einen Schrank voll mit solchen Utensilien. Die Armada unserer Vormieter hat sie auf den Booten liegen lassen, darunter drei Tuben Sonnenmilch, Lichtschutzfaktor 30.

Kormorane besetzen Nester

Der Fotograf ist Profi, er hatte sich am Morgen schon eingecremt. Genauso der Mann von der Senatsverwaltung: Derk Ehlert ist braungebrannt, er ist ständig draußen und beobachtet Vögel. Der 47-Jährige ist Ornithologe, auch darum begleitet er uns zur Insel. Imchen ist berühmt für seine Kormorankolonie. Kormorane sind große schwarze Wasservögel. Mit Vorliebe siedeln sie in schon bestehenden Graureiherkolonien, wobei die Reiher mitunter sogar von den Kormoranen verdrängt werden. Kormorane werden von Menschen oft missverstanden, sogar beschimpft. „Eine Schande ist das“, meckerte eine ältere Dame auf dem BVG-Steg, „die machen die ganzen Bäume kaputt.“

Wir tuckern los, ohne beim Ausparken irgendein anderes Boot zu beschädigen. Das dauert. Das Boot hat zwar fünf PS, reagiert aber im Tempo einer Wanderschnecke auf die Lenkung. Man fährt selbst dann noch rechts, wenn der nach links eingeschlagene Lenker schon Spinnweben ansetzt.

Vor uns ragen sie kahl in den Himmel, die Astspitzen der Weiden und Erlen, die der Insel ein dichtes grünes Unterkleid auftragen. Die Bäume werden durch den scharfen Kot der Kormorane kahl und sterben später ab. „Kormorane sind Fischfresser“, sagt Ehlert, „alle Vögel, die viel Fisch fressen, haben in der Regel auch einen scharfen Kot.“ Er enthält wie das Guano von Tölpeln und Pelikanen Stickstoff und Phosphor, die sich zum Düngen eignen. Abgebaut wird der Kot – anders als früher bei den Inkas – auf Imchen nicht.

Die Kormorane bauen ihre Nester – im Jahr 2012 waren es etwa 350 – in die Baumkronen. Die Äste verenden im Lauf der Jahre an den Verätzungen – nach ihnen der ganze Baum. Der Kormoran zieht aus und um – in den Nachbarbaum. Ehlert erklärt: „Wenn der Baum gestorben ist, kippt er um. Dadurch fällt mehr Licht zum Boden, andere Pflanzen können nachwachsen.“ Fällt ein Baum am Ufer ins Wasser, schützt er die Insel vor Wellenschlag.

BVG-Fähre F10 umrundet Imchen stündlich

Davon hat Imchen so einigen. Die BVG-Fähre F10, die zwischen Kladow und Wannsee über die Unterhavel pendelt, umrundet Imchen stündlich. Dazu kommen Motorboote und Segelschiffe. Der von ihnen ausgelöste Wellenschlag hat das Röhricht zerstört, das die Insel einst auszeichnete. Der Gürtel war 1924 stellenweise rund 30 Meter breit. Daraus konnte kommerziell Reet gewonnen werden. Das ist vorbei. Wenigstens sind die gelbblühenden Teichrosenfelder, die die Insel heute in weiten Teilen umgeben, Laichplätze für Fische wie Bleie und Güster sowie Nistplätze für Vögel. Die vielfältige Tierwelt war 1933 der Grund, die Insel als „Naturschutzgebiet und Vogelfreistätte“ unter Schutz zu stellen.

Übrigens, haben Sie es gemerkt? Wir bleiben die ganze Zeit brav auf dem Boot. Weil Imchen unter Naturschutz steht, darf die Insel nicht betreten werden. Wir dürfen auch nicht ankern, schwimmen, tauchen oder, wie es in der aktuellen Verordnung von 1988 heißt, „Schiffsmodelle fahren“ lassen.

Lediglich ein- oder zweimal im Jahr, erzählt Ehlert, wird auf der Insel nach dem Rechten gesehen und die Bojen werden auf dem Wasser ein- und ausgebracht. Die Insel ist komplett bewaldet, geradezu dschungelartig überwuchert. Mildes Grün von Linden schimmert schwach durch die Blätter der Silberpappeln und Silberweiden.

Näher dran als jeder Tourist

Wir fahren im Kreis um die 1,5 Hektar große Insel herum. Die Geschichte von der Bounty kam mir in den Kopf, weil Meckern eine Vorform von Meutern ist, und der Fotograf, auf der Suche nach dem besten Bild, immer wieder unzufrieden fordert: „Mehr rechts!“ – Foto. „Mehr links!“ – Foto. „Langsamer!“ – Foto. „Schneller!“ – Foto. „Näher ran!“ – Foto. „Noch näher!“ Er möchte auf die Buhnen klettern, aus denen Erlen herauswachsen – mitten im Wasser. Doch da tritt Derk Ehlert vor.

Ehlert ist unsere Fleisch gewordene, von der Behörde abgesegnete Berechtigung, zu den Palisaden zu tuckern – vorbei an den Bojen, die jedem signalisieren: Naturschutzgebiet! Keinen Zentimeter weiter! Das Naturschutzgebiet Imchen ist mit 4,8 Hektar größer als die Insel. Wir dürften mit Ehlert näher heran als jeder Tourist – davon gibt es einige. Haury ist bei gutem Wetter ausgebucht.

Ehlert hat einfach gut zugehört. „Haury hat von Untiefe gesprochen. Das wird hier zu seicht. Wir fahren besser nicht näher ran.“ Ich nicke angestrengt. So viel Verantwortung, so wenig Boden unter den Füßen, nur ein Boot. Der Fotograf schweigt, er schaut eisern ans Ufer, als könnte sein Blick uns magisch heranziehen. Was nicht funktioniert. Selbst wenn er nachts käme, sich bis auf die Badehose auszöge, an der nördlichen Promenade die Stufen ins Wasser stiege und heimlich hinüberschwämme – bessere Aufnahmen bekäme er nicht, im Schutz der Dunkelheit.

Füchse als letzte Rabauken

So etwas Illegales habe auch die Kladower Jugend nicht im Sinn. Das sagt Burkhard Weituschat, der seit 1986 genau gegenüber von Imchen wohnt. „Ich habe noch nie jemanden rüberschwimmen sehen oder nachts gehört, außer Füchsen und Wildschweinen.“ Selbst im Winter, wenn das Wasser gefriere, laufe niemand auf die Insel, sagt der 60-Jährige. „Ich glaube, jeder hier respektiert den Schutzgedanken.“

Tagsüber – ohne Schauer, ohne Nebel – ist der Blick weit. Vom Weltkulturerbe Havellandschaft sieht man im Süden die Pfaueninsel. Dahinter den Fernmeldeturm einer Telekom-Tochter auf dem Schäferberg, gen Norden den Teufelsberg mit den Resten der früheren Abhörstation der Amerikaner, man sieht die Spitze des Grunewaldturms und man blickt auf die Insel Schwanenwerder.

Am Ufer von Imchen bleibt der Blick an einem toten Schwan heften, der unter einem Ast klemmt. Höckerschwäne schwimmen um Imchen herum. Ornithologen haben dort in den vergangenen Jahren vielerlei Vögel gesichtet, wie Grau- und Kanadagänse, Mandarinenten, Kolkraben und angeblich sogar Seeadler. Graureiher gibt es auch in Massen. Ihre Rufe treiben Weituschats Freundin, die Musiklehrerin Corinna Reich, oft frühmorgens aus dem Bett. Die 52-Jährige kann ohne größere Umstände ihr Lautbild nachahmen. Es ist eine akustische Erklärung, warum der Ausdruck „sich übergeben“ auch als „reihern“ bezeichnet wird.

Heute eine Insel der Vögel, ist Imchens Karriere auf Sand und Schutt gebaut. Wo eine tiefe Fahrrinne der BVG-Fähre die Passage ermöglicht, hätte die Havel noch vor 1900 Untiefen gehabt, erklärt Nitsch weiter. „Die Kladower Bauern konnten ihre Kühe damals bis Schwanenwerder treiben.“ Ihnen kaufte der Berliner Zementfabrikant Robert Guthmann die Insel Imchen ab, er hatte 1887 bereits das Gut Neukladow erstanden. Imchen ließ er 1902 wie auch das Kladower Ufer um 1,5 Meter aufschütten, „mit Müll und Bauschutt aus Charlottenburg und Wilmersdorf“, wie Nitsch erzählt. Guthmann habe eine touristische Nutzung im Sinn gehabt, ließ eine Lindenallee anlegen, plante eine Brücke ans Kladower Ufer. Daraus wurde nichts. Der Stadt war der Erhalt wichtiger, 1924 kaufte sie die Insel. Sieben Jahre später stellte sie sie unter Schutz, der bis heute gilt.

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Foto: Amin Akhtar