Berlin ist eine Insel

Schwanenwerder - Die vielen Geheimnisse der Insel im Wannsee

Schon Fontane prophezeite der Sanddüne im Wannsee eine große Zukunft. Berlins Ex-Polizeipräsident Georg Schertz, der „Inselälteste“, kennt die Geschichten rund um den Mythos Schwanenwerder.

Foto: Amin Akhtar

Draußen, auf der Havel, schaukelt sein weißes Segelboot. Der Namenszug „Christine“ ist aus einiger Entfernung gut zu erkennen. Drinnen, im Haus, wirtschaftet Ehefrau Christine. Sie hat zu tun, deshalb lässt sie sich nur kurz blicken. Georg Schertz sitzt auf dem Steg, der Haus und Boot verbindet und zu einem kleinen Refugium verschmelzen lässt. Wellen, Wind und Wasser – sie sind die Begleiter seines Lebens, das vom ersten Tag einen zentralen Schauplatz hat: die Insel Schwanenwerder. Heute wird der 79-Jährige von den anderen Inselbewohnern respektvoll „der Inselälteste“ genannt. Kaum einer kennt mehr Geschichten als er.

Schwanenwerder ist ein Mythos, eine Nobeladresse ohne Namen an den Klingelschildern. Im Monopoly-Spiel von 1930 war die Insel das teuerste Grundstück. Bonzenwerder wurde sie genannt. 8000 Reichsmark kostete sie und war damit teurer als die Straße Unter den Linden und die Friedrichstraße. Moabit und Prenzlauer Allee gehörten zur Ramschware. Dabei brauchte man viel Fantasie, sich die einst kahle Sanddüne als Rückzugsort der Prominenz vorzustellen.

Es gab zwei Visionäre, die es früh erkannten. Der erste war Theodor Fontane, der auf seinen Wanderungen 1861 natürlich auch am Wannsee vorbeikam und prophezeite: „Dort werden die Residenzler von Berlin ihre Villen haben.“ Das sah der Lampenfabrikant Wilhelm Wessel 20 Jahre später genauso. Für ihn war Schwanenwerder ein ideales Quartier für die reichen Leute. 1882 kaufte Wessel die Insel und parzellierte sie in Grundstücke. Ein Mythos war geboren.

Während die Wellen im Garten an das Ufer schlagen, erzählt Georg Schertz von seiner Familie. Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1720 zurück, alle lebten in Berlin. Sein Vater war Major der Schutzpolizei und seit 1919 Mitglied im Segelclub SV03 nördlich von Schwanenwerder. 1934 bauten die Eltern das Haus direkt am Inseleingang, auf Schwemmland, das zu einem Straßendamm aufgeschüttet worden war. Es steht auf sechs Eisenbetonpfählen, 17 Meter lang.

Das Haus ist anfangs nur ein Sommersitz der Familie. Dann beginnt der Krieg, und die Eltern suchen dauerhaften Schutz auf Schwanenwerder. Zuerst kann Schertz noch die Grundschule in Nikolassee besuchen, ab 1943 bekommt er Privatunterricht beim Vater, später geht er in Potsdam zur Schule.

Bankdirektoren und Fabrikanten

Er ist mittlerweile durch das Gartentor auf die Straße getreten. Es gibt nur eine – sie führt kreisförmig über die Insel. Ein Mann nähert sich, ganz offensichtlich froh, jemanden zu treffen. „Wo fährt denn hier der nächste Bus“, fragt er. Georg Schertz zeigt zum Festland. „Ja“, sagt er, „da gehen sie mal 2,6 Kilometer in diese Richtung.“ Der Ausflügler stutzt kurz, nickt und marschiert los. Er wird der einzige bleiben, der den Weg auf dem Rundgang kreuzt.

Die ersten Bewohner um 1900 waren Bankdirektoren und Fabrikanten, darunter die Warenhausbesitzer Berthold Israel und Rudolph Karstadt. „60 bis 65 Prozent der Insel war in jüdischem Besitz“, erzählt Georg Schertz. Alle hätten bei der Machtergreifung der Nazis die Gefahr richtig eingeschätzt und seien rechtzeitig emigriert. Die Grundstücke mussten sie meist unter Wert abgeben. Die neuen Besitzer waren Nazigrößen wie Propagandaminister Joseph Goebbels oder der Architekt Albert Speer. Nach dem Krieg hätte keiner der ehemaligen jüdischen Besitzer sein Grundstück zurückhaben wollen, sagt Schertz. Viele verkauften an das Land Berlin, das neue Besitzer suchte.

Auf dem einstigen Grundstück von Goebbels hatte jahrelang das Aspen-Institut seinen Sitz – eine internationale Begegnungsstätte für Politiker und Wissenschaftler. Heute gehört das Gelände wieder einem Privateigentümer, natürlich fehlt auch hier der Name am Klingelschild. Auch das Nachbaranwesen hat längst neue Besitzer. Wo der Erfinder der Spalt-Tablette, Leo Maximilian Baginski, in 20 Zimmern mit zwölf Angestellten residierte, befindet sich jetzt die Firmenrepräsentanz des Schrauben-Unternehmens Würth.

Vor dem Gebäude der Evangelischen Akademie stoppt Georg Schertz. Die Witwe eines Bankiers hatte das Anwesen 1948 an die Kirche verkauft. Doch das ist nur eine Information am Rande. Diesmal ist es seine eigene Geschichte, die mit diesem Haus verbunden ist. 1956 absolvierte die junge Diakonieschwester Christine ihr hauswirtschaftliches Jahr in der Bildungsstätte. Sie führte einen Neufundländer aus, als ihr Georg Schertz begegnete und sie ansprach. Er fand sein Glück, wie sollte es anders sein, auf Schwanenwerder.

Aus fünf Parzellen wurden fast 50 Grundstücke

Doch zunächst war er Student und konnte noch keine Familie ernähren. Erst nach dem Juraexamen 1963 wurde geheiratet. Zwei Söhne – einer Richter, einer Rechtsanwalt – werden die fast 300-jährige Familiengeschichte fortsetzen. Georg Schertz arbeitete nach dem Studium zunächst als Richter und war ab 1973 als Vizepräsident für alle Amtsgerichte in West-Berlin zuständig. Von 1987 bis 1992 war er Polizeipräsident in Berlin.

Nur einige Schritte von der Evangelischen Akademie entfernt steht das älteste Haus der Insel. Wilhelm Wessel baute die „Villa Schwanenhof“ 1901 für seine Familie. Es ist kein Wassergrundstück, dafür steht die Villa auf dem höchsten Punkt der Insel. Die um diese Zeit noch gute Sicht nach allen Seiten sei wohl der Grund für den Standort gewesen, vermutet Georg Schertz. Aus einst fünf Parzellen auf der Insel sind heute fast 50 Grundstücke geworden. Zu viele, vor allem im Inselinneren, findet der Pensionär. „Die können sich ja gegenseitig auf den Kuchen gucken.“

So ruhig wie es auf der Inselstraße ist, so wenig dringt von Schwanenwerder nach außen. Sehenswürdigkeiten? Da stehen lediglich Überreste des Palais des Tuileries seit 1882 an der Inselstraße. Für Besucher gibt es keinen öffentlichen Zugang zum Wasser, keine Badestelle – das Ufer gehört den Eigentümern.

Mit Wind, Wasser und Wellen

Wirklich in die Schlagzeilen geriet die Insel in jüngster Vergangenheit nur zwei Mal. Das war 2002, als ein Orkan wütete und zwei Jungen in einem Jugendzeltlager von einem Baum erschlagen wurden. Das Gelände steht zum Verkauf, die Anwohner haben ein Auge darauf. Sie wollen nicht fünf oder sechs Stadtvillen auf dem Gelände. Eine Villa pro Grundstück – das muss reichen.

Die Anwohner haben allen Grund, misstrauisch zu sein. Denn 2009 rückte die Insel ein zweites Mal in den Fokus der Öffentlichkeit: An der Inselstraße 34 wurden fast 200 Bäume gefällt. In der Schneise entstand ein riesiger weißer Betonbau. Gleich mehrere Ausnahmegenehmigungen hatte der damalige Baustadtrat dafür erteilt. Das Haus sei unhistorisch, strotze vor Gigantismus und gleiche einem Hochsicherheitstrakt, sagt Schertz. Ganz unerträglich findet er auch die Zaunanlage mit den Strohmatten hinter den Metallstäben, die anders als vorgeschrieben, das Grundstück „abdichten“.

Zurück im Garten blickt er über das Wasser. Nächstes Jahr wird Georg Schertz 80. Seit mehr als 60 Jahren segelt er. Es ist schwerer geworden, deshalb betreibt er die „Christine“ jetzt als Motorboot. Er weiß sein Glück zu schätzen. „Wo gibt es eine solche Wohnlage unmittelbar an der Metropole?“, fragt er. Mit Wind, Wasser und Wellen.

>>> Alle Teile der Serie „Berlin ist eine Insel“ <<<

Foto: picture alliance/ dpa/ Peter Kneffel / pa/dpa/Peter Kneffel

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.