Geringe Aufklärung

Berlin und das Problem mit den Fahrraddieben

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Lorenz Vossen

Foto: Massimo Rodari

Rund 70 Räder werden pro Tag in Berlin gestohlen – doppelt so viele wie im Rest der Republik. Nur die wenigsten Fälle werden aufgeklärt. Was läuft schief? Und wer ist eigentlich schuld?

Das erste Rad schaffte es immerhin ein halbes Jahr. Dann war es weg, nicht mal das geknackte Schloss blieb zurück. Das neue folgte sechs Tage später. Und täglich grüßt der Fahrraddieb? Inzwischen kann Eli Hamacher über die Geschichte fast lachen. „Zwei Räder in sechs Tagen, das ist wohl ein Rekord.“

Die 53-Jährige aus Wilmersdorf befindet sich in bester Gesellschaft. Im vergangenen Jahr wurden in Berlin 26.513 Räder gestohlen, rund 70 pro Tag. Das macht 786 Diebstähle auf 100.000 Einwohner, fast doppelt so viele wie der Bundesdurchschnitt. Dunkelziffer nicht eingerechnet. Die meisten Fälle verzeichnete Pankow mit 15,6 Prozent, gefolgt von Mitte (12,7) und Friedrichshain-Kreuzberg (12,4).

Fast jeder Berliner kann eine Geschichte erzählen: vom Rad, das trotz des teuren Fahrradschlosses wie vom Erdboden verschwand und dann auf einem Flohmarkt wieder auftauchte. Von Banden, die ganze Hinterhöfe leerräumen oder Profis, die zum Schnäppchenpreis das gewünschte Modell am nächsten Tag liefern. Im Fall von Eli Hamacher wurde einfach das Verkehrsschild, an dem ihr Sohn sein Trekkingrad abgeschlossen hatte, oben abgeschraubt.

Ob neu oder alt, teuer oder billig spielt offenbar kaum eine Rolle. „Geklaut wird eigentlich alles“, sagt ein Polizeisprecher. Dass in Berlin in absoluten Zahlen so viele Räder wegkommen wie nirgends sonst, ist bei etwa 2,5 Millionen Fahrrädern in der Stadt fast schon logisch. Ein Problem aber ist die Aufklärungsquote. Diese liegt bei vier Prozent, nur fünf deutsche Großstädte mit mindestens 200.000 Einwohnern stehen schlechter da (Bundesdurchschnitt: 9,6 Prozent).

Die Polizei weiß um ihre schwache Performance, schiebt das Problem aber auf fehlendes Personal. Ein „trauriges Ergebnis der verfehlten Sparpolitik des Senats“, wie die Gewerkschaft mitteilte. Bislang beschränkt sich die Präventionsarbeit der Polizei auf den Appell an die Fahrradfahrer: Kauft gute Schlösser. Achtet darauf, wo ihr euer Fahrrad abschließt.

Peilsender in München

„Darauf kann man sich nicht ausruhen“, findet Eva-Maria Scheel, Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Berlin (ADFC), und verweist auf Städte wie Chemnitz, Magdeburg oder München. Dort liege die Quote bei bis zu 23 Prozent. „Die Berliner Polizei sollte sich mit diesen Städten austauschen“, sagt Scheel. In München etwa erzielte die Polizei Erfolge, indem sie „Lockräder“ mit Peilsendern abstellte. Andere Städte haben eigene Sonderkommissionen. Der Abgeordnete Stefan Gelbhaar (Grüne) sieht ein weiteres Problem: „Bei Fahrraddiebstählen handelt es sich oft um organisierte Kriminalität. Als solche muss sie auch wahrgenommen werden.“

Doch die alleinige Schuld bei der Polizei zu suchen, ist zu einfach. Da wäre das Problem mit den Stellplätzen. Der Senat räumte jüngst ein, dass es davon zu wenige gibt. Vor allem an Bahnhöfen und Haltestellen, wo 2013 knapp zehn Prozent aller Fahrraddiebstähle verzeichnet wurden. „Diebe haben hier oft leichtes Spiel, weil die Besitzer denken, dass ihr Rad nicht auffällt“, heißt es bei der Polizei.

Der Senat stellte jüngst sogenannte Doppelstockparker vor, bei denen die Fahrräder übereinander stehen. Das spart Platz und könnte laut Polizei besonders die Fahrräder in der oberen Reihe vor Dieben schützen. Die S-Bahn und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind interessiert. Dem ADFC geht das nicht weit genug, er fordert geschlossene Abstellsysteme, am besten mit Überwachung. In Nordrhein-Westfalen werde das bereits mit Erfolg praktiziert.

Aber auch Hauseigentümer sind in der Pflicht. Laut Berliner Bauordnung muss es für die Mieter ausreichend Stellplätze geben, an denen man sein Rad mit dem Rahmen anschließen kann. Einfache Vorderradständer, im Volksmund „Felgenkiller“ genannt, sind unzulässig. Das Problem hier sei, sagt Scheel, dass Hauseigentümer ihrer Verantwortung nicht immer nachkämen – und auch nicht dazu gezwungen würden. Oft scheitere es auch an der Frage, für welche Fläche jeweils der Besitzer oder der Bezirk zuständig sei.

Fahrradnummer und Codierung

„Am Ende muss sich natürlich jeder Fahrradbesitzer fragen, was er selbst tun kann“, sagt Scheel, der selbst schon zwei Fahrräder gestohlen wurden. Eines davon hatte sie lediglich per Schnappschloss an einem „Felgenkiller“ befestigt. Laut ADFC sollte ein Schloss mindestens zehn Prozent des Fahrradneupreises kosten. Varianten mit Bügel oder Panzerkabel gelten als besonders sicher. Schutz bietet auch die Codierung, eine Kombination aus Städtekürzel sowie Namen und Geburtsdatum des Besitzers. Sie kann man bei Polizei oder ADFC auf den Rahmen gravieren lassen. „So eine Nummer schreckt Diebe natürlich ab“, sagt Scheel.

Gleiches gilt für die Fahrradnummer des Herstellers, die Besitzer für eine Anzeige immer zur Verfügung haben sollten. Was oft nicht der Fall ist. Als die Polizei jüngst einen Lieferwagen voller Fahrräder stoppte, hatte sie gegen die mutmaßlichen Täter nichts in der Hand. Keines der Räder war mit Angabe der Herstellernummer als gestohlen gemeldet.

Über die Fahrradnummer konnte die Polizei allerdings ein Fahrrad von Eli Hamacher ausfindig machen. Trotzdem hat sie sich eine Fahrradversicherung zugelegt. Für fünf Euro im Monat. Sie findet, dass das eine lohnende Investition ist.