Karl-Heinz Müller

Warum die Bread & Butter nach Barcelona zieht

Bread & Butter-Chef Karl-Heinz Müller hat angekündigt, dass die Modemesse 2015 auch in Barcelona stattfinden wird. Im Interview erklärt er den Teilwegzug aus Berlin und die neue Strategie der B&B.

Foto: Amin Akhtar

Zur Eröffnung der Bread & Butter hat Messechef Karl-Heinz Müller am Dienstag seinen teilweisen Abschied aus Berlin verkündet. Im Januar 2015 wird die Messe nach Barcelona ziehen, im Juli nach Berlin zurückkehren und sich im September in Seoul präsentieren. Ein Gespräch mit Karl-Heinz Müller am Mittwoch in der Lounge des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Berliner Morgenpost: Herr Müller, Sie haben in Ihrer Eröffnungsrede gesagt, der Teilwegzug der Messe nach Barcelona sei eine gute Nachricht. Fragt sich nur, für wen. Nicht für Berlin, oder?

Karl-Heinz Müller: Doch. Ich bin ein Eventveranstalter in der Modebranche. Dafür brauchen wir tolle Standorte. Ich finde Berlin toll, wir haben hier unsere Firma. Wir haben uns schon 2003, als wirklich niemand daran geglaubt hat, dass Berlin ein Modestandort werden könnte, für diese Stadt entschieden. Das war ein Spießrutenlauf durch das textile Establishment. Das war mir wurscht. Berlin hat funktioniert, von Anfang an.

Wenn es so gut funktioniert, warum gehen Sie dann jetzt weg?

Man muss sehen, wie die Welt funktioniert. Wir waren zwischendurch schon in Barcelona. Das hat auch gut geklappt. 2009 sind wir zurückgekommen, weil wir die Chance hatten, Tempelhof als einmalige Location zu bekommen. Nach dieser Wanderschaft war ich der Meinung, wir sind etabliert, hier kann ich zehn Jahre, 20 Saisons, in Ruhe arbeiten. Unsere Konditionen hier sind übrigens durchaus handelsüblich.

Ihre neue Strategie ist, sich mehr zu verteilen und den Kunden entgegenzukommen?

Ja. Wir müssen der Entwicklung in der Branche folgen. Wir sind ja Modeprofis und keine Quadratmeter-Vermieter. Deswegen ist unser „Grand Slam“ für die Kunden attraktiver, als das x-te Mal nach Tempelhof zu kommen. Die fangen sonst an, sich zu langweilen. Jetzt wird es Barcelona, Berlin und Seoul sein, dann wird eine vierte Stadt in der westlichen Hemisphäre hinzukommen. Damit sind wir auch für alle – ob groß, ob klein – wieder interessant. Das ist dann wieder gut für Berlin.

Im Januar sagten Sie uns, dass Sie über São Paulo nachdenken. Nun lautet das Motto der Bread & Butter „Carnaval do Brasil“. Wir tippen jetzt mal auf Brasilien als vierten Teil Ihres „Grand Slam“.

Nein, hier ging es um die WM in Brasilien. São Paulo wird es sicher nicht. Südamerika ist nicht so einfach, weil es sehr hohe Zollschranken gibt. Zunächst müssen wir Barcelona und Seoul etablieren.

Klingt nach Abschied auf Raten aus Berlin.

Von mir aus sicher nicht. Wir haben ein neues Konzept. Die Branche will diese Zerstückelung nicht mehr. Gleichzeitig mit uns hatte die Premium angefangen, das war auch gut. Dann kam alles Mögliche hinzu. Da muss ein Einkäufer dann wegen drei Anbietern zu der einen Messe und wegen drei anderer zu einem anderen Standort. Und das alles an drei Tagen. Vieles, was hier stattfindet, ist Kokolores. Das kann nicht das Niveau von Berlin sein.

Sie sind also von Berlin und der Struktur während der Fashion Week genervt?

Ja, das ist wie Goldgräberstimmung. Jeder meint, er kann eine kleine Halle mieten und loslegen. Dabei sind nur die Bread & Butter und die Premium gut etabliert. IMG ist es nach vielen Jahren nicht gelungen, ihren Anspruch einzulösen. Die werden aber von der Stadt gefüttert, anders als wir. Wir haben nie Geld genommen, von keiner Stadt.

Apropos Geld: Werden Sie Ihre Miete für den Wintermonat weiter bezahlen?

Wir haben vertragliche Verpflichtungen, denen wir auch nachkommen werden. Und deshalb werden wir auch nach wie vor unsere Exklusivität für Tempelhof im Bereich Mode und Lifestyle einlösen. Während unserer Laufzeit wird es also keinen anderen Modeevent in Tempelhof geben.

Und nicht nur im Juli 2015, auch im Juli 2016 werden Sie wieder in Berlin sein?

Vielleicht machen wir auch mal einen Sommer in Barcelona. Aber definitiv ist Berlin eine von unseren „Grand Slam“-Städten. Uns hilft, dass in Asien oder Amerika die Ware später geordert wird als in Europa. Da könnten wir auch mal einen Termin im März machen. Es ist ein komplett neues Konzept. Als wir zu lange nur in Barcelona waren, haben wir den Kontakt zu den Deutschen, den Schweizern, den Holländern, den Skandinaviern verloren. Wir wurden sehr regional; Spanier, Portugiesen, auch Italiener sind gerne gekommen. Das Gleiche ist jetzt nach elf Malen in Berlin zu sehen, wir haben an Internationalität eingebüßt. Deshalb ist es ein gutes Konzept, dass wir jetzt rollieren. Wenn wir im Juli zurückkommen, werden wir viele internationale Gäste mit in die Stadt bringen.

War es dann ein Fehler, einen Vertrag bis 2019 abzuschließen?

Vielleicht, aber ich habe dazugelernt. Trotzdem sind wir froh, Tempelhof zu haben. Wir nutzen ihn jetzt nur einmal im Jahr und zahlen doppelt Miete.

Viele Politiker fänden es gar nicht so schlimm, wenn die Messe verschwinden würde, weil sie dann über das Flughafengebäude freier nachdenken könnten. Fühlen Sie sich von Berlin insgesamt gut behandelt?

Ich erwarte keine Sonderbehandlung. Berlin ist toll, und ich habe mich vor zehn Jahren hier niedergelassen. Aber Berlin ist generell nicht wirtschaftsfreundlich. Man denkt schon sehr dunkelrot hier, nach dem Motto „wir säen nicht, wir ernten nicht, aber der liebe Gott ernährt uns trotzdem“. Tempelhof ist ein ideales mittelgroßes Messezentrum. Dafür muss man ein bisschen Geld in die Hand nehmen, aber nicht die hohen Millionenbeträge, die immer kolportiert werden. Dann kommt auch Geld zurück in die Kassen Berlins.

Sie leben von Hipness, verkaufen Lebensgefühl. Wie lange wird Berlin noch „hip“ sein – und was sollte die Politik tun, um dieses Lebensgefühl zu erhalten?

Ich glaube, Berlin wird hip bleiben. Das ist ein doofes Wort, aber Berlin hat unheimlich viel. Hier entsteht auch noch viel. Deswegen sehe ich auch für uns noch lange Zeit Berlin. Aber es wird leider in der gesamten Politik sehr viel Unsinn geredet. Dinge, die nicht funktionieren, die nicht zu finanzieren sind. Das gefällt mir nicht an Berlin.

Wessen Verhalten stört Sie konkret?

Die eine landeseigene Gesellschaft vermietet uns langfristig zu angemessenen Konditionen den Flughafen Tempelhof, damit dort die Modemesse stattfinden kann. Zwischen 2003 und 2006 hat man gesehen, wie viel Geld die Bread & Butter der Stadt gebracht hat. Eine andere landeseigene Gesellschaft, die Messe Berlin, ruft eine Gegenveranstaltung ins Leben und konkurriert mit den etablierten Messen um deren Aussteller. Und das zu Dumpingpreisen. Mir wurde zugetragen, dass es etliche Aussteller gibt, die nichts für ihren Stand bezahlen. Berlin hat Jahrzehnte lang im Modebusiness keine Rolle gespielt. Der Erfolg Berlins beruht auf der Initiative von Privatunternehmen. Wenn jetzt die landeseigene Messegesellschaft hier den Markt in Unordnung bringt und das noch offensichtlich zulasten der Steuerzahler, ärgere ich mich natürlich. Dieses Vorgehen ist mehr als kontraproduktiv. Das nehme ich den Politikern der Stadt übel. Insbesondere bin ich über das Vorgehen des neuen Messechefs Herrn Göke verärgert.

Hat Sie dieses Gefühl, so genervt von der Poltik zu sein, bewogen wegzugehen?

Ich muss sehen, was die Branche braucht, ich muss mich nach Bedürfnissen richten. Da brauche ich die richtige Stadt, das richtige Umfeld. Da ist Berlin richtig, aber nicht immer und nicht nur.

Hat das denn der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, der sich ja sehr für Sie eingesetzt hat, auch verstanden?

Ich denke, er hat unsere Notwendigkeiten verstanden. Herr Wowereit hat sicher nicht im Bösen seinen Rundgang abgesagt. Wir haben uns zu weiteren Gesprächen verabredet.