Gewinnrücklagen

Berliner Zoo hat 42 Millionen Euro auf der hohen Kante

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Tanja Laninger

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Zoo-Direktor Andreas Knieriem kann seinen Aktionären am Dienstag glänzende Zahlen verkünden: Der Berliner Zoo schwimmt im Geld. Allerdings: Das Tochter-Unternehmen Tierpark steht vor dem Abgrund.

Wenn der neue Direktor Andreas Knieriem am Dienstag in der Urania in Schöneberg zu den Aktionären der Zoologischer Garten Berlin Aktiengesellschaft spricht, hat er eine gute Nachricht zu verkünden: 42,3 Millionen Euro hatte der Zoo zum Stichtag 31. Dezember 2013 als „Andere Gewinnrücklagen“ auf der hohen Kante. Wenn die Aktionäre zustimmen, kommt dazu ein Bilanzgewinn in Höhe von rund 882.000 Euro.

Doch die glänzende Seite der Medaille hat eine matte Kehrseite: die Tierpark GmbH. Das Unternehmen in Friedrichsfelde ist eine Tochter der Zoo AG, und dort kann von einer gut gefüllten Portokasse keine Rede sein. Eher von einem Abgrund. Denn der Tierpark braucht seit Jahren seine Rücklagen auf. Der Jahresverlust 2013 beträgt 962.832 Euro. Auch darüber wird Knieriem sprechen.

Mit dem Geld etwas voranbringen

Der Zoodirektor will vorab nicht verraten, wofür genau er wie viel von der Millionen-Rücklage des Zoos ausgegeben wird. „Es ist ein gutes Gefühl, Geld zurückgelegt zu haben für schwere Zeiten“, erklärte der 48-Jährige, „doch Rücklagen zu bilden ist keine Kernaufgabe des Zoos. Wir werden mit dem Geld etwas voranbringen.“

So liegt seit Mai 2014 das Gutachten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vor, dass die Mindestanforderungen für die Haltung von Säugetieren festlegt. „Wir arbeiten das ab und reagieren“, kündigte Knieriem an. Im Fokus stehen das Raubtierhaus und teilweise die Primatenhaltung im Zoo.

Zudem sind laut Investitionsplan für den Bau tiergärtnerischer Anlagen 2014 Mittel in Höhe von rund 2,31 Millionen Euro vorgesehen. Im Jahr 2013 waren 3,739 Millionen Euro investiert worden, zusätzlich flossen 2,221 Millionen Euro in Sanierungen und Instandhaltungen. Dazu gehörten das im Juni 2013 eröffnete Vogelhaus und die Tropenbärenanlage.

Kein Geld für den Tierpark

„In den Tierpark wird die Rücklage nicht fließen“, betonte Knieriem, das sei nicht Teil der Verabredung mit dem Land, von dem der West-Berliner Zoo die Einrichtung in Friedrichsfelde nach der Wende übernommen hatte. Doch der Tierpark wird Millionen Euro für sein Sanierungs- und Entwicklungsprogramm brauchen. Das Stammkapital der 1955 gegründeten Einrichtung liegt bei 409.033 Euro.

Bedrohlich ist, dass ungeachtet der Millionenzuwendungen vom Land das Eigenkapital weiter dahinschmilzt wie Butter in heißem Öl. Ausweislich des Geschäftsberichts und Jahresabschlusses für das Jahr 2013 betrug das Eigenkapital des Tierparks nur noch 1,981 Millionen Euro – nachdem es um das Bilanz-Defizit von 962.832 Euro geschrumpft war. „Wir haben eine große Schere – trotz der Zuwendungen des Landes“, sagt Knieriem. Sie betrugen 5,673 Millionen Euro.

Man kann es so klar formulieren: Im Tierpark reicht die Zahl der Besucher – und damit die Erlöse aus Eintrittskarten – nicht aus, um die Kosten zu decken. 2013 kamen 1,035 Millionen Gäste, 1,2 Prozent weniger als 2012. Die Umsatzerlöse sanken um 4,8 Prozent auf rund 4,841 Millionen Euro. Das liegt daran, dass die Eintrittserlöse um 6,2 Prozent auf 4,248 Millionen Euro zurückgingen. Traditionell stellen die Einnahmen aus dem Kartenverkauf mit fast 88 Prozent den größten Anteil am Umsatzerlös.

Der Zoo hat – abgesehen von seiner zentralen Lage – einen Vorteil: das Aquarium. Es gehört zum Zoo und hat inzwischen einen Anteil von 32 Prozent an der Besucherzahl. Ins – geheizte – Aquarium strömen selbst bei kaltem Wetter noch Besucher, und so ließen sich im ersten Quartal 2013 rückläufige Zahlen kompensieren. Insgesamt hatte das Aquarium Berlin vergangenes Jahr ein Besucherplus von 7,3 Prozent im Vergleich zu 2012; der Zoo insgesamt verzeichnete nur einen Zuwachs von 2,2 Prozent.

Knieriem ist 100 Tage im Amt

Es kamen 3,059 Millionen Gäste, das waren 64.444 Menschen mehr als im Vorjahr. 70 Prozent davon sind keine Berliner, also Touristen. Auch deshalb ist für den Zoo ein internationales Abkommen über Zusammenarbeit so wichtig, wie es vergangene Woche mit dem Zoo von Los Angeles geschlossen wurde – medien- und marketingwirksam im Beisein des US-Botschafters John B. Emerson, seiner Frau und den drei Töchtern.

Knieriem sieht sich, was die Hauptversammlung 2014 betrifft, nur als Berichterstatter. Denn das Geschäftsjahr stand noch unter der Ägide seiner Vorgänger Bernhard Blaszkiewitz und Gabriele Thöne. Knieriem vereinigt erst seit drei Monaten beider Funktionen in einem Posten, er ist zugleich zoologischer und kaufmännischer Leiter von Zoo und Tierpark.

„Die ersten 100 Tage sind gefühlte 200 bis 300“, sagte Knieriem. Seine Tochter verabschiede ihn beim Frühstück mit den Worten: „Tschüs bis morgen“. Doch alles sei gut, so Knieriem. „Ich freue mich über viel Arbeit und sehe die Möglichkeiten.“

Mehr Baustellen als angenommen

Den Aktionären wird er berichten, dass er sich mit seinem Team noch in der Analyse der vorhanden Daten zum Tierpark befindet, von Tier- und Pflanzenbestand und den zusammen 420 Mitarbeitern und 33 Auszubildenden sowie den Anlagen und dem Wegesystem bis zur technischen Ausstattung. „Daraus formen wir unsere Zielplanung und schließlich einzelne Module und Entwicklungsschritte. Das ist ein langer Prozess. Und wir stehen ganz am Anfang“, sagte Knieriem. Es gebe mehr Baustellen als zunächst angenommen, so der Veterinär. Sein Rat: „Ärger ist wie ein nachwachsender Rohstoff. Ziehen Sie doch Energie daraus.“

Die Jahreshauptversammlung war lange Jahre zu Gast im Friedrichstadtpalast in Mitte gewesen. Seit 2013 kommen Aktionäre, Vorstand und Aufsichtsrat in der Urania in Schöneberg zusammen. Mit der Urania arbeitet der Zoo seit 2012 in der Junior Zoo-Universität zusammen.

Aus der Zahl der Aktien ergibt sich das Grundkapital der Zoo AG: Es setzt sich zusammen aus 1000 Aktien zu 156 Euro und 3000 Aktien à 520 Euro und betrug zum Ende vergangenen Jahres 1,716 Millionen Euro. Zu den Aktionären – rund 270 kamen vergangenes Jahr – gehört auch Blaszkiewitz. Ob er am Dienstag teilnehmen und sich zu Wort melden wird, ist unklar.