Nach U-Bahn-Unfall

Medizinische Meisterleistung – Charité-Ärzte nähen Arm an

Vor einer Woche wurde Mario B. von einer U-Bahn der Arm abgetrennt. Sieben Charité-Chirurgen gelang es, das Körperteil in einer siebenstündigen OP wiederanzunähen. Nun kann B. den Arm wieder bewegen.

Foto: Massimo Rodari

Mario B. sieht blass aus. Sein Gesicht ist von dem schweren Unfall gezeichnet, den er am vergangenen Freitag überlebt hat. Wie schwach er noch ist, merkt man an seiner Stimme. Die ist so leise, dass man ihn kaum versteht. Doch er kann seinen rechten Arm bewegen. Dass das möglich ist, dass er überhaupt wieder einen rechten Arm hat, das grenzt an ein Wunder.

In jedem Fall ist es eine medizinische Meisterleistung, die die Ärzte des Zentrums für Muskuloskeletale Chirurgie der Charité da vollbracht haben. Sie haben es geschafft, Marios Arm, der vollständig amputiert war, wieder zu replantieren. Eine Woche nach dieser Operation, die sieben Stunden gedauert hat, kann der 30 Jahre alte Mann seinen rechten Arm sogar schon wieder heben und senken. Irgendwann wird er vielleicht auch die Finger seiner rechten Hand wieder bewegen können. Bis es soweit ist, wird es allerdings noch mindestens zwei Jahre dauern.

Was ist geschehen? Am Nachmittag des 13. Juni war Mario B. aus bisher ungeklärter Ursache ins Gleisbett der U-Bahn-Haltestelle Amrumer Straße gestürzt und von einer U-Bahn erfasst worden. Der rechte Arm wurde ihm bei diesem Unfall etwa acht Zentimeter oberhalb des Ellenbogengelenkes abgerissen. Alle den Unterarm versorgenden Nerven und Gefäße sind dabei zerrissen und gequetscht worden. Außerdem wurde sein linker Vorderfuß zertrümmert und zwar so stark, dass er amputiert werden musste. Der Unfall geschah um 15.07 Uhr. Eineinhalb Stunden dauerte es, bis Mario im Schockraum der Charité Campus Virchow-Klinikum lag. Doch bevor er aus dem Gleisbett geborgen werden konnte, musste zunächst der Strom abgestellt werden. Dann ging alles sehr schnell. Mario wurde noch am Unfallort in Narkose gelegt, der abgetrennte Arm wurde geborgen und fachgerecht gekühlt.

Sieben Charité-Chirurgen an Operation von Mario B. beteiligt

Während der Operation, an der sieben Chirurgen und drei Anästhesieärzte beteiligt waren, wurden zunächst die Knochen wieder aufeinander gestellt und mit Hilfe von künstlichen Venen, sogenannten Stents, dafür gesorgt, dass die Durchblutung des Arms wieder funktionierte. Zeitgleich entnahmen die Ärzte eine 90 Zentimeter lange Beinvene des Patienten. Die wurde in drei jeweils 15 Zentimeter lange Stücke geteilt, die dann an Stelle der Stents als Gefäßverbindungen eingesetzt wurden. Professor Norbert Haas dazu: "Das alles musste innerhalb von sechs Stunden geschehen, sonst wäre zu viel Gewebe abgestorben und der Körper vergiftet worden."

Einen dicken weißen Verband hat Mario nicht. Stattdessen ist die Stelle oberhalb des Ellenbogens, wo der Arm wieder angesetzt worden ist, mit Schaum luftdicht abgeschlossen und mit einer Folie umwickelt worden. Demnächst werden die Ärzte dort Haut, die sie vom Oberschenkel des Patienten entnehmen werden, transplantieren.

In weiteren OPs sollen Nerven transplantiert werden

Vier Wochen später soll Mario B. dann eine Reha-Kur antreten. Danach sollen in einer weiteren Operation Nerven transplantieren werden. Dazu werden Nervenbahnen aus dem Bein entnommen. Die Mediziner gehen davon aus, dass es mehr als zwei Jahre dauern wird, bis die Nerven gewachsen sind. Erst dann wird sich zeigen, ob Mario B. wieder Gefühl in der rechten Hand hat und die Finger wieder bewegen kann.

Der junge Mann kann sich nicht erinnern, wie das Unglück passiert ist. "Ich bin so froh, dass ich meinen Arm wieder habe", sagt er nur. Er habe auf die U-Bahn gewartet und noch schnell eine Zigarette geraucht. Als die Bahn kam, sei er hingerannt und dann wohl gestolpert.

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