Für Kinder

Erzählkoffer entführen kleine Patienten in andere Welten

Eckart von Hirschhausen und Rüdiger Grube haben den 7000. Erzählkoffer ins Charité-Herzzentrum gebracht. Mit Literatur und Spielen sollen Fantasie und Selbstheilungskräfte der Kinder angeregt werden.

Foto: Deutsche Bahn/Oliver Lang

„Sieh einmal, hier steht er, pfui, der Struwwelpeter!“ – Wenn es um die Erinnerung an die liebsten Bücher aus Kindertagen geht, sind sich Professor Roland Hetzer, der ärztliche Direktor des Deutschen Herzzentrums in Berlin, und Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG einig. „Vielleicht wäre der Struwwelpeter für heutige Verhältnisse für Kinder ein bisschen zu gruselig“, gibt Roland Hetzer zu und lacht. „Aber wenn es ums Vorlesen von Kinderbüchern geht, kommt mir das sofort in den Sinn.“

Ums Vorlesen ging es am Donnerstagvormittag auf der Kinderstation des Herzzentrums der Charité im Virchow-Klinikum in Wedding. Gemeinsam mit dem Autoren, Kabarettisten und Kinderarzt Eckart von Hirschhausen übergaben Rüdiger Grube und Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, den jungen Patienten einen Vorlesekoffer mit zahlreichen Kinderbüchern.

„Wir wollen mit diesem Geschenk bei den Kindern die Fantasie anregen, Trost spenden, ihnen Halt geben und sie von der Krankheit ablenken“, erklärte Rüdiger Grube. „Darüber hinaus ist das Lesen der Schlüssel zur Bildung – die wiederum das Tor zur Welt ist. Und wir möchten, dass alle Kinder an jedem Ort von den vielfältigen Vorteilen des Vorlesens und Lesens profitieren können.“

Geschichten so notwendig wie Medizin

Für die Auswahl der Bücher – und vor allem für die Konzeption des sogenannten Erzählkoffers – ist Eckart von Hirschhausen zuständig gewesen. Insgesamt 7000 Geschichtenkoffer wurden in den vergangenen sieben Jahren an Kinderheime, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie Kinderkliniken und Hospize in Deutschland verschenkt. Der Erzählkoffer beinhaltet neben Büchern Hilfsmittel zum Anregen der Fantasie, aus der dann die eigenen Geschichten entspringen sollen.

„Alles, was Kindern seelisch gut tut, wirkt sich auch positiv auf den Körper aus“, so von Hirschhausen. „Und so haben auch gute Geschichten, Humor und die eigene Fantasie heilende Kräfte. Der Erzählkoffer kombiniert diese drei ,Medikamente’ und fördert so Freude, Stärke und Hoffnung.“

Und genau das probierten Rüdiger Grube und Eckart von Hirschhausen gemeinsam mit den Kindern auf der Station aus – und sorgten mit ihren Geschichten für noch mehr fröhliche Stimmung im Spielzimmer des Herzzentrums, in dem ohnehin schon die sogenannten Klinikclowns vom Rote Nasen e.V. zu Gast waren. Und da es die Kinder lustig fanden, scheute sich selbst Rüdiger Grube nicht, eine rote Nase aufzusetzen.

Positive Stimmung fördert Heilungsprozess

„Wenn es die Zeit erlaubt hat, dann habe ich meinen Kindern sehr gerne vorgelesen“, sagte er. „Aber bei meinen Kindern konnte ich noch viel mehr mit meinen eigenen Geschichten punkten. Meine beste Geschichte hieß damals ,Das sprechende Auto’. Stundenlang konnte ich ihnen davon erzählen.“

Auch Eckart von Hirschhausen freute sich, die Kinder mit seinem Besuch kurzzeitig von ihrem Krankenhausaufenthalt ablenken zu können – und betonte noch einmal, wie wichtig eine positive Stimmung beim Heilungsprozess sei. „Leider wird es aktuell vom Gesundheitssystem noch nicht stark genug gefördert, aber ich verliere nicht die Hoffnung, dass irgendwann Seelenhygiene als genau so wichtig angesehen wird, wie das Desinfizieren im Krankenhaus“, so Hirschhausen. „Es ist wichtig, Kinder bei Laune zu halten – besonders, wenn sie krank sind.“

Dies will Hirschhausen einerseits mit dem analogen Erzählkoffer inklusive Symbolwürfel und roten Nasen tun, zugleich aber auch mit einer App, die auf dem Smartphone funktioniert. „Jeder kennt es: Irgendwann sind die Würfel und Figuren aus dem ,Mensch-ärgere-dich-nicht’-Spiel verschwunden. Das kann so nicht passieren.“