Andreas Knieriem

Wie Berlins neuer Herr der Tiere den Tierpark retten will

Seit April ist Andreas Knieriem Direktor im Zoo und Tierpark Berlin. Der Job fordert seine ganze Zeit, die Familie sieht er kaum. Beim Spaziergang zeigt er die „schönen Dinge“ seines Reichs.

Foto: Amin Akhtar

Im Alter von 13 Jahren hat Andreas Knieriem im Zoo Duisburg Fischhappen für Delfine geschnitten. Als Praktikant. 36 Jahre später ist er Zoodirektor in Berlin. Und Schlossherr.

Planen lässt sich so ein Werdegang nicht. „Als Schlossherr betrachte ich mich nicht“, sagt Knieriem. Er steht in seinem Büro im ersten Stock des frühklassizistischen Schlosses Friedrichsfelde. Das Anwesen befindet sich am Rande des Tierparks und gehört in dessen Verwaltung. Der Tierpark wiederum gehört zum Zoo. Deshalb ist der Berliner Zoodirektor automatisch Tierpark- und Schloss-Chef.

Und weil der Tierpark – anders als der Zoo – defizitär ist, hat Knieriem uns zum Spaziergang dorthin bestellt. Genau vor das sanierte und rosa-weiß gestrichene und mehr als 330 Jahre alte Gebäude. Vielleicht hofft er, dass der Tierpark auch so alt wird. Knieriem ist gut aufgelegt, unser Treffen sei für ihn „ein schöner Termin“, sagt er, „zu einem solchen Spaziergang komme ich sonst nicht. Wir wollen uns heute schöne Dinge ansehen.“ Sollte das ein Versprechen sein, Knieriem kann sich nicht daran halten. Jeder weiß, der Tierpark hat echte Probleme, kämpft mit den Finanzen.

Zwölf Quadratmeter für den Direkter

Kurz wird die Visite in seinem Büro. Der größere Vorraum war das Arbeitszimmer von Knieriems Vorgänger Bernhard Blaszkiewitz. Er dient künftig als Besprechungsraum. Knieriem arbeitet mit portablem Notebook, iPad und Smartphone. Er ist sich selbst Arbeitsplatz genug, bräuchte nur Stuhl und Tisch. Viel mehr passt auch nicht hinein in sein Schlosszimmerchen. Der Zwei-Meter-Mann läuft es ab: Drei Schritte hier an der Wand, drei Schritte dort, „maximal zwölf Quadratmeter“, schätzt er, „mehr brauche ich nicht“. Er schaut aus dem hinteren Fenster in einen Skulpturen-Garten und sagt andächtig: „Der Blick ist großartig.“

Der Umzug der Tierpark-Verwaltung seines Vorgängers Blaszkiewitz 2013 ins Schloss war umstritten. Der Betriebsrat hatte sich ausgebootet gefühlt, ebenso der Förderverein von Zoo- und Tierpark. Knieriem, seit April 2014 Zoodirektor in Berlin – vorher im Tierpark Hellabrunn in München –, hat das zerknitterte Verhältnis rasch glatt gebügelt.

Der Förderverein hat seinen imposanten Veranstaltungssaal zurück, der Betriebsrat ist durch Zusammenarbeit befriedet. „Ein Schloss ist kein ideales Funktionsgebilde für eine Verwaltung“, kommentiert Knieriem Blaszkiewitz’ Entscheidung. Aber das vorherige Verwaltungsgebäude, ein Plattenbau am Südende des 160 Hektar großen Areals, sei eben ein Sanierungsfall. Freundlich, sachlich – so eine Antwort ist typisch Knieriem. Sie liegt in seinem Naturell.

Eine Krawatte mit Pottwal-Motiv

Er selbst bezeichnet sich als konservativ – so lange man über seine Kleidung spricht. Hellbraune Schuhe, Marke „aus irgendeinem Schuhladen“, dunkelbraune Barbour Jacke – regenfest –, hellblau-weiß gestreiftes Hemd, dunkelblaue Krawatte mit dem obligatorischen Tiermotiv – heute: goldfarbene Pottwale – dazu eine hellbraune Stoffhose. „Meine Frau verzweifelt manchmal“, erzählt er, für sie trägt er ab und zu eine Jeans. Inzwischen sind wir ins Freie getreten. Für Amin Akhtar, den Fotografen, klettert Knieriem in eine Baumgruppe. Vier Stämme wachsen dicht beieinander aus dem Boden, eine Linde und drei Ahornbäume. „Das ist ja selten“, sagt Knieriem erstaunt. Im Tierpark gibt es mit 8000 Exemplaren mehr Bäume als Tiere, bei der Inventur Ende 2013 wurden 7250 Tiere gezählt.

Wir schlendern an den Schlossbeeten vorbei. Jede Pflanze ist von Hand gesetzt. Knieriem ächzt. „Sie müssen mal überlegen, wie mühsam das ist, wie viel Kraft das bindet. Wir beschäftigen drei Gärtner allein für die Schlossanlagen.“ Was machen die im Winter? „Das weiß ich jetzt nicht, aber es wird schon was nützliches sein. Oder wir finden was.“

Doch zurück zu Knieriems Frau. So spannend es sein mag, Europas größten Landschafts-Tiergarten und dazu noch Europas wohl artenreichsten Zoo zu leiten – wäre Jessica Knieriem nicht Berlinerin und hätte zurückgewollt zu ihrer Familie, Andreas Knieriem hätte München nicht verlassen. Seit 2009 war er dort Zoodirektor – bis ihn der Ruf nach Berlin ereilte. Den Münchener Tierpark Hellabrunn hat er modernisiert, zuvor war er als Stellvertreter in Hannover in vergleichbarer Mission erfolgreich gewesen.

Der Zoo Hannover stand in den 90er-Jahren kurz vor der Schließung, heute gilt er als einer der modernsten Anlagen Deutschlands. Mit dem Tierpark in Berlin steht Knieriem eine ähnliche Mammutaufgabe bevor. Eine Firma, die unter Blaszkiewitz Jahr für Jahr an Eigenkapital und Landeszuwendungen verloren hat. Die knapp vor der Insolvenz steht. Die aber nicht Pleite gehen wird, weil das politisch nicht gewollt ist. 2013 hat der Aufsichtsrat der Zoo Berlin AG Knieriem als Retter installiert.

Entsprechend arbeitet er mehr als zwölf Stunden am Tag. Das habe er zuvor in München und in Hannover auch so gemacht, versichert Knieriem. Man fragt sich, wie er seine Frau kennenlernen konnte. Natürlich: bei der Arbeit. „Meine Frau hatte im Zoo Hannover die Personalabteilung geleitet. Sie konnte das gut“, sagt der Gatte. Qualifiziert hin oder her, im Zoo Berlin wird sie beruflich nicht einsteigen. „Das geht nicht“, sagt Knieriem, „das hätte Geschmäckle. Ich kann doch hier keine Verwandten unterbringen.“

München ist für Knieriem abgehakt

Warum auch? Knieriem beschreibt seine mehr als 400 Mitarbeiter in Tierpark und Zoo als „toll, engagiert und motiviert“. Man müsse nur dafür sorgen, dass jeder Aufgaben entsprechend seiner Fähigkeiten erhalte. Erste Entscheidungen hat Knieriem schon getroffen: Im Zoo ist der bisherige Kurator Ragnar Kühne zoologischer Leiter geworden. Und der frühere Kurator Tobias Rahde, der unter Blaszkiewitz in Ungnade gefallen war, weil er Vaterschaftsurlaub genommen hatte, kommt demnächst wieder in seine alte Funktion. Knieriem ist selbst Familienvater, seine Tochter ist acht Jahre alt. „Sie hat sich richtig gut in Berlin eingelebt, in der Nähe von Oma und Opa, in der Schule, und Freundinnen hat sie auch schon. München ist bei ihr abgehakt.“ Nur von ihrem Papa hat sie wenig.

Der spaziert weiter, durch den waldigen Teil des Tierparks, nahe dem Schloss. Wir steigen eine kleine Anhöhe hinauf, den Lennéhügel. Oben im Pavillon hält ein nackter Knabe eine Schale über ein nacktes Mädel, die Bronzefigur stammt von Senta Baldamus. Wasser fließt keines, der Brunnen ist abgeschaltet, vielleicht sogar kaputt.

Knieriem kickt nach Unkraut, als würde er am liebsten sofort die ganze Fläche jäten, so wie er später gegen niedrige, verrostete Abgrenzungen treten und von „Banalarchitektur“ sprechen wird. Doch jetzt grinst er. Denn die Figuren sind unbekleidet, wie so einige der Skulpturen im Tierpark. Verlegen wirkt Knieriem nicht. Er ist promovierter Tierarzt, wer beruflich viel mit großen und lauten und von Natur aus nackigen Säugetieren zu tun hat, hat keinen Anlass für falsche Scham. „Tierarzt – das verlernt man nie“, sagt Knieriem, „das ist wie Fahrradfahren. Doch jetzt sind meine Aufgaben andere“. Er ist für den zoologischen und den kaufmännischen Bereich zuständig. Er macht in Personalunion das, wofür zuvor zwei Personen, neben Blaszkiewitz noch Gabriele Thöne, zuständig waren.

Der Arbeitstag beginnt um halb acht Uhr morgens

Kein Wunder, dass Knieriems Arbeitstag um halb acht Uhr morgens beginnt. Wie praktisch, dass er – der auch im Zoo einen Dienstsitz hat – mit Familie über dem Aquarium wohnt, in der alten Direktoren-Wohnung. „Da falle ich aus dem Bett gleich ins Büro“, witzelt er. Journalisten hatten bereits geschrieben, dass er eine Vier-Zimmer-Wohnung bezogen habe. „Vier Zimmer?“, Knieriem runzelt die Stirn. Er erinnert sich vor allem an das Arbeitszimmer. „Da kann ich abends weiterarbeiten.“ Seine Tochter verabschiedet sich nach dem Frühstück von ihm mit den Worten: „Bis morgen, Papa“.

Und auch wenn Ehefrau Jessica für den Sommer einen Familienurlaub auf Kreta geplant und gebucht hat – der Privatmann Knieriem, er existiert kaum. Passé sind die Zeiten als Golfer, Taucher und Tennisspieler. Berlin privat heißt bei Knieriem: Besuch bei den Schwiegereltern in Reinickendorf oder eine Fahrradtour durch Mitte. Mehr hat er nicht geschafft in den vergangenen zehn Wochen.

Doch Knieriem scheint in seinem Element. „Meine Frau hält mir den Rücken frei. Und ich habe immer viel gearbeitet.“ Das war schon zu Studienzeiten so. Knieriem, geboren in den USA und aufgewachsen im Ruhrgebiet, ist zu Wendezeiten nach Berlin gezogen, nach Zehlendorf, „in eine kleine Wohnung, weitab von der Hektik der Großstadt. Das fand ich gut“. Die Ernährung, sie war weniger gut, mehr Pizza und Fertiggerichte. „Aber sie ist heute nicht immer besser“, sagt er.

„Wir müssen mehr anbieten“

An der Freien Universität hat Knieriem Veterinärmedizin studiert und 1996 seine 13 Abschlussprüfungen im 3. Staatsexamen „durchgeprügelt“. Würde er heute so nicht mehr machen, denn „ich war als erster fertig und hatte niemanden zum Feiern – die anderen steckten alle noch in den Prüfungen. Wie blöd!“ Knieriem ging von Berlin nach Duisburg in den Zoo. Der Ex-Praktikant promovierte über „Vergleichende histopathologische Untersuchungen an Atlantischen Weißseitendelphinen – ein Beitrag zur Todesursache von Delphinen beim sogenannten Beifang“.

Wir sind bis zum Restaurant geschlendert, sitzen draußen. Knieriem blickt auf eine große Freianlage. „Ich sehe nur ein einziges Tier“, sagt er. Klingt wie ein normaler, enttäuschter Besucher. Der Himmel ist bewölkt, am Morgen hat es geregnet. Doch die Bestuhlung ist trocken gewischt, und sie ist vor allem nagelneu. Bis vor kurzem standen dort angelaufene Plastikstühle. „Das hatte den Charme eines Campingplatzes. So einen Eindruck wollen wir nicht“, sagt Knieriem. Jetzt sehe es besser aus. Wie in einem Biergarten. Wir trinken Milchkaffee, Knieriem bestellt dazu Cola light. Er muss hellwach sein, nach dem Spaziergang fährt er ins Abgeordnetenhaus. Dort sitzen die Geldgeber für künftige Investitionen.

Penelope und Herkules warten zu Hause

Kinder laufen kichernd und schreiend an unserem Tisch vorbei. „Die haben bei uns wirklich weite Wege, da müssen wir viel mehr anbieten“, sagt Knieriem, „und das werden wir auch machen“. Im Tierpark gibt es nur einen einzigen Spielplatz auf dem ganzen Gelände. Zur Erinnerung: Es ist 160 Hektar groß. Die Kinder rennen zur Kakadu-Voliere, sie schreien hingebungsvoll mit den Vögeln im Chor. Knieriem schaut ihnen zu. Er hat zuhause zwei Katzen – Penelope und Herkules, britisch Kurzhaar – aber keine Lieblingszootiere. „Mich begeistern viele Tiere“, sagt er.

Wassertiere zum Beispiel, schon Knieriems Vater hatte ein Aquarium. In kleinen Aquarien in der Tierpark-Caféteria sind einige Fische zu sehen. Doch etwas Besonderes sind die großen Seekühe, die Nagel-Manatis aus Florida leben im Dickhäuterhaus neben Tieren aus vier Kontinenten. Das wird nicht so bleiben. Knieriem schwebt ein Tierpark vor, in dem Tiere nach geografischen Aspekten zu sehen sind. Wie genau, ist offen. Großartige Neubauten plant Knieriem keine. Muss er auch nicht – ein Schloss gibt es ja schon.

Dorthin führt uns der Rückweg. Knieriem kritisiert manche Geholzart – sie scheint ihn an einen Friedhof zu erinnern–, und tritt gegen fußknöchelhohe Absperrungen. Das sei ein durchaus notwendiger Pflanzenschutz, erklärt er – allerdings hässlich und verrostet. Knieriem bezeichnet ihn als „Banalarchitektur“ und sagt programmatisch: „Ein Zoo soll doch ästhetisch sein – und auf der Höhe der Zeit.“