Zoo und Tierpark

Themenpark, Seilbahn, Spaßbad – Neuer Direktor, neue Ideen

Die Erwartungen an den neuen Berliner Zoo-Direktor Andreas Knieriem sind nach dem Abschied von Bernhard Blaszkiewitz groß. Denkbar sei alles, meint der Neue – und hat konkrete Ideen.

Drei Schritte hin, Kehrtwende, drei Schritte zurück, Kehrtwende. Brüllend schreitet der Tiger sein Revier im Alfred-Brehm-Haus im Tierpark Friedrichsfelde ab. Die riesige Raubkatze wirkt verloren in dem gekachelten Käfig, den Andreas Knieriem nur als „kleine Butze“ bezeichnet. Der Auftritt des Sumatratigers kommt für den neuen Direktor von Berliner Zoo und Tierpark wie gerufen. Gerade hatte er die Frage öffentlich gestellt, ob die Käfige noch zeitgemäß seien. Doch was solle man aus dem Alfred-Brehm-Haus machen? Umnutzen? Andere Tierarten unterbringen? Umbauen? Der Tiger brüllt noch etwas lauter. „Für die Raubtiere sind die Käfige auf jeden Fall zu klein“, konstatiert Knieriem.

Seit zwei Wochen ist Andreas Knieriem im Amt. Er hat die Mitarbeiter kennengelernt und sich einen Überblick über den Zoo und den Tierpark verschafft. Dabei ist er zu der Ansicht gekommen: „Es gibt kaum ein Feld, dass nicht bearbeitet werden muss.“ Bislang hielt er sich mit der Verkündung von Plänen zurück. Damit war am Dienstag Schluss. Auf Initiative des SPD-Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh führte er erstmals öffentlich durch Zoo und Tierpark und sprach dabei über Visionen, Ideen und Ziele.

Noch vor dem Rundgang stellte Raed Saleh klar, dass beide Anlagen – sowohl Zoo als auch Tierpark – zu Berlin gehörten und erhalten bleiben müssten. Fünf Millionen Euro seien aus dem letzten Haushalt extra für den Tierpark zur Verfügung gestellt worden. Doch er versprach noch mehr Unterstützung. So solle in einem Tierpark-Dialog mit dem Förderverein und Anwohnern diskutiert werden, welche Perspektiven sich für die 160 Hektar große Anlage eröffnen.

„Dabei darf es keine Denkverbote geben“, sagte Raed Saleh. Es müsse auch möglich sein, über ein neues Familienspaßbad im Tierpark nachzudenken. Eine Idee, die auch von dem neuen Direktor nicht abgelehnt wird. Überhaupt ist der 48-jährige Knieriem offen für fast alles. Hauptsache, es geht voran, Hauptsache, die Besucherzahlen steigen. Dass der „Tierpark künftig auf eigenen kräftigen Beinen steht“, dass sei sein größter Wunsch. Bislang macht er trotz des Landeszuschusses jedes Jahr immer mehr Defizit, während sich der Zoo allein trägt.

Freizeiterlebnis soll in Zoo und Tierpark in den Vordergrund rücken

Den Beweis dafür gibt es an den Kassen. Am Zoo bilden sich lange Schlangen, im Tierpark sind nur ein paar Kindergruppen unterwegs. Die Gründe dafür hat der Direktor längst ausgemacht. Er erklärt sie der Reihe nach. Es beginnt gleich hinter der Drehtür. Dort landet der Besucher auf einem asphaltierten leeren Platz. In der Ferne sind Wisente zu erahnen. „So sieht kein Eingang heute mehr aus“, sagt Knieriem. Keine Informationen, nichts für Kinder. Er wolle keinen Freizeitpark schaffen, aber am Eingang müsse etwas stattfinden, er müsse einladen.

Neben ausreichend Tafeln zu einer besseren Orientierung könnte er sich auch ein kleines Meerschweinchengehege vorstellen zum Start in die Tierwelt. Wichtig sei, dass Kinder erst einmal eine Idee davon bekämen, wo sie sich befinden und was sie erwartet. „Jetzt müssen die Kinder erst einmal eine Stunde laufen, bis etwas passiert“, sagt der Vater einer Tochter. Nicht viel besser sieht es seiner Meinung nach am Hardenbergplatz am Eingang des Zoos aus. Keine Toiletten, kein Shop, nichts, kritisiert er.

Andreas Knieriem nutzt die Gelegenheit, um das große Ganze seiner Pläne zu erläutern. Von Profilschärfung ist die Rede, einem Gesamtkonzept und einem Ziel- und Entwicklungsplan. „Wir dürfen im Zoo nichts tun, was dem Tierpark schadet und umgekehrt“, sagt der Direktor. In beiden Anlagen solle aber mehr als bisher das Freizeiterlebnis in den Vordergrund gestellt werden.

Eine große Idee schwebt ihm vor: Während im Zoo die systematische Ordnung der Tiere, also Affe zu Affe und Vogel zu Vogel, erhalten bleiben soll, überlegt er, im Tierpark eine geografische Ordnung zu etablieren. Das bedeutet, dass die Tiere nach ihrer Herkunft präsentiert werden. „Der Besucher kann dann eine Reise von Kontinent zu Kontinent unternehmen“, sagt der Direktor. Ob Boote im Tierpark, Themenwelten, eine Seilbahn – kein Vorschlag scheint dem neuen Direktor im Moment absurd. Und Raed Saleh unterstützt ihn bei allen Gedankenspielen. Besonders beim Schwimmbad. „Das bringt Synergien, ohne den Tierpark im Kern infrage zu stellen“, sagt Saleh. Ein Familienbad brächte gezielt mehr Menschen in die Region, es wäre eine Win-Win-Situation. Für gute Visionen, so der SPD-Fraktionsvorsitzende, schließe er nicht aus, weitere Haushaltsmittel zur Verfügung zu stellen.

„Wichtig ist doch trotz Denkmalschutz eine gute Tierhaltung“

Der Direktor geht weiter, vorbei an einer Vogelvoliere, die eingezäunt ist („Was soll die Baustelle hier?“) und an leeren Bänken auf einer einsamen Allee („Wer soll dort sitzen, es gibt kein einziges Tier zu sehen?“). „Laufen, laufen, laufen“, ächzt Knieriem ein wenig außer Puste. Da ist er bei der Mobilität angekommen. Er fragt sich, ob die alte Bimmelbahn weiter fahren soll oder ob es intelligentere Lösungen gibt. In einem ersten Schritt hat er den Kindern erlaubt, Roller und Laufräder nutzen zu dürfen. Das war vorher verboten.

Am Spielplatz packt Knieriem das blanke Entsetzen. Die Rollläden am Gastronomie-Kiosk sind geschlossen. Dabei scheint die Sonne. „Wieso ist der Kiosk bei bestem Wetter zu?“, fragt er. Er beschwert sich erneut über mangelnden Service, bevor er über den unattraktiven Spielplatz lästert. „Wenigstens läuft das Wasser wieder“, stellt er fest. Sein Plan ist es, „den tollsten Spielplatz Berlins“ im Tierpark anzubieten, mit getrennten Bereichen für die kleinen und die größeren Kinder.

Allerdings fordert er Geduld. „20 Jahre hat man hier alles schleifen lassen, und jetzt soll alles sofort passieren“, sagt der Direktor und kritisiert damit gleich noch die Arbeit von Vorgänger Bernhard Blaszkiewitz. Dafür gibt es seiner Ansicht nach zu viele Baustellen in beiden Anlagen. Eines aber stellt Knieriem klar: Die Seele von Tierpark und Zoo wolle er nicht verändern. Der eine bleibe ein Landschaftspark und der andere der artenreichste Zoo der Welt.

Nur im Alfred-Brehm-Haus ist der neue Direktor noch ratlos. Gerade erst wurde es energetisch saniert. Doch es entspreche nicht mehr dem Standard der Tierhaltung: „Wichtig ist doch trotz Denkmalschutz eine gute Tierhaltung“, sagt Knieriem. Und im Hintergrund brüllt der Tiger.