Erzbistum Berlin

Kardinal Woelki sieht katholische Kirche auf Wachstumskurs

Für Rainer Maria Kardinal Woelki ist Berlin eine Diaspora. Im Interview mit der Morgenpost erzählt er, wie er Menschen für die katholische Kirche gewinnen will - und wie er Papst Franziskus erlebt.

Foto: Reto Klar

Berliner Morgenpost: Herr Kardinal Woelki, herzlichen Glückwunsch. Sie sind vom Papst gerade erst in die Kleruskongregation berufen worden. Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Papst Franziskus?

Rainer Maria Kardinal Woelki: Ich finde, dass Papst Franziskus die Menschen ungeheuer positiv anspricht. Er wirkt total authentisch. Und er bedient sich einer Sprache, die die Menschen verstehen. Es gelingt Franziskus, wesentliche Fragen so zu formulieren und anzusprechen, dass sie Menschen existenziell berühren. Der Papst wird seiner Aufgabe als Pontifex, als Brückenbauer, gerecht.

Wie ist Franziskus im persönlichen Gespräch? Kannten Sie ihn schon vor seiner Wahl zum Papst?

Nein, ich habe Franziskus während des Konklaves kennengelernt und ihn inzwischen dreimal persönlich treffen dürfen. Er ist sehr unmittelbar, sehr freundlich, sehr zugewandt, sehr brüderlich, einfach herzlich!

Welche Bedeutung hat Ihre Aufnahme in die Kleruskongregation?

Wer Kardinal wird, gehört zum Klerus von Rom und hat damit auch die Aufgabe, den Papst als Bischof von Rom zu unterstützen, aber natürlich auch und insbesondere in seiner Aufgabe als oberster Hirte der Weltkirche. Deshalb ist jeder Kardinal verschiedenen päpstlichen Räten oder Kongregationen zugeordnet. Kongregationen sind so etwas wie die Ministerien des Vatikans. Ich bin jetzt in der Kleruskongregation, weil ich früher unter anderem für die Ausbildung der Priester zuständig war.

Die katholische Kirche in Berlin – das ist ein Leben in der Diaspora. Bleibt das so?

Davon muss ich ausgehen. Das ist immer schon die Situation der Katholiken hier in Berlin gewesen, und auch mit allen Christen zusammen stellen wir nur gut ein Drittel der Bevölkerung. Aber die katholische Kirche in Berlin, Brandenburg und Vorpommern wächst. Das liegt zunächst an den vielen Zuzügen, denn Berlin ist einfach attraktiv. Aber auch an der Grenze zu Polen steigen die Katholikenzahlen, weil polnische Mitbürger sich grenznah in Brandenburg und Vorpommern niederlassen.

Was wollen Sie ändern, um mehr Menschen für die katholische Kirche zu gewinnen? Haben Sie Ideen, um sie attraktiver zu machen?

Zunächst einmal haben wir die attraktivste Botschaft der Welt: das Evangelium, die Frohe Botschaft von Jesus Christus, die ohne Alternative ist. Was uns gelingen muss, ist, das Evangelium selbst authentisch zu leben und in unserem Leben umzusetzen. Ich glaube, dass uns das gerade in den vergangenen Monaten hier und da sogar gelungen ist. Ich denke an die Probleme der Flüchtlinge, für die wir uns einsetzen, denen die Caritas vorübergehend Unterkunft geboten hat und die sie jetzt berät. Aber auch an mehr als 70.000 Notübernachtungen in unseren Pfarrheimen und anderen kirchlichen Gebäuden im Rahmen der Kältehilfe für Obdachlose. Und ich denke beispielsweise an Einrichtungen des Sozialdienstes katholischer Frauen, die sich speziell um Kinder und Frauen kümmern.

Und was planen Sie im Bistum?

Wir müssen genau da weitermachen: Nah bei den Menschen bleiben, die Frohe Botschaft von Jesus Christus erfahrbar und erlebbar machen, auch mit konkreter Hilfe. Wir haben das genannt „Wo Glauben Raum gewinnt“. Wir überlegen aber auch, wie es gelingen kann, den Dialog mit dem weltlichen Berlin, mit Wissenschaft, Kunst und Kultur zu intensivieren. Und wir wollen uns den Innenraum unserer St. Hedwigs-Kathedrale vornehmen. Sie ist ein wenig in die Jahre gekommen. Vor gut 40 Jahren wurde sie das letzte Mal saniert.

Ganz schön viele Aufgaben ...

Nah bei den Menschen, das verstehe ich in einem umfassenden Sinn: Das gilt für den intellektuellen, wissenschaftlichen Dialog, das gilt aber auch für die ganz alltägliche Seelsorge und Verkündigung, und das gilt auch für unsere Kathedrale: Es ist unsere Aufgabe als Kirche, die Gottesfrage auch im weltlichen Berliner Umfeld wachzuhalten, durch den Erhalt der Kathedrale und dadurch, dass wir da Gottesdienst feiern.

Und warum braucht die katholische Kirche ein Wissenschaftsinstitut?

Berlin ist auch die Hauptstadt der Wissenschaften, der Universitäten und Hochschulen. Gerade hier muss die katholische Position vernehmbar bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns gerade hier zu den gesellschaftlich relevanten Fragen äußern und positionieren: zu bioethischen, zu medizinethischen Fragen, zu Fragen der Wirtschaftsethik, aber auch im Bereich Kunst und Kultur. Ich finde es wichtig, auf die Vielfalt der Kulturen und Religionen in Berlin einzugehen.

Die St. Hedwigs-Kathedrale liegt Ihnen am Herzen. Haben Sie ein bisschen Angst, dass die Kathedrale untergehen könnte in dem Ensemble mit dem riesigen Humboldt-Forum, Humboldt-Universität, „Hotel de Rome“ und Staatsoper?

Nein, im Gegenteil. Die St. Hedwigs-Kathedrale gehört dazu und ist ins Ensemble integriert. Das ist eine von Friedrich II. großartig geplante Anlage mit einer grandiosen Sichtachse. Die Kathedrale steht so, dass sie den Blick der Flaneure Unter den Linden anzieht. Sie ist die älteste katholische Kirche Berlins nach der Reformation, ihre Architektur ist einzigartig. Die Kathedrale ist im Innern nach der Zerstörung im Krieg Anfang der 60er-Jahre neu geschaffen worden, in einer zur damaligen Zeit sehr modernen Weise. Heute ist der Innenraum stark verschmutzt und wir sind – über einen Architektenwettbewerb – dabei, ein angemessenes Raumkonzept zu finden, welches den seit Abschluss der letzten grundlegenden Gestaltung veränderten Umständen Rechnung trägt. Dabei gilt es insbesondere, akustische und visuelle Probleme zu lösen, die bei der Feier der Liturgie auffallen.

Was werden Sanierung und Neugestaltung kosten?

Zu Kosten können wir noch gar nichts sagen. Der Architektenwettbewerb, an dem sich 169 Büros beteiligt haben, läuft noch. Die Jury hat in einer ersten Phase 15 Entwürfe ausgewählt. Das Preisgericht will am 30. Juni in einer zweiten Phase daraus die besten auswählen.

Wie wollen Sie verhindern, dass das schlechte Beispiel aus Limburg der Berliner Kathedrale schadet?

Wir bauen keine bischöfliche Residenz. Es geht um die St. Hedwigs-Kathedrale. Sie steht an einem historisch bedeutenden Ort und gehört ins Stadtbild von Berlin. Es ist unsere Aufgabe, diesen Ort zu erhalten. Außerdem werden wir Kostenschätzungen und Ausgaben transparent und nachvollziehbar darstellen.

Auch die katholische Kirche in Berlin muss massiv sparen. Ab 2020 soll es im Erzbistum nur noch 30 größere Pfarreien geben, unter deren Dach die 105 Gemeinden erhalten bleiben sollen. Die Unzufriedenheit unter den Gemeindemitgliedern ist groß. Warum ist diese Reform nötig?

Nicht, weil wir sparen müssen. Wir versuchen bei allem, was wir machen, auf ein gutes Verhältnis zwischen Kosten und Leistungen zu achten. Wir sind bei allem immer darum bemüht zu fragen, ob es eine sinnvolle Investition ist, die den Menschen dient. Wir sind eine relativ arme Diözese und müssen uns deshalb alles gut überlegen.

Die Verringerung von Pfarreien hängt aber doch mit Einsparungen zusammen?

Nochmals nein. Wir investieren sogar. In einem ersten Schritt sollen sich Pfarrgemeinden zu pastoralen Räumen zusammenfinden. Jeder solche Raum soll ein eigenes Büro mit Sekretariatsausstattung erhalten und in weiteren Schritten zu einer Pfarrgemeinde zusammengeführt werden. Ein Sekretariat haben viele Pfarreien momentan nicht. Seelsorger sollen damit künftig von Büroarbeit entlastet werden. Die pastoralen Räume sollen sich als Netzwerke verstehen, zu denen sich mehrere Gemeinden und andere Orte kirchlichen Lebens – Kindertagesstätten, Caritas-Beratungsstelle, kirchliches Krankenhaus, Chöre – zusammenschließen. Sie sollen zum Wohle der Menschen die Dienste besser koordinieren und anbieten.

Sie leben hier im Soldiner Kiez in Wedding. Wie ergeht es Ihnen in diesem ehemaligen Arbeiterviertel, heute mit einem sehr hohen Migrantenanteil, mit hoher Kriminalitätsrate?

Ich fühle mich hier ganz wohl. Das ist hier auch mit den Nachbarn ein gutes und unkompliziertes Miteinander.

Schon mal daran gedacht, wegzuziehen?

Nein.

Die früheren Erzbischöfe von Berlin hatten ihre Wohnung unweit der Kathedrale, im Bernhard-Lichtenberg-Haus. Wird das Haus auch saniert? Können Sie sich vorstellen, dort zu wohnen?

Man muss schauen, was im Bernhard-Lichtenberg-Haus geschehen wird und wie das Platzangebot ist, es gibt fast zu vieles, was wir an diesem zentralen Ort unterbringen könnten: als Ort der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, von Bildung und Kirchenmusik, Begegnung und Beratung. Ob dort dann ein Platz zum Wohnen sein wird, weiß ich nicht. Irgendwann kommt man sicher dazu zu sagen, dass eine Diözese auch ein festes Bischofshaus braucht.

Sie sind Fan des 1. FC Köln – und der ist jetzt wieder in die Erste Bundesliga aufgestiegen. Dann sehen wir Sie beim Heimspiel Hertha BSC gegen Köln im Olympiastadion?

(lacht) Wenn das irgendwie einzurichten ist, auf jeden Fall. Ich hoffe natürlich, dass dann der richtige Verein gewinnt …