Prozess

Vom „Maskenmann“ gekidnappt - Manager schildert Entführung

Im „Maskenmann“-Prozess soll der angeklagte Mario K. Manager Stefan T. in Storkow entführt haben, um eine Millionensumme zu erpressen. T. schildert, wie er auf eine Insel verschleppt wurde – und floh.

Stefan T. kann sich an den ersten Anblick des Täters noch gut erinnern: „Ich habe ihn komplett dunkel erlebt“, sagt der 53-Jährige vor dem Schwurgericht in Frankfurt (Oder). „Für mich war das der schwarze Mann. Es war ein Albtraum.“

Es geht in diesem Prozess um versuchten Mord, schwere Körperverletzung und versuchten erpresserischen Menschenraub. Angeklagt ist der 46-jährige Mario K., ein durchtrainiert wirkender Mann mit dem sorgfältig gestutzten Vollbart, der gleich zu Beginn des Prozesses kundtat, unschuldig zu sein – und seitdem das Geschehen interessiert beobachtet. Im August 2011 und im Oktober 2011 soll er Anschläge auf die Ehefrau und die Tochter eines Berliner Unternehmers verübt und dabei den Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma angeschossen haben. Der 32-Jährige ist seitdem querschnittsgelähmt. Vorgeworfen wird Mario K. zudem die Entführung von Stefan T., Chef einer Berliner Vermögensberatungsfirma.

Der untersetzte, knapp 100 Kilogramm schwere Mann ist in diesem Prozess der vermutlich wichtigste Zeuge. Er ist überzeugt, dass Mario K. zu recht auf der Anklagebank sitzt. Er hat seine Stimme bei der Polizei bei einem Test mit sieben Kandidaten erkannt. Und kann sich jetzt vor Gericht verblüffend präzise sogar an zunächst belanglos erscheinende Details erinnern. Am 5. Oktober 2012 waren er, seine Frau und der damals zehnjährige Sohn am Nachmittag aus Berlins zum Ferienhaus im Storkower Ortsteil Hubertushöhe gefahren, „um ein schönes langes Wochenende zu verbringen“. Gegen 21.30 Uhr ließ sein Frau vor dem Schlafengehen den Hund in den Garten. Dabei blieb die Haustür nur angelehnt. Das machte sie immer so – und der Täter , der das Haus schon monatelang beobachtete hatte, wusste das.

Plötzlich stand ein maskierter Mann im Haus

Er habe den Hund – einen Rhodesian Rigdeback – „ungewöhnlich laut bellen gehört“, sagt Stefan T. Als seine Frau nachschauen wollte, sei plötzlich der maskierte Mann ins Haus eingedrungen. „Ich hab ,Raus! Was willst du?’ geschrien“, erinnert er sich. Und dass er reflexartig zu einer Weinflasche gegriffen und sie „mit aller Kraft in Richtung des Eindringlings“ geworfen habe. Der wich der Flasche aus und schoss mit einer Pistole in die Decke. „Da war mir klar, dass jede Gegenwehr zwecklos ist ist“, sagt Stefan T. Der Täter habe mit tiefer, rauer Stimme auch sofort sein Motiv verraten: „Es geht nur um Geld.“ Er habe Stefan T.s Frau aufgefordert, ihren Mann zu fesseln und ihm mit Packband die Augen zu verkleben. Diese stand jedoch „wie paralysiert“. Der Sohn sprang ein, führte den Befehl aus. Bevor der Maskenmann mit Stefan T. das Haus verließ, sagte er noch zu dessen Frau: „Keine Polizei! Wenn die im Spiel ist, schieße ich deinen Mann zum Krüppel und hole mir das Kind.“

Stefan T. musste ins Wasser steigen, um den Oberkörper eine vom Täter gehaltene Leine, und sich an einem Kajak festhalten. Das Kajak steht jetzt als Beweismittel im Gerichtssaal. Auf einem Tisch wurde zudem eine bunte, plüschige Decke abgelegt – auch ein Beweismittel, der Täter soll seine Entführungsopfer damit zugedeckt haben.

Mit zugeklebten Augen in den Sumpf

Stefan T. erkennt beides. Er weiß noch, wie er sich an das Kanu klammerte. Es war ein kalter, stürmischer Oktoberabend. Nach einigen Minuten hielten sie. Stefan T. musste sich auf eine Luftmatratze legen. Und weiter ging die Fahrt, nach seiner Schätzung etwa eine halbe Stunde, bis sie erneut hielten. Diesmal vor einer Art Sumpf. Stefan T. musste vorangehen. Seine Augen waren immer noch verklebt. Er fiel in den Matsch oder in Wasserlöcher, fror entsetzlich, hörte seine eigenen Zähne klappern. Nach einigen Minuten kamen sie auf einer winzigen Insel an. Der Täter gab ihm trockene Kleidung und begann ihn auszufragen. Mit markant kurzen Sätzen: Ob seine Frau vielleicht doch die Polizei alarmieren werde? Was er beruflich mache und was er für ein Vermögen habe? Wie sportlich er sei? Stefan T. wurde klar, dass der Maskenmann das Meiste schon wusste und es nur bestätigt bekommen wollte. Sie duzten sich, saßen nahe beieinander. Stefan T. erinnert sich noch an den Geruch des Entführers: „Fruchtig, süßlich, scharf“. Er versuchte, ein entkrampfteres Verhältnis herzustellen: „Er sollte einsehen, dass ich kein Scheck, sondern ein Mensch bin.“

Der Maskenmann kannte sogar die Bilder in T.s Ferienhaus. Sie seien von einem noch wenig bekannten Künstler, aber sie würden mal richtig teuer werden, hatte Stefan T. gesagt. Worauf der Maskenmann erwiderte: „Das glaubst nur du!“ Für das Schwurgericht könnte dieses Detail von Interesse sein. Einen Verhandlungstag zuvor hatte ein Freund des querschnittsgelähmten Wachmanns als Zeuge ausgesagt und dabei den Angeklagten mit Blicken fixiert. Als er darauf angesprochen wurde, hatte der Zeuge sinngemäß gesagt: Ich möchte mir den Typen anschauen, der meinen Kumpel zum Krüppel geschossen hat. Worauf der Angeklagte aufsprang und wütend rief: „Das glaubst nur du!“

Der Fluchtversuch wäre beinahe gescheitert

Bei der Zeugenaussage von Stefan T. hat sich Mario K. wieder voll unter Kontrolle. Er schreibt eifrig mit, als das Entführungsopfer seine Gefühle beschreibt, nachdem ihn der Maskenmann allein auf der Insel zurückließ: rücklings an einen Baum gefesselt, Augen und Ohren verklebt. Beim Mund blieb noch eine winzige Öffnung für einen Schlauch aus Silikon, mit dem Stefan T. Seewasser trinken konnte. „Ich kann durch die Nase sehr schlecht atmen“, sagt er. „Ich hatte Angst zu ersticken, versuchte zu vermeiden, dass ich hyperventiliere.“

In der Nacht zum Sonntag habe er dann beschlossen, sich zu befreien, so Stefan T. Auch um die Gefahr, vom Maskenmann bestraft zu werden. Es gelang. Und als er sich umsah, entdeckte er plötzlich ein Licht: „Ich dachte erst, es ist die Polizei“, sagt Stefan T. Aber es war die gefürchtete dunkle Gestalt, in der Hand eine Taschenlampe. Stefan T. weiß noch, dass er sich fallen ließ, „das Gesicht im Sumpf, dem Boden gleich“, und dass er mehr spürte als hörte, wie nahe ihm der Maskenmann kam. Aber er fand ihn nicht.

Stefan T. flüchtete ins nahe gelegene Wendisch-Rietz, klingelte an einer Tür. Er war schlammverkrustet. „Sie müssen mir nicht aufmachen“, sagte er. „Aber rufen Sie bitte die Polizei.“