Statistik

Gewalt gehört an vielen Berliner Schulen zum Alltag

Allein in der ersten Hälfte des Schuljahres wurden in Berlin knapp 1400 Gewaltvorfälle gemeldet. Vor allem Meldungen von „schwerer körperlicher Gewalt“ nehmen zu. Experten fordern mehr Psychologen.

Foto: Oliver Berg / picture-alliance/ dpa

Ob Prügeleien, Vandalismus oder eine mit Gewalt „abgezogene“ Jacke: Verbale und körperliche Gewalt ist an Berliner Schulen nach wie vor ein großes Problem. Allein in der ersten Hälfte des laufenden Schuljahres meldeten die Schulen der Senatsverwaltung für Bildung knapp 1400 Gewaltvorfälle. Im gesamten Schuljahr 2012/2013 waren es rund 2700 gemeldete Vorfälle.

Wenn sich die aktuelle Entwicklung in der zweiten Hälfte des laufenden Schuljahres fortsetzt, zeichnet sich damit eine leichte Steigerung ab. Besorgniserregend entwickeln sich vor allem die Meldungen von „schwerer körperlicher Gewalt“. 2012/2013 meldeten die Schulen 443 solcher Vorfälle. In der ersten Hälfte des laufenden Schuljahres waren es bereits 239.

Eine Steigerung ist auch bei den Bedrohungen von Schülern zu erwarten. Von 170 Fällen berichteten die Schulen im ersten Halbjahr 2013/14. Im gesamten Schuljahr 2012/13 waren es 311.

Gewaltzahlen stagnieren auf „hohem Niveau“

Die Zahlen nennt die Senatsverwaltung für Bildung in ihrer Antwort auf eine Anfrage des Abgeordneten Joschka Langenbrinck (SPD). „Alles deutet darauf hin, dass die Zahl der Vorfälle auf hohem Niveau stagniert“, sagt Langenbrinck. Auch nach Darstellung einer Sprecherin der Bildungsverwaltung zeigen die Meldungen „eine Kontinuität im Umgang mit Gewalt- und Krisenfällen an Schulen“.

Die Zahl der tatsächlichen Vorfälle entspreche aber nicht unbedingt der in der Statistik erfassten Zahl der gemeldeten Vorfälle. In der zweiten Hälfte des Schuljahres würden zudem erfahrungsgemäß weniger Vorfälle gemeldet als im ersten, weil es mehr Ferien- und Feiertage gebe, betonte sie.

Die Bildungsverwaltung unterscheidet die Gewaltvorfälle nach drei Gefährdungsgraden. Zum Typ I gehören beispielsweise Beleidigung, Tätlichkeiten und Mobbing. Diese von der Verwaltung als „pädagogische Grenzsituationen“ bezeichneten Vorfälle müssen nicht schriftlich gemeldet werden. Tatbestände des Gefährdungsgrades II müssen die Schulen der Senatsbildungsverwaltung dagegen mitteilen. Darunter fallen zum Beispiel Fälle schwerer körperlicher Gewalt, sexuelle Übergriffe oder Handel mit Suchtmitteln. Zur dritten Gefährdungsstufe zählen beispielsweise Epidemien, Geiselnahmen oder Suizide. Aus dieser höchsten Kategorie meldeten die Berliner Schulen im ersten Halbjahr sechs Fälle – zwei Brandfälle sowie vier Fälle von Waffengebrauch.

Experten gehen von hoher Dunkelziffer aus

Bei vergleichsweise weniger gravierenden Vorfällen, die nicht meldepflichtig sind, gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus – zum Beispiel beim Mobbing. Die Zahl der angezeigten Vorkommnisse scheint zwar etwas zu sinken – 35 waren es im ersten Halbjahr, 93 im gesamten vergangenen Schuljahr.

Der Abgeordnete Langenbrinck warnt dennoch: „Vor allem Mobbing, Beleidigungen, Abzocken und Geburtstagsschläge kommen im Schulalltag viel zu häufig vor.“ Geburtstagsschläge beschreiben die Unsitte, dass Schüler an ihrem Geburtstag Prügel bekommen – pro Lebensjahr ein Schlag. „Die Schüler dürfen damit aber nicht durchkommen“, so Langenbrinck weiter. „Deshalb ist es sinnvoll, die Sensibilität der Lehrer zu verbessern, die Prävention und Aufklärung zu stärken und den Jahresbericht zur Gewaltprävention an Schulen wieder einzuführen. Es darf keine falsche Toleranz mit Gewalt in Schulen geben, wir dürfen die Augen davor nicht verschließen.“

Zu wenig Schulpsychologen im Einsatz

Die Bildungsverwaltung bietet Schulen, die Gewaltvorfälle melden, Beratung und Unterstützung durch Schulpsychologen an. Im Schuljahr 2012/13 hätten 1809 Schulangehörige an 136 Fortbildungen zum Thema Gewaltprävention teilgenommen. Für individuelle Beratungen gibt es in Berlin zurzeit 81 Schulpsychologen. Zu wenig, meinen Experten. „Jede größere Schule sollte nach internationalem Standard einen eigenen Schulpsychologen haben“, fordert etwa Klaus Seifried vom Berufsverband deutscher Psychologen.

Derzeit betreut ein Psychologe in Berlin nach seinen Angaben zehn bis zwölf Schulen. Insgesamt zeige die Statistik aber eine verhältnismäßig stabile Situation: „Die Zahlen belegen, dass die vielen Maßnahmen – wie die Konfliktlotsen oder aber Anti-Gewalt-Trainings – wirken.“

Fälle von Raub und Körperverletzung bleiben häufig

Nicht nur die Statistiken der Senatsverwaltung für Bildung belegen den Trend, auch Auswertungen der Polizei zeigen ein ähnliches Bild. Die Zahl der sogenannten Rohheitsdelikte unter Schülern (Raub, Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung) ist demnach sogar gestiegen.

Im Schuljahr 2007/2008 registrierte die Polizei knapp 1500 solcher Vergehen. 2011/2012 waren es rund 1800. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Nach Informationen der Berliner Morgenpost hat es 2012/2013 aber zumindest keinen größeren Anstieg gegeben.

Insgesamt listet die polizeiliche Statistik für 2011/2012 rund 6000 Taten auf, die in der Schule oder auf dem Schulweg begangen wurden. Das sind etwa 100 mehr als im Jahr zuvor – aber 200 weniger als 2008/2009. Ähnlich wie in der jüngsten Statistik der Senatsbildungsverwaltung zu Gewaltvorfällen in Schulen zeigt sich also ein hohes Niveau. Die absoluten Werte von Polizei und Bildungsverwaltung unterscheiden sich allerdings deutlich – was an den unterschiedlichen Erhebungsmethoden liegt.

Die Polizei erfasste sämtliche Vorfälle, die in der Schule oder auf dem Weg dorthin begangen und zur Anzeige gebracht wurden. Die Zahlen der Bildungsverwaltung lagen mit rund 2700 Vorfällen in 2012/2013 dagegen deutlich niedriger. Gezählt werden hier aber nur Vorfälle in den Schulen, die von den Schuldirektoren gemeldet werden. Das Meldeverhalten der Direktoren ist also ebenso entscheidend wie die tatsächliche Entwicklung der Gewaltbereitschaft.

Zahl der Täter ist rückläufig

Trotz aller Unterschiede – in einem sind die Statistiken recht eindeutig: Die weit verbreitete Vorstellung, dass Jugendliche immer öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten, lässt sich durch die Zahlen nicht untermauern. Laut polizeilicher Kriminalstatistik und Untersuchungen unabhängiger Forschungsinstitute ist die Jugendkriminalität vielmehr seit Jahren rückläufig. So wurden 2010 etwa 23.500 tatverdächtige Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren registriert. Im vergangenen Jahr waren es rund 19.500. Auch die Unfallkassen, die Gewalttaten erfassen, die eine ärztliche Behandlung der Schüler nach sich ziehen, registrieren rückläufige Zahlen.

Die Bildungsverwaltung versucht, bereits Vorstufen körperlicher Gewalt zu erfassen und registriert auch auf verbale, mitunter als „Hänseln“ abgetane soziale Gewalt. Nur etwa 30 Prozent der Mobbingvorfälle an Schulen werden Eltern oder Lehrkräften bekannt, sagt Klaus Seifried vom Berufsverband deutscher Psychologen. Dies belegten empirische Studien. Grund dafür ist die hohe Schamschwelle, die betroffene Schüler überwinden müssen, wenn sie sich Eltern oder Lehrern offenbaren. Es fällt ihnen schwer, Erwachsenen von täglichen verbalen Beschimpfungen oder auch schwereren Vorfällen, die von Gewaltandrohung über Erpressung oder Nötigung zu sexuellen Handlungen reichen können, zu berichten.

Die aktuelle Zusammenstellung der Bildungsverwaltung zu Gewaltvorfällen in Berliner Schulen verzeichnet für das erste Schulhalbjahr 2013/14 nur 35 Fälle. Dass die Zahl der Mobbing-Vorfälle allerdings deutlich höher liegen dürfte, glaubt auch der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck. „Die Dunkelziffer ist wesentlich höher, weil die Schulen nicht verpflichtet sind, diese Fälle zu melden“, so der Politiker.

Zeit für Gespräche nehmen

Psychologe Seifried empfiehlt Eltern, sich regelmäßig Zeit für längere Gespräche mit ihren Kindern zu nehmen. Dies schaffe Vertrauen und würde es Kindern und Jugendlichen erleichtern, die Hemmschwelle zu überwinden. Für Schulen gilt nach seiner Erfahrung: Je besser das soziale Klima, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Mobbingvorfällen kommt. „Am besten ist es, wenn Schüler Mobbing in der Klasse selbst stoppen“, sagt Seifried. Der SPD-Abgeordnete Langenbrinck fordert, Prävention und Aufklärung zu stärken. Eine Wiedereinführung des Jahresberichtes zur Gewaltprävention an Schulen hält er angesichts des hohen Niveaus bei den Gewaltvorfällen für dringlich.

Langenbrinck hatte die Bildungsverwaltung auch um eine Aufschlüsselung der Zahlen nach Schularten gebeten, doch die bekam er nicht. Eine differenzierte Aufschlüsselung „ist im Rahmen der Beantwortung einer schriftlichen Anfrage nicht leistbar“, sagt Bildungsstaatssekretär Mark Rackles. Als Verursacher beziehungsweise Tatverdächtige der gemeldeten Gewaltvorfälle tauchen übrigens in der Senats-Statistik für das erste Halbjahr 2013/14 vor allem Jungen auf, das war auch in den Jahren davor so.

Eine traurige Zunahme zeichnet sich bei der Zahl der Suizidversuche in den Schulen ab. Mit sieben gemeldeten Selbstmordversuchen lag die Zahl bereits im ersten Halbjahr des laufenden Schuljahres so hoch wie im gesamten Schuljahr des vergangenen Jahres. „Suizidandrohungen kommen in der Pubertät häufig vor, sind aber in der Regel Hilferufe – ‚kümmert euch um mich!’ Bei Suizidversuchen muss in jedem Einzelfall geklärt werden, ob und welcher Behandlungsbedarf besteht“, sagt Seifried. Nach Verkehrsunfällen sind Suizide die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen.

Aufmerksam verfolgen sollte man zudem die Entwicklung beim Handel mit Suchtmitteln. Zwar meldeten die Schulen für das erste Halbjahr 2013/14 „nur“ vier Fälle, doch das ist schon jetzt eine sehr deutliche Steigerung, denn im gesamten vorigen Schuljahr blieb es bei einem einzigen Fall.