Warnstreik

Schüler wollen gemeinsam mit Lehrern demonstrieren

Am Freitag sind alle Schularten von dem Ausstand betroffen. Auch Schüler wollen demonstrieren. Die Lehrer kündigten an, nach den Sommerferien weiter zu streiken - notfalls unbefristet.

Foto: Amin Akhtar

Schon den vierten Tag in Folge fällt an den Berliner Schulen Unterricht aus, der Höhepunkt des Lehrerstreiks steht am Freitag bevor. Während am Donnerstag nur die angestellten Lehrer der Grundschulen zum Ausstand aufgerufen sind, sollen sich am Freitag alle Schulformen beteiligen. Nun hat sich auch noch ein Bündnis von Schülern mit den Lehrern solidarisiert und für Freitag zum Schulstreik aufgerufen.

Die Folgen: Abiturprüfungen müssen verschoben werden, Eltern müssen ihre Kinder zu Hause betreuen, Vergleichsarbeiten an Grundschulen können nicht geschrieben werden. Die Lehrer fordern Tarifverhandlungen mit der Senatsverwaltung für Finanzen, doch die fühlt sich nicht zuständig und verweigert beharrlich Verhandlungen über eine tariflich geregelte Eingruppierung.

Die Geduld von Eltern, Lehrern und Schülern ist mittlerweile am Ende. Der Landesschulbeirat, in dem alle gesellschaftlichen Gruppen von den Kirchen bis hin zur Wirtschaft vertreten sind, fordert die Senatsverwaltungen für Bildung und für Finanzen auf, schnellstmöglich mit der Gewerkschaft GEW zielführende Gespräche zu führen. "Es kann nicht sein, dass sich dieser Konflikt über Monate hinzieht und dabei den Schulalltag und besonders die Prüfungen der Jugendlichen so entscheidend beeinflusst", heißt es in einer Mitteilung vom Mittwoch.

Prüfungstermine an acht Oberschulen verschoben

Die Vorsitzende des Landeselternausschusses, Lieselotte Stockhausen-Doehring, fordert den Senat auf, die Schulpflicht zu sichern und dafür zu sorgen, dass der Unterricht gewährleistet wird. "Der Senat kann die Sache nicht einfach aussitzen", sagt die Elternvertreterin.

Schließlich müsse man darauf gefasst sein, dass in Zukunft noch mehr angestellte Lehrer von ihrem Streikrecht Gebrauch machen, denn der Anteil der verbeamteten Pädagogen sinke von Jahr zu Jahr. Allerdings kritisiert der Landeselternausschuss auch, dass der Arbeitskampf vor allem auf dem Rücken der Schüler ausgetragen werde.

Immerhin hätten an acht Oberschulen Prüfungstermine verschoben werden müssen, obwohl die Gewerkschaft versichert hatte, dass die Schüler, die mündliche Abiturprüfungen haben, keinen Schaden durch den Streik haben sollen.

Schüler spüren Unsicherheit bei den Prüfungen

"Die Auswirkungen auf die Prüfungen und den Schulalltag sind sehr stark", sagt Leonie Mader, Vorsitzende des Landesschülerausschusses. Die 17-Jährige lernt am Heinrich-Hertz-Gymnasium in Friedrichshain. Die Schüler müssten Prüfungsunsicherheit in Kauf nehmen, obwohl sie an dem Konflikt zwischen Gewerkschaft und dem Land gar nicht beteiligt seien, sagt sie. Grundsätzlich gebe es aber Verständnis für die Forderung, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu bekommen.

Dem Aufruf zum Schülerstreik der linken Schülergruppen will sich der Landesschülerausschuss jedoch nicht anschließen. "Ich finde es gut, wenn sich Schüler engagieren, aber der Landesschülerausschuss muss alle Berliner Schüler vertreten und nicht nur eine Gruppierung", so die Vorsitzende Leonie Mader.

Das neue Streikbündnis der Schüler solidarisiert sich nicht nur mit den Forderungen der Gewerkschaft, sondern will auch für kleinere Klassen und mehr gut ausgebildete Lehrer demonstrieren. Am Freitag ist ein Demonstrationszug vom S-Bahnhof Greifswalder Straße bis zum Protestcamp ihrer Lehrer der GEW am Molkenmarkt angemeldet. "Die Situation der Lehrenden ist eng mit der der Lernenden verknüpft", heißt es in dem Aufruf der Schüler.

Geringere Streikbeteiligung im Osten der Stadt

Das Bündnis schätzt, dass sich mehr als 500 Schüler an der Demonstration beteiligen werden. Bei den Lehrern kann man davon ausgehen, dass die Beteiligung ähnlich hoch sein wird wie bei dem ganztägigen Warnstreik im April, als 3000 angestellte Pädagogen auf die Straße gingen.

Die Mobilisierung war bereits in den vergangenen Tagen relativ groß. Von den Sekundarschulen und Gymnasien hatten am Montag 600 Pädagogen die Arbeit niedergelegt, bei den Grundschulen waren es am Dienstag etwa 500 Lehrer, am Mittwoch hat die GEW 600 Streikende an Oberschulen und beruflichen Oberstufenzentren gezählt. Insgesamt waren mindestens 80 Oberschulen und 125 Grundschulen betroffen.

Insgesamt ist die Beteiligung am Arbeitskampf im Ostteil der Stadt geringer als im Westteil. Laut GEW liege dies daran, dass es in den östlichen Bezirken weniger angestellte Lehrer gibt. In ganz Berlin gibt es 8000 angestellte und 20.000 verbeamtete Lehrer.

Warnung vor unbefristetem Streik der Lehrer

Die Vergleichsarbeiten in den dritten Klassen hätten in den meisten Fällen am Dienstag wie geplant stattgefunden. Der Anteil der Schüler, die den Lesetest an einem Wiederholungstermin schreiben müssen, liege bei unter einem Prozent. Offen ist, wie viele Grundschulen am Donnerstag den zweiten Teil des zentralen Deutsch-Tests verschieben werden.

Die Vorsitzende des Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, sieht das Hauptproblem darin, dass die Lehrer in Berlin schlechter bezahlt werden als in den meisten anderen Bundesländern, die die Lehrer verbeamten. Dieses Problem müsse gelöst werden.

"Niemand von uns findet es gut, Unterricht ausfallen zu lassen", sagt Andreas Ritter, Lehrer für Geschichte, Ethik und Sport am Lessing-Gymnasium in Mitte. Doch wenn das Land die Verbeamtung abschaffe, müsse es auch Tarifverhandlungen mit den angestellten Lehrern führen. "Wir fangen gerade an, uns als Angestellte zu emanzipieren", sagt Ritter.

Florian Bublys von der Lehrer-Initiative "Bildet Berlin" warnt, wenn der Senat nicht reagiere, werde es nach den Sommerferien zu einer Abstimmung über einen unbefristeten Streik kommen müssen. Das sei die logische Steigerungsform nach einem einwöchigen Warnstreik.

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