Bildung

Eltern kämpfen gegen Ausfall an Berliner Schulen

An einer Steglitzer Sekundarschule fordern Kinder und Eltern, dass mehr Lehrer eingestellt werden. Die am Montag begonnene Streikwoche der angestellten Lehrer legt berlinweit viele Schulen lahm.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

An der 10. Sekundarschule in Steglitz herrscht Aufruhr. Die Eltern wollen nicht länger hinnehmen, dass Unterricht ausfällt und wegen Lehrermangels pensionierte Pädagogen oder Quereinsteiger unterrichten müssen. Kathi Möhring, deren Tochter Selma die Klasse 7e besucht, ist wütend: „Im vergangenen halben Jahr gab es mehr als 100 Ausfallstunden in der Klasse meiner Tochter.“ Biologie sei im ersten Halbjahr überhaupt nicht unterrichtet worden, Geschichtsunterricht würde seit Monaten nur sporadisch stattfinden.

Die Eltern kündigten an, zusammen mit ihren Kindern zu streiken, sollten sich die Bedingungen an ihrer Schule nicht schnellstens verbessern. Die Forderungen der streikenden angestellten Lehrer unterstützen die Eltern, denn sie müssen befürchten, dass sich unter den jetzigen Bedingungen der Lehrermangel weiter zuspitzt.

Lehrer fordern Tarifverhandlungen

Nach Angaben der Gewerkschaft GEW haben am Montag etwa 600 Lehrer von mehr als 80 Schulen gestreikt. Die Arbeitsniederlegung wird bis Freitag fortgesetzt. Die Lehrer fordern Tarifverhandlungen, um die Einkommensunterschiede zu den verbeamteten Lehrern auszugleichen, doch das lehnt der Senat bisher ab. Die Folge: An vielen Schulen fällt in dieser Woche Unterricht aus, an einigen müssen mündliche Abiturprüfungen verschoben werden und an Grundschulen werden Eltern teilweise gebeten, ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Die Senatsverwaltung für Bildung hat zwar die Schulen aufgefordert, die Einhaltung der Schulpflicht und die Betreuung der Kinder zu gewährleisten, doch auch dort ist bekannt, dass dies nicht immer möglich ist.

Besonders stark betroffen sind Schulen mit einem hohen Anteil an angestellten Lehrern. Am Gymnasium Tiergarten haben sich 20 der 30 angestellten Lehrer Montag am Ausstand beteiligt. „Das stört natürlich die Schulorganisation sehr, die Schüler sollen aber keinen Schaden nehmen“, sagt Andreas Gramm, Lehrer für Englisch und Informatik. Lehrer, die am Donnerstag und Freitag in mündlichen Abi-Prüfungen eingesetzt sind, würden sich aber nicht am Streik beteiligen.

Eltern fürchten um Abitur ihrer Kinder

An der 10. Sekundarschule in Steglitz ist am Montag in der 7e zwar wieder Bio ausgefallen, mit dem Streik aber hatte das nichts zu tun. Die Eltern haben wegen der schwierigen Situation an ihrer Schule mehrfach Schulleiter Michael Füllner um ein Gespräch gebeten. Doch der hatte keine Zeit. Vor sechs Wochen haben einige von ihnen deshalb nun einen Brief an das Beschwerdemanagement der Bildungsverwaltung geschrieben. Darin heißt es: „Es besteht akuter Lehrermangel an unserer Schule, verbunden mit massivem Unterrichtsausfall.“ Die Eltern fordern, dass der Schule schnell mehr Lehrer zur Verfügung gestellt werden. Auch Sonderpädagogen würden dringend gebraucht, schreiben sie. Eine Antwort auf ihren Brief haben sie bisher aber nicht erhalten.

Kathi Möhring befürchtet, der Unterrichtsausfall könne dazu führen, dass ihrer Tochter der Weg zum Abitur verbaut wird. Viele Eltern teilen ihre Bedenken. „Wenn das so weitergeht, wird meine Tochter keinen guten Mittleren Schulabschluss machen können und nicht zum Abitur zugelassen werden“, sagt Möhring. Dabei hätten die Grundschullehrer ihr ausdrücklich empfohlen, Selma an einer Sekundarschule anzumelden. „Das war wohl ein Fehler.“ An Gymnasien würde längst nicht so viel Unterricht ausfallen, sagt die Mutter. Weil Lehrer fehlten, fände zudem weder Teilungsunterricht statt, noch könnten die Kinder individuell gefördert werden. „Ich verstehe jetzt, weshalb so viele Eltern ihre Kinder unbedingt an einem Gymnasium anmelden wollen“, sagt Möhring.

„Unterrichtsausfall liegt nur bei einem Prozent“

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), betont indes, dass die 10. Sekundarschule ausreichend mit Lehrern ausgestattet sei. Der Unterrichtsausfall an der Schule liege lediglich bei einem Prozent. „Die Schule hat momentan genug Lehrer, um den Rahmenplan abzudecken“, sagt Stoffers. Die Eltern der 10. Sekundarschule können durchaus verstehen, dass die angestellten Lehrer jetzt streiken.

Tanja Karga sagt: „Das Problem ist doch, dass der Senat nichts unternimmt.“ In den kommenden Tagen wird der Warnstreik der Lehrer den Betrieb an vielen Schulen lahm legen. An der Heinrich-Seidel-Grundschule in Mitte haben die Eltern am Montag ein Schreiben bekommen, dass der gebundene Ganztagsbetrieb am Donnerstag und Freitag nicht aufrecht erhalten werden kann. „Am Donnerstag und Freitag ist nach der fünften Stunde Schluss, dann können wir nur noch eine Notbetreuung anbieten“, sagt Cornelia Flader, Leiterin der Grundschule. Erschwerend komme hinzu, dass die Erzieher am Donnerstagnachmittag ebenfalls von der GEW zur Kundgebung aufgerufen sind.

Kinder sollen zu Hause bleiben

An der Grundschule am Falkplatz in Prenzlauer Berg wurden die Eltern sogar gebeten, während der drei Streiktage ihre Kinder möglichst komplett zu Hause zu lassen. Die GEW bestätigt, dass es auch an anderen Grundschulen ähnliche Schreiben gibt. „Wir haben bewusst die Erzieher an den Grundschulen aufgefordert, sich nicht als Streikbrecher einsetzen zu lassen“, sagt Doreen Siebernik, Vorsitzende der GEW. Schließlich würden auch die Erzieher und Erzieherinnen für bessere Bedingungen an den Schulen kämpfen.

Am Montag waren nur die Sekundarschulen und Gymnasien zum Streik aufgerufen, am Dienstag und am Donnerstag sollen die angestellten Grundschullehrer folgen. An den Grundschulen werden in dieser Woche in den dritten Klassen die zentralen Vergleichsarbeiten in Deutsch geschrieben. Am Freitag sollen dann die Lehrer aller Schulformen die Arbeit niederlegen.

Mündliche Abiturprüfungen mussten verlegt werden

Während die Vergleichsarbeiten an den Grundschulen wohl nicht alle geschrieben werden können, geht die GEW davon aus, dass die Prüfungen mit den jeweiligen Fachlehrern alle stattfinden können. Nur in wenigen Fällen müssen Termine verschoben werden. Am Rückert-Gymnasium in Schöneberg streiken neun von insgesamt elf angestellten Lehrern. Mündliche Abiturprüfungen, die für Montag und Dienstag geplant waren, mussten auf Mittwoch und Donnerstag verlegt werden. „Das ist sinnvoller, als einen anderen Lehrer einzusetzen“, sagt Schulleiter Jörg Balke. Aufregung gebe es deshalb unter den Schülern oder Eltern nicht. „Wir müssen die Situation nehmen, wie sie ist. Angestellte Lehrer haben auch das Recht zu streiken“, sagt Balke.

„Es wird keinen Frieden geben, so lange es keine tarifvertragliche Regelung für die Lehrer gibt“, kündigte Florian Bublys von der Lehrer-Initiative „Bildet Berlin“ am Montag an. Wenn das Land Berlin nicht einlenke, werde die Situation nach den Sommerferien weiter eskalieren. Und mit jedem neuen Schuljahr wächst der Anteil der angestellten Lehrer an den Schulen. Ein Ausstand ist dann immer weniger durch verbeamtete Lehrer abzufedern. Derzeit sind 8000 Lehrer in Berlin angestellt und 20.000 verbeamtet. In drei Jahren wird bereits die Hälfte der Berliner Lehrer angestellt sein.

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