Tarifstreit

Wie Lehrer und Schüler den Streik in Berlin erlebten

Für Berlins Abiturienten gab es am Dienstag doppelte Aufregung, sie legten ihre Prüfungen ab. Gleichzeitig streikten aber die Lehrer.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Mehr als 2500 Berliner Lehrer haben nach Angaben ihrer Gewerkschaft GEW am Dienstag trotz Abi-Prüfungen gestreikt. Damit seien etwa 600 der 800 Berliner Schulen von dem Ausstand betroffen, sagte Gewerkschaftssprecher Tom Erdmann. Die Streikbeteiligung sei demnach mehr als doppelt so hoch wie erwartet.

Und das an einem Tag, an dem die schriftlichen Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss und für das Abitur stattfanden. Neben Abiturklausuren im Leistungskurs Biologie wurden jüngere Schüler für den mittleren Schulabschluss in der ersten Fremdsprache geprüft.

Die GEW will die Landesregierung mit dem Warnstreik zu Tarifverhandlungen bewegen. Sie fordert eine tarifliche Eingruppierung und gleiche Einkommen für angestellte und verbeamtete Pädagogen. In Berlin gibt es derzeit etwa 28.000 Lehrer, rund 8000 davon sind angestellt.

Die protestierenden Lehrer zogen am Dienstagvormittag mit Trillerpfeifen und Fahrrad-Korso von der Senatsinnen- zur -schulverwaltung. „Starke Schüler brauchen starke Lehrer!“ forderten sie auf Plakaten.

Am Montag hatte der rot-schwarze Senat noch versucht, den Warnstreik am Tag von schriftlichen Abiturprüfungen gerichtlich untersagen zu lassen. Dem war das Arbeitsgericht aber nicht gefolgt. Es sei nicht damit zu rechnen, dass der Ausstand die Prüfungen beeinträchtige, da vertretungsweise verbeamtete Lehrer eingesetzt werden könnten. Auch die GEW ging davon aus, dass alle Klausuren ordnungsgemäß geschrieben werden können.

Verbeamtete Lehrer solidarisierten sich

Bereits am Morgen hatten an den Schulen die ersten Vorbereitungen begonnen. So stellten 7.45 Uhr einige angestellte Lehrer des Robert-Blum-Gymnasiums in Berlin-Schöneberg ein Plakat mit der Aufschrift „HEUTE WARNSTREIK! – high noon im Robert-Blum“ vor dem Schulhaus auf. Roberto Luzardo, Lehrer für Sport und Spanisch, verteilte an alle eintreffenden Schüler einen offenen Brief. Währenddessen versammelten sich rund zehn angestellte Kollegen zu einem Foto vor dem Haus. Vier beamtete Lehrkräfte zeigten sich solidarisch und stellten sich dazu. „Ich stehe zu meinen Kollegen“, sagte Norbert Machachej, Lehrer für Biologie und Mathematik.

Für die Schulleitung des Gymnasiums sei es durch das kurzfristige Urteil des Arbeitsgerichts am Montagnachmittag schwierig gewesen, den Vertretungsplan für zu organisieren. Deshalb seien Unterrichtsstunden ausgefallen, ohne dass die Schüler vorab informiert werden konnten, sagte Kunst- und Geschichtslehrerin Stefanie Denes. „Die Senatsverwaltung hat sich durch den Versuch eine Einstweilige Verfügung zu erwirken ein Eigentor geschossen“, so die Lehrerin.

Im Vorfeld hatten die angestellten Lehrer des Robert-Blum-Gymnasiums ihre Schüler über den geplanten Streik informiert und versucht Verständnis zu gewinnen.

Es fielen aber auch Unterrichtsstunden aus

In der integrativen Fläming-Grundschule in Friedenau freuten sich die jungen Schüler über den Unterrichtsausfall. Insgesamt 14 angestellte Lehrkräfte, darunter pädagogische Mitarbeiter und Pädagogen, nahmen an dem Streik teil, sagte die Lehrerin Elisabeth Warnecke. Einige Schüler hätten heute dadurch gar keinen Unterricht gehabt und konnten zu Hause bleiben. „Viele der Eltern zeigten sich sehr solidarisch und halfen sich untereinander dabei, die Betreuung der teilweise behinderten Schüler zu gewährleisten“, so Warnecke.

Um 10 Uhr fuhren die Lehrkräfte des Robert-Blum-Gymnasiums und der Fläming-Grundschule in einem Fahrradkorso zur Kundgebung vor dem Finanzsenat an der Klosterstraße. Denn dort startet 11 Uhr eine Kundgebung. Nach Gewerkschaftsangaben hatten sich mehr als 2000 angestellte Lehrer versammelt. Das war mehr als erwartet. Die GEW sprach vor dem Streik von etwa 1000 Teilnehmern.

Die Bildungsverwaltung teilte am frühen Nachmittag mit, alle Prüfungen für das Abitur und den Mittleren Schulabschluss seien gut organisiert worden. Es habe bis Mittag keine Meldungen über Unregelmäßigkeiten gegeben. Die Schüler seien in guten Händen gewesen, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Ziel: gleiche Einkommen für angestellte und verbeamtete Lehrer

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will die Landesregierung mit dem Warnstreik zu Tarifverhandlungen bewegen. Bisher gibt es in Berlin keine tarifliche Vergütungsordnung für angestellte Lehrer. Die GEW will zudem gleiche Einkommen für angestellte und verbeamtete Pädagogen erreichen. Auch Regelungen zur altersgerechten Arbeitszeit sollen festgeschrieben werden.

Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) hatte kurz vor dem Streik mit einem Maßnahmenbündel versucht, die Gemüter zu beruhigen. „Wir zahlen unseren Lehrern in Berlin schon die höchste Eingangsstufe, die man haben kann“, sagte er nun. Es sei Teil des Systems, dass es für ähnliche Tätigkeiten Angestellte und Beamte gebe. Dieses Problem könne man bei den Lehrern allein nicht lösen.

Bislang hatte Nußbaum Verhandlungen immer mit dem Argument verweigert, die Forderungen müssten in der Tarifgemeinschaft der Länder geklärt werden. Nach Darstellung der Gewerkschaft erklärte das Arbeitsgericht das Land aber nun zum Verhandlungspartner für die GEW.

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