Nahverkehr

BVG will trotz Kritik Busse nur auf Anforderung absenken

Die BVG will das automatische „Kneeling“ abschaffen. Nur bei Bedarf sollen sich Busse den Fahrgästen entgegen neigen. Das stößt auf heftigen Widerstand bei Landespolitikern und Fahrgastvertretern.

Foto: FRANKA BRUNS / AP

Trotz der scharfen Kritik aus der Politik und von Fahrgastvertretern halten Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) an ihrer Absicht fest, dass automatische Absenken– das sogenannte „Kneeling“ – für ihre Busse abzuschaffen. „Wir haben gute Argumente dafür und hoffen, dass diese auch Gehör finden“, sagte BVG-Sprecher Klaus Wazlak der Berliner Morgenpost. Bereits jetzt gehen 415 Doppeldecker-Busse und 152 Niederflurbusse nur noch dann „in die Knie“, wenn dies von den Fahrgästen per Knopfdruck ausdrücklich angefordert wird. Die BVG werde den Pilotversuch wie geplant mindestens bis zum Jahresende fortsetzen, bestätigte Wazlak.

Die Verkehrsbetriebe wollen, dass ihre mehr als 1300 Linienbusse spätestens ab 2014 an Haltestellen prinzipiell nur noch auf Anforderung den Fahrgästen sich den Fahrgästen entgegen neigen, damit diese dann leichter ein- und aussteigen können. Die mit mehr als 800 Millionen Euro hoch verschuldete BVG verspricht sich davon Einsparungen von rund zwei Millionen Euro im Jahr.

Die Behindertenbeauftragte des Berliner Senats kritisierte das sogenannte „Bedarfs-Kneeling“ bei einer Anhörung im Verkehrsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses als klaren Verstoß gegen die Landesverfassung, die eine Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen ausdrücklich verbiete. Tests hätten ergeben, dass das „Bedarfs-Kneeling“ in der Praxis nicht funktioniere. Fahrer der BVG würden ihren Bus trotz Anforderung nicht wie gewünscht an der Haltestellen absenken. Menschen mit Behinderungen würden so zu „frustrierten Bittstellern“. Schneider verwies auf die demographische Entwicklung in der Stadt. Es gebe immer mehr ältere und auch gebrechliche Menschen, die elementar auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen seien. Für sie sei das Einknicken der Busse wichtig, um überhaupt am sozialen Leben teilzunehmen.

Fahrgastverband warnt vor „Bettelei“ beim Busfahrer

Unterstützung erhielt Schneider vom Berliner Fahrgastverband. „Es funktioniert nicht wie von der BVG dargestellt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es ist immer eine Bettelei“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Deutliche Worte fand auch der Vorsitzende des Petitionsausschusses im Abgeordnetenhaus, Andreas Kugler (SPD). Für Behinderte, Senioren und Eltern mit Kindern sei das automatische Kneeling ein wichtiger Service. „Diese Entwicklung sollte die BVG nicht zurückdrehen“, forderte Kugler.

BVG-Busdirektor verwies darauf, dass im Verlauf der 2011 und 2012 begonnenen Pilotversuche nur bei knapp drei Prozent aller Bushalte von den Fahrgästen das Kneeling angefordert wurde. Hochgerechnete auf die gesamte Busflotte könnte die BVG pro Jahr mindestens 1,9 Millionen Euro einsparen, weil der Dieselverbrauch der Busse sinkt und die zum Absenken benötigten Kompressoren seltener ausgetauscht werden müssten.

Grüne wollen Senat zu Machtwort auffordern

Vertreter aller Parteien machten deutlich, dass die BVG nicht ausgerechnet auf Kosten von Behinderten ihre notwendigen Einsparungen erbringen dürfen. SPD-Verkehrspolitiker Ole Kreins verwies auf die großen Bemühungen des Landes, mit dem Einbau von Aufzügen die Berliner U-Bahnhöfe barrierefrei zu gestalten. Trotz der sehr hohen Kosten – der Einbau eines Aufzugs kostet mindestens eine Million Euro – würde niemand auf die Idee kommen, darauf zu verzichten, weil nicht jeder den Aufzug nutzen will.

„Kosteneinsparungen zu Lasten von Eltern mit Kinderwagen, Kranken und Behinderten sind nicht der richtige Weg, zumal die Einsparungen geringfügig sind und auch anders erreicht werden können“, kritisierte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Stefan Gelbhaar. Seine Fraktion hat einen Antrag eingereicht, in dem der Senat aufgefordert wird, die BVG zu einer Rückkehr zur alten Praxis zu zwingen. „kommt es zu einem entsprechenden Beschluss im Abgeordnetenhaus, werden wir uns dem nicht verschließen“, sagte dazu BVG-Sprecher Wazlak.