Asylbewerberheime

In Berlin gehen 340 Plätze für Asylbewerber verloren

In Charlottenburg-Wilmersdorf müssen mehrere Asylheime aufgegeben werden. Die Suche nach neuen Unterkünften gestaltet sich schwierig. Berlinweit fehlen mindestens 1200 Plätze für Asylbewerber.

Foto: Martin U. K. Lengemann

In Windeseile mussten die Mitarbeiter der „Prisod Wohnheimbetriebs GmbH“ das neue Asylbewerberheim in Reinickendorf mit dem Allernötigsten einrichten: neue Betten, eine kleine Grundausstattung mit Geschirr und Pfannen für jedes Zimmer, Herde für die Gemeinschaftsküchen. Vergangenen Freitag zogen dort die ersten 130 Asylbewerber ein. Darunter viele Kinder. Sie grüßen höflich, wenn sie vorbei am Wachschutz ihr neues Zuhause betreten. Die meisten der dort untergebrachten Flüchtlinge haben vorher im Heim an der Wilmersdorfer Straße gelebt. Doch das steht nicht mehr zur Verfügung. Der Eigentümer will dort neu bauen.

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gehen fast 340 Plätze für Asylbewerber verloren, weil Heime aufgegeben werden müssen. Angesichts der ohnehin fehlenden Plätze von mindestens 1200 berlinweit – so viele Menschen leben in Not- statt in Dauerunterkünften – wird die Lücke noch größer. Die Senatsverwaltung und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sind verstärkt auf der Suche nach neuen Unterkunftsmöglichkeiten. Doch das gestaltet sich schwierig. So möchte der Eigentümer des Jugendhotels Central an der Nikolsburger Straße in Wilmersdorf das Haus als Flüchtlingsheim betreiben, doch das Bezirksamt lehnt die Nutzungsänderung ab.

„Es handelt sich um das ehemalige Jugendgästehaus des Bezirks Wilmersdorf. Bei dem Kauf der Immobilie hat der Käufer sich vertraglich verpflichtet, das Haus nur für die Jugendnutzung zu betreiben“, sagt Sozialstadtrat Carsten Engelmann (CDU). Anwohner unterstützen den Bezirk. Gleich neben dem Jugendgästehaus befinde sich die Cecilien-Grundschule.

Auch im Charlottenburger Kiez am Klausenerplatz ist die Bewohnerschaft in Aufregung. Dort überlegt die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, eine Notunterkunft für obdachlose Roma-Familien einzurichten. An der der Sophie-Charlotten-Straße 27. Wie dem „Aktionsplan Roma“ der Senatsverwaltung zu entnehmen ist, sollen die Familien „für einen begrenzten Zeitraum von wenigen Tagen“ in solch einer Einrichtung unterkommen. Der Standort sei einer von mehreren, die geprüft würden, wiegelt die Behörde ab.

„Reines Durchgangslager"

Die Überlegung, im Hinterhof eine Notunterkunft für Roma-Familien einzurichten, stammt laut Stadtrat Engelmann von der „Lenkungsgruppe Roma“ und der Integrationsbeauftragten des Landes. Auch Engelmann lehnt den Plan ab: „Ich kann mir in der kleinen Remise keine menschenwürdige Unterbringung für 80 bis 100 Menschen vorstellen. Und auch die schulischen Kapazitäten in der Umgebung sind längst erschöpft. Wir haben in der Nehring-Grundschule bereits drei ,Willkommens-Klassen’ für Kinder ohne Deutschkenntnisse eingerichtet.“

Der Plan stößt auch in der Nachbarschaft auf Vorbehalte. „Wir lehnen eine Flüchtlingsunterkunft in unserem Kiez nicht grundsätzlich ab, aber ein reines Durchgangslager, in dem die Menschen nur wenige Tage bleiben und dies auch noch unter menschenunwürdigen Bedingungen, ist ein Skandal“, sagt Klaus Betz, Vorsitzender des Kiezbündnisses Klausenerplatz. Bei der für Roma-Familien ins Auge gefassten Immobilie handelt es sich um ein Wohnhaus an der Straße sowie um sechs Gewerbeeinheiten im Hinterhof, von denen nur eine leer steht. „Dieser barackenähnliche Schuppen ist den Roma-Familien nicht zumutbar“, kritisiert Betz. Er fordert, dass wenn solch ein Projekt gestartet wird, „die Menschen auf Dauer bleiben, sodass die Integrationsbemühungen auch Sinn machen“.

Eine Flüchtlingsunterkunft, so das Kiez-Bündnis, müsste ähnlich wie in der Neuköllner Harzer Straße umfassend betreut werden. Dort hat die Aachener Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft, der auch die Immobilie an der Sophie-Charlotten-Straße gehört, das Haus vorbildlich saniert. 500 Roma leben dort in Neukölln. Sie werden unter anderem von Sozialarbeitern betreut. In der Kölner Zentrale der Aachener Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft wundert man sich über die Debatte in Berlin. „Die Senatsverwaltung hat bei uns zwar angefragt, ob wir uns dort in Charlottenburg im hinteren Bereich vorstellen könnten, eine soziale Einrichtung zu errichten. Doch es steht noch gar nicht fest, was wir dort machen und ob wir dort überhaupt etwas Neues gestalten wollen“, sagte Rouven Meister, leitender Mitarbeiter bei der Aachener Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft, die der katholischen Kirche gehört.

Hoffnung liegt auf Immobilie am Kaiserdamm

Während in Reinickendorf neue Plätze entstehen, fallen weitere in Charlottenburg-Wilmersdorf weg. Nur noch bis Ende Juli wird nach Lageso-Auskunft die Einrichtung an der Rognitzstraße 8 in Westend betrieben. Dort sind momentan 208 Menschen untergebracht. Ersatz sollte eigentlich im Jugendhotel an der Wilmersdorfer Nikolsburger Straße geschaffen werden. Doch das lehnt der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ab. Damit ist die Einrichtung an der Brandenburgischen Straße 74, die aktuell mit 190 Menschen belegt ist, ab August die einzige in Charlottenburg-Wilmersdorf, wenn keine neue auf die Schnelle gefunden wird.

Bleibt die Hoffnung auf die Immobilie am Kaiserdamm 3. Dort betreibt der Landessportbund (LSB) ein Jugendhotel, das jedoch seit einigen Jahren defizitär ist. Schulklassen und andere junge Leute wohnen dort. Die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin (DKLB) hat dem LSB das Haus für diesen Zweck noch zu Mauerzeiten kostenfrei zur Verfügung gestellt. Doch jetzt muss das Jugendhotel „notgedrungen aus zuwendungs- und steuerrechtlichen Gründen“ aufgegeben werden, sagt LSB-Sprecher Dietmar Bothe. Der Sportbund dürfe gemeinnützige Mittel nicht dazu verwenden, um das Defizit in einem Jugendhotel auszugleichen. Das Problem: Es gibt dort laut Bothe auch acht Beschäftigte. Noch sei nicht geklärt, wo sie künftig arbeiten werden, wenn dort eine neue Nutzung einzieht.

Bei der Lotto-Stiftung liegen fünf Konzepte von Nachmietern für das Haus auf dem Tisch. „Sie bewegen sich alle im Bereich Soziales und Gesundheit, sind gemeinnützig und wären also förderungsfähig“, sagt Marion Bleß, Vorstand bei der Lotto-Stiftung. Dass darunter auch Pläne für eine Asylbewerberunterkunft sind, schließt sie nicht aus. Die letzte Entscheidung, wer dort zum Zuge kommt, werde der Stiftungsrat voraussichtlich in seiner Sitzung Mitte September treffen.

Treffen beim Bezirksbürgermeister

Der Bezirk hätte keine Einwände, wenn dort ab 2014 ein neues Asylbewerberheim aufgemacht wird. „Wir haben ja selbst ein Interesse, Plätze zu schaffen. Nur so können wir unsere Wohnungslosen im Bezirk unterbringen, dafür fehlen uns ja auch Plätze“, sagt Engelmann. Beim Kaiserdamm 3 würde er aber ebenfalls darauf bestehen, dass dort nur Erwachsene untergebracht werden. In der Umgebung stünden nicht genug Einrichtungen für mehr Kinder und Jugendliche bereit.

Engelmann regt zudem an, dass die mit der Asyl-, Obdachlosen- und Roma-Unterbringung befassten Behörden mehr miteinander sprechen müssen. Charlottenburg-Wilmersdorf habe deshalb alle an einen Tisch ins Rathaus eingeladen. Engelmann, der kleinere Einrichtungen für eine Asyl-Unterkunft in Charlottenburg-Wilmersdorf statt großer Heime den Vorzug geben würde, fordert zudem mehr Geld von der Senatsfinanzverwaltung für die zusätzlichen Aufgaben.