Asylbewerber

Erste Flüchtlinge ziehen in Altenheim in Wittenau

Das ehemalige Altenheim „Marie-Schlei“ in Berlin-Wittenau soll dauerhaft zur Unterkunft für Flüchtlinge werden. Die Nachbarschaft fürchtet jedoch, dass zu viele neue Menschen Unruhe in die Gegend bringen.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Das Marie-Schlei-Haus in Wittenau im Berliner Bezirk Reinickendorf hat neue Bewohner. Nachdem die alten Menschen, die dort zu Hause waren, sich neue Pflegeheime suchen mussten, sind in dem Hochhaus Asylbewerber eingezogen. Darunter befinden sich viele Frauen mit kleinen Kindern. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Tschetschenien und Russland. Im Haus am Eichborndamm 124 sollen ausschließlich besonders schutzwürdige Personen untergebracht werden.

57 der 60 Plätze sind mittlerweile belegt. Die Räumlichkeiten machen einen einladenden Eindruck. Orangefarbene Sessel stehen in der großzügigen Wohnküche mit dem Aufenthaltsraum, vor den Fenstern hängen lindgrüne Vorhänge. In den hellen Zimmern gibt es jeweils maximal vier Betten, so dass Familien unter sich sind. Die meisten Zimmer haben sogar ein eigenes Bad. Die Kinder spielen zusammen, die Mütter passen auf und unterhalten sich.

Eine von ihnen ist Herda Rasueva. Die 20-Jährige hat zuvor mit ihren beiden Kindern, dem dreijährigen Hannsat und der zweijährigen Hava, in einem Asylheim am Askanierring in Spandau gelebt. Erst vor etwa zwei Monaten ist die junge Frau nach Berlin gekommen. Sie stammt aus einem kleinen Ort in der Nähe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Ihr Mann sei zuerst verfolgt, dann von Soldaten ins Gefängnis gesteckt worden. Er sei verdächtigt worden, die Rebellen zu unterstützen, sagt sie der Dolmetscherin Lydia Becker (64), die sich ehrenamtlich im Marie-Schlei-Haus engagiert.

Aus Angst, so wie ihr Mann auch ins Gefängnis gesteckt zu werden, habe Herda Rasueva sich und ihre Kinder in Sicherheit gebracht, berichtet die junge Frau weiter. Wie es weitergeht, wisse sie nicht. Sie weint. Hauptsächlich um ihren Mann, der früher als Handwerker mit Maler-Restaurierungen das Geld für die Familie verdiente. „Menschen, die einfach so ins Gefängnis gebracht werden, kann bei uns jederzeit etwas zustoßen. Sie werden einfach tot aufgefunden“, sagt sie. Nun ist sie froh, in Berlin zu sein.

Platz für 220 Flüchtlinge

Versorgt werden die Menschen im Marie-Schlei-Haus vom Kreisverband Berlin-Mitte der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Dieser hat eine Nutzungsänderung beim Bauamt des Bezirks Reinickendorf für das Gebäude eingereicht. 220 Flüchtlinge, so der Antrag, sollen dort künftig wohnen. Bezirksstadtrat Martin Lambert (CDU) geht davon aus, dass das Bezirksamt den Antrag mit kleinen Veränderungen Anfang kommender Woche genehmigen wird. Aufgenommen werden sollen aber auch dann nur besonders schutzbedürftige Personen.

„Das sind beispielsweise ältere Menschen, durch Krieg und oft auch durch Vergewaltigungen traumatisierte Frauen mit und ohne Kinder, Rollstuhlfahrer und Behinderte“, erläutert Lambert. Das habe Michael Büge, der Staatssekretär in der Senatssozialverwaltung, so festgelegt. Und das mache auch Sinn, so Lambert weiter, weil das Haus behindertengerecht ausgestattet sei und es in Berlin nicht viele Unterkünfte dieser Art für Flüchtlinge gebe.

Es fehlen 1200 Plätze

Generell fehlen in Berlin nach wie vor mehr als 1200 Plätze für Asylbewerber. So viele Plätze gibt es in den Notunterkünften, zu denen auch das Marie-Schlei-Haus bis zur endgültigen Genehmigung zählt. Hinzukommen einige hundert fehlende Plätze, um die bereits angekündigten Syrer aufnehmen zu können. Das Landesamt rechnet damit, dass Berlin von den 5000 Syrern, die Deutschland aufnehmen wird, 250 wird unterbringen müssen. Die 20 Berliner Gemeinschaftsunterkünfte wie die in Marienfelde sind jedoch entweder voll ausgelastet oder teils sogar überbelegt. Insgesamt 5618 Flüchtlinge leben in den Berliner Asylbewerberheimen. Die zwei Erstaufnahmeeinrichtungen befinden sich in der Motardstraße in Spandau und der Rhinstraße in Lichtenberg. Beide werden von der Awo betrieben. Das Landesamt möchte die Notunterkünfte, bei denen es sich auch um Schulen und Turnhallen handelt, auflösen, hat aber Probleme, geeignete dauerhafte Gemeinschaftsunterkünfte aufzumachen.

Um das Problem anzugehen, hat das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) gerade zum ersten Mal von einem landeseigenen Unternehmen verlangt, Asylbewerber unterzubringen – ebenfalls in Wittenau. Der Krankenhauskonzern Vivantes muss in einem leer stehenden Verwaltungsgebäude der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik auf dem Gelände des Humboldt-Klinikums Plätze für etwa 200 Flüchtlinge einrichten.

In Reinickendorf wurde im vergangenen Jahr bereits die Heiligensee-Grundschule an der Straße Am Erpelgrund kurzfristig vom Lageso in eine Notunterkunft umgewandelt. Noch ist Reinickendorf jedoch weit entfernt davon, allzu viele Plätze für Flüchtlinge anzubieten. In der Liste der Unterkunftsplätze rangiert der Bezirk nach wie vor mit rund 190 belegten Plätzen weit hinten. Ziel des Landesamtes und des Sozialsenators Mario Czaja (CDU) ist es schon lange, die Unterkünfte gleichmäßiger in den Bezirken zu verteilen. Doch noch immer ist es so, dass die meisten Plätze Lichtenberg, Tempelhof-Schöneberg, Mitte und Spandau bereitstellen. Pankow, Neukölln, Steglitz-Zehlendorf sowie Reinickendorf sollen noch Kapazitäten schaffen.

Nachbarn gründen Bürgerinitiative

Doch die Nachbarn in Wittenau machen sich Sorgen. Viele wohnen in der Einfamlienhaus-Siedlung gleich neben dem Marie-Schlei-Haus. Sie haben eine Bürgerinitiative gegründet und bereits Hunderte von Unterschriften gesammelt. Nachdem sie das zu wenig ausgelastete und deshalb unwirtschaftlich betriebene Altenheim nicht retten konnten, wollen sie jetzt wenigstens erreichen, dass in dem sieben Stockwerke hohen Gebäude wirklich nur besonders schutzbedürftige Menschen unterkommen. „Wir befürchten sonst, dass ständig neue Menschen kommen und es mit dem Frieden in der Gegend vorbei ist“, sagen Bernd Hein, Britta Wittenberg und Michael Schaefer. Ohnehin fühlten sie sich „überrollt und viel zu spät von den Behörden informiert“

Immer wieder habe es sich widersprechende Angaben von den Behörden gegeben, was mit dem Haus passieren soll. „Wir wollen ein ruhiges Leben hier behalten, helfen auch gern mit, die Menschen zu integrieren. Wir hoffen aber einfach, dass die Anzahl nicht so groß wird. Große Menschenmassen, erst recht, wenn immer wieder neue kommen, werden Probleme bringen“, sorgt sich Bernd Hein. Es sollten auch Spielplätze und andere Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden, finden sie. Bezirksstadtrat Martin Lambert ist aber überzeugt davon, dass die Awo und die Nachbarschaft in einem guten Dialog seien, um mögliche Probleme aus dem Weg zu räumen.

Gekommen, um zu bleiben

Das hofft auch Petimat Dschafarovva, die jetzt auch im Marie-Schlei-Haus untergekommen ist. Die 30-Jährige kam mit vier ihrer sechs Kinder nach Berlin und lebte so wie Herda Rasueva zuvor in dem Heim am Askanierring. Ihren elfjährigen Jungen, der in der Schule in Grosny sogar Deutsch lernt, und das zehnjährige Mädchen hat sie zu Hause bei den Großeltern gelassen. Mit mehr als vier ihrer Kinder habe sie sich die Flucht nicht zugetraut, berichtet sie der Dolmetscherin auf Russisch. Sie sei durch Polen per Autostopp nach Berlin gekommen. Bereits 2005 war sie hochschwanger nach Polen geflüchtet. Nach acht Monaten sei ihr gesagt worden, die Lage in ihrer Heimat habe sich stabilisiert. Sie kehrte zurück. „Aber es ist dort nach wie vor nicht sicher, so dass ich das zweite Mal geflohen bin“, sagt sie.

Wo ihr Mann ist, der als Zahntechniker arbeitete, wisse sie nicht. Sie habe Angst, dass sie ihn wieder eingesperrt hätten. Sollte er sich versteckt haben, hofft sie, dass er eines Tages zu ihr und den Kindern kommt, damit die Familie wieder zusammen ist.

In ihrem Zimmer hat die gelernte Buchhalterin es sich und den Kindern nun so gemütlich wie möglich gemacht. Sie will in Berlin bleiben. So wie die anderen Flüchtlinge auch.

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