Marienfelde

Präsident Gauck und das Mädchen aus Afghanistan

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Philip Volkmann-Schluck

Foto: ped htf / picture alliance / dpa

Die zwölf Jahre alte Sadaf aus Afghanistan lebt mit ihrer Familie in Berlin. Ihr Asylantrag wurde jedoch abgelehnt. Beim Besuch von Joachim Gauck in Marienfelde bat sie den Bundespräsidenten um Hilfe.

Wie fängt man so einen Brief an? Herr Gauck? Herr Staatsoberhaupt? Sadaf sitzt auf dem Boden, Stift und Block in der Hand. Sie schreibt: „Lieber Präsident von Deutschland“. Die Anrede fließt auf das Papier, jeder dieser Buchstaben, die sie vor einem Jahr nicht mal kannte, als sie nur etwas Farsi schrieb, jene geschwungenen Linien mit Punkten, von rechts nach links. Nun also auf Deutsch – von links nach rechts. „Vielleicht“, schreibt sie, „müssen meine Familie und ich zurück nach Afghanistan.“

„Vau“, ruft jemand. „Vogelvau!“ Es ist Kambiz, der Bruder, sieben Jahre alt, er hat nur darauf gewartet, dass seine große Schwester einen Fehler macht. Endlich mal. „Vielleicht“ wollte sie erst mit „F“ schreiben, so klingt das Wort ja auch. Und dann lacht die Familie Walizada. Torpekai, die Mutter, Sadeq, der Vater, Sadaf und Sahar, die Schwestern, und Kambiz, der Bruder. Sie klingen wie eine Gruppe von Sprachstudenten, deren einzige Sorge die Wirren der deutschen Sprache sind.

Sadaf ist ein zwölfjähriges Mädchen mit klaren Augen und seltsam wissendem Blick. Sie hat ihre Familie überrascht und sich selbst, als kürzlich der Bundespräsident gewissermaßen vor ihrer Haustür in Marienfelde vorbeikam. Joachim Gauck hatte dort die Gedenkstätte für das Lager besucht, in dem einst DDR-Bürger nach ihrer Ausreise in den Westen auf ein neues Leben warteten. Heute leben in den Wohnungen 600 Migranten und Flüchtlinge. Sadaf stand am Straßenrand, inmitten der Menschen, die dem Präsidenten zujubelten und sich mit ihm fotografieren lassen wollten. Sie rief: „Darf ich Sie kurz sprechen?“ Es ist ein kleines Wunder, dass der Präsident sie hörte – und ein größeres, dass er tatsächlich einige Schritte mit ihr ging. Sie erzählte ihm, dass der Antrag auf Asyl ihrer Familie abgelehnt wurde. Und dass sie Angst habe, wieder in das Dorf in Afghanistan zurückzukehren, das sie vor zwei Jahren verlassen hatten.

Gauck erinnert sich an Sadaf

Etwa 70.000 Anfragen und Zuschriften von Bürgern kommen jedes Jahr im Schloss Bellevue an: Briefe, E-Mails, Postkarten. Doch auf Nachfrage erfuhr die Berliner Morgenpost, dass sich der Präsident gut erinnere an die Begegnung mit Sadaf. Er habe dem Mädchen gesagt, sie könne ihm einen Brief schreiben, hieß es im Bundespräsidialamt. Aber er musste ihr eben auch erklären, dass der Bundespräsident keinen Einfluss hat auf die Arbeit in den Ministerien und Behörden. Wenn überhaupt, kann sich das Staatsoberhaupt nach dem Stand eines Verfahrens erkundigen.

Dennoch hat Gauck an diesem Vormittag in Marienfelde eine klare Position bezogen. Er hielt eine Rede, die so klang wie ein Plädoyer dafür, dass die Familie bleiben darf. Gauck sprach darüber, woran Menschen denken sollten, wenn sie heute argwöhnisch die Motive von Einwanderern beäugen, die nach Deutschland kommen.

In der Geschichte der schiitischen Familie dreht es sich um Angst vor den sunnitischen Taliban, um Kontakt zu Christen, um Kämpfe und erwachsene Männer, die Interesse an den Töchtern hatten. Doch der Asylantrag der Familie wurde vom Bundesamt für Migration abgelehnt mit der Begründung, man glaube nicht, dass sie politisch verfolgt wurden in Afghanistan. Auch gebe es nur in „Teilen des Landes“ einen Bürgerkrieg. Man muss die Geschichte der Walizadas so vage formulieren, weil sie nun einen Rechtsstreit führen, in dem es um jedes Detail geht. Auch darum, ob der Wortlaut des Protokolls des Bundesamtes korrekt ist, das erste Angaben des Vaters zusammenfasst und dieser Zeitung vorliegt. Vieles davon hatte er an dem Tag gesagt, als er sich nach einer mehrmonatigen Reise mit Schleusern bei der Polizei in Deutschland gemeldet hatte.

Erinnerung an DDR-Flüchtlinge

Joachim Gauck sprach in seiner Rede nicht über die Bedeutung von Details. Er sprach darüber, dass auch viele DDR-Flüchtlinge im Westen kritisch aufgenommen wurden – es gab ja auch Stimmen, die sagten, die Ossis wollten nur ihr Leben verbessern. „Am Ende war es ähnlich wie heute“, sagte Gauck. Gewiss seien nicht alle Flüchtlinge politisch Verfolgte gewesen, viele seien ihrer Sehnsucht nach einem selbstbestimmten, freieren Leben gefolgt. „Wir tun gut daran, uns das in Erinnerung zu rufen, bevor wir heute vorschnell über die Motive von Flüchtlingen urteilen“, sagte er. „Wer kann es Menschen verdenken, wenn sie vor Elend und Perspektivlosigkeit fliehen, wenn sie sich auf die Suche machen nach einer besseren Zukunft für ihre Kinder?“

Sadeq Walizada, der Vater, ist 1969 geboren, seitdem hat er in einem Dorf in der Provinz Ghazni gelebt, in einem Haus aus Lehm und Stein. Er hat die Russen einmarschieren sehen, später kamen die Taliban, dann Soldaten aus Amerika und Europa. Viele Nachrichten über Anschläge kommen aus dieser Region. Und immer wieder gibt es Meldungen über Misshandlungen von Frauen. Das offizielle Heiratsalter liegt bei 16 Jahren. Das offizielle. Sadeq Walizada ist Schuster. Damit hat er das Geld verdient, das nötig war, um die Flucht seiner Familie mit Schleusern zu finanzieren. Von Griechenland aus schickte er zuerst seine drei Kinder nach Deutschland, um erst einen Monat später mit seiner Frau nachzureisen.

Wenn er nun morgens an der Tür stehe und seinen Kindern hinterwinke, die in die Schule gehen, dann sei er glücklich, sagt der Vater. Viel Deutsch kann er noch nicht, er steht in der kleinen Wohnung und zeigt sein Übungsheft, in das er geschrieben hat: „Nominativ: ich. Genitiv: meiner. Dativ: mir. Akkusativ: mich.“ Wenn er mehr sagen will, dann übersetzen seine Töchter. Die Mädchen führen die Geschäfte in der Familie. Es stört den Vater nicht. Viel mehr scheint es, als habe er das genau so gewollt. Die Familie spricht darüber, dass Saar, die ältere Schwester, zu einer Befragung eingeladen ist, ein Student erhebt Daten in dem Wohnheim für seine Diplomarbeit. Sie diskutieren, ob sie alleine dorthin gehen soll, bis Sadaf sagt: „Wir gehen alle zusammen.“

Sadaf hat sich die Haare zu Zöpfen gebunden, sie trägt einen Haarreif. Natürlich wollen ihre Eltern, dass sie Ärztin wird oder Lehrerin, aber sie will Friseurin werden. Sie mag Kunst und Mathe. Sie steht in der Küche, ihre Mutter brät Pommes frites und Hackbällchen in der Pfanne. Gleich essen sie gemeinsam auf dem Boden im Wohnzimmer. Der rote Teppich dort ist sauber wie eine frisch gewischte Tischplatte. Sadaf erzählt von ihrer deutschen Freundin, deren Haus sie vom Wohnheim aus sehen kann, sie hat ein eigenes Zimmer und einen Computer. Sadaf schläft mit ihrem Bruder in einem Raum. Sie spielt Basketball, auch mit den Kindern im Lager, alle sprechen verschiedene Sprachen. Auf die Frage, wie sie miteinander sprechen, antworten die Kinder der Walizadas: „Auf Deutsch!“ Es klingt fast empört.

„Besser als die schwächsten Muttersprachler“

Die Kiepert-Schule ist wenige Minuten vom Wohnheim entfernt. Der Weg führt vorbei an Häusern mit geputzten Autos vor Garagen. Dies ist ein Ort in Deutschland, wo das stattfindet, worüber Politiker oft sprechen: Integration. Romy Wendt, Lehrerin der Klasse 5b, ist eines dieser Vorbilder, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, aber doch viel leisten dafür. Die Persönlichkeit des Lehrers ist für die Lernleistung eines Grundschülers von zentraler Bedeutung. Viele Flüchtlingskinder kommen hier traumatisiert an, aber darüber sprechen sie erst viel später. „Plötzlich erfährt man dann, dass die Kinder schreckliche Erlebnisse in ihrem Heimatland hatten“, sagt die Lehrerin.

Als Sadaf dort am 18. Oktober 2011 ankam, konnte sie kein Wort Deutsch sprechen oder schreiben. Innerhalb eines Jahres schaffte sie es vom Anfängerkurs über den Fortgeschrittenenkurs in die reguläre 5. Klasse. Schneller geht es nicht. „Sie ist mitunter besser als die schwächsten der Muttersprachler in meiner Klasse“, sagt Romy Wendt. Zwar ist es möglich, Fremdsprachler für zwei Jahre aus der Bewertung herauszunehmen. Doch Sadaf erhält bereits in vielen Fächern echte Noten.

Auf ihrem Zeugnis steht nur an wenigen Stellen „ohne Bewertung“. In Deutsch hat sie eine Vier. Eine echte Vier, keine Migranten-Vier. „Das ist eine Wahnsinnsleistung für jemanden, der erst seit Kurzem die Sprache lernt“, so Wendt. Kürzlich hielt sie ein Referat über das Buch „Ben liebt Anna“. Eine Zeit lang habe Sadaf die Hausaufgaben nicht gemacht, sagt die Lehrerin. Eine Freundin von ihr, mit der sie gemeinsam lernte, war weggezogen, sie hatte niemanden mehr, der ihr half. „Aber auch dieses Problem wurde nach Gesprächen mit den Eltern gelöst.“

Für das Urteil, ob Familie Walizada nun in Deutschland bleiben darf, könnte die herausragende Integrationsleistung der Kinder entscheidend sein. Der Anwalt der Familie jedenfalls sieht gute Chancen. Solange die Klage läuft, ist die Ablehnung der Familie nicht rechtskräftig. Der Vater betont auch, dass seine Familie ihn verstoßen habe, weil er das Land verlassen habe. Für eine mögliche Rückkehr klingt selbst die Prognose des Bundesamtes für Migration düster: Demnach würden Rückkehrer in Afghanistan, die nicht bei ihrer Familie unterkommen können, in Townhouses untergebracht. „Diese sind jedoch aufgrund fehlender Infrastruktur oder ihrer Lage in abgelegenen Gebieten häufig nicht für eine permanente Ansiedlung geeignet.“

Bundespräsident Gauck hat gesagt, dass niemand seine Heimat verlassen muss, wenn es ihm dort gut gehe. Ob die Geschichte der Eltern von Sadaf in allen Details stimmt oder nicht: Sie ist zwölf Jahre alt und lebt nun in Deutschland. Wer sie auf den Krieg in ihrem Heimatland anspricht, hört einen bemerkenswerten Satz: „Die Europäer kämpfen gegen die Taliban, aber die meisten unserer Menschen haben keinen Mut mehr.“ Es klingt, als wolle sie eines Tages zurückkehren, um ihrem Land zu helfen. Wenn sie erst stark genug ist.