Yoani Sánchez

Auf Kuba ist twittern der Kontakt zur freien Welt

Unter Fidel Castro war das Bloggen in Kuba ein Straftatbestand. Bis heute noch wird die Opposition im Netz unterdrückt. Bloggerin Yoani Sánchez erklärt ihre Strategien gegen Kubas Geheimpolizei.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Viermal wurde sie schon auf der Straße in ein Auto verschleppt, wurde weggefahren, geschlagen und am anderen Ende der Stadt wieder freigelassen. Das ist Bloggeralltag im kommunistischen Kuba. „Sie können sich das in Berlin vielleicht vorstellen. Unsere Polizei wurde von der Staatssicherheit der DDR ausgebildet“, sagt Yoani Sánchez, eine oppositionelle Bloggerin aus Kuba.

Sie schreibt mit „Generacion Y“ das erste unabhängige Blog in Kuba – seit sechs Jahren. Sie berichtet über das tägliche Leben auf der Karibikinsel und über die Politik des Castro-Clans. Ihre Einsichten in das System werden in aller Welt aufmerksam verfolgt. Am Montag sprach Sánchez auf der Internetkonferenz republica in Berlin.

Die dreitägige Veranstaltung feiert in diesem Jahr einen Teilnehmerrekord. Rund 5000 Personen diskutierten nach Angaben der Veranstalter über die Verschmelzung von Online- und Offline-Leben sowie über die Freiheit im Internet. Die Konferenz findet seit 2007 statt und steht dieses Jahr unter dem Motto „In/Side/Out“.

Bloggen als Straftatbestand

Twitter ist ihr Kontakt zur freien Welt – aber nicht das Twitter, das wir hierzulande benutzen. Der Kurznachrichtendienst funktioniert in Kuba auf SMS-Basis. Man kann nur senden, aber nicht online lesen, was andere schreiben. Und twittern kann sie auch nicht überall. Internet gibt es nur in den Hotels für westliche Touristen.

Immerhin dürfen Kubaner neuerdings diese Hotels betreten, ohne eine Straftat zu begehen, was die Lage einfacher macht. Doch wenn sie dort Zugang zum Internet haben, so ist es langsam. Und die Zeit des Zugangs ist knapp und teuer. Das war nicht immer so. Unter Fidel Castro war das Bloggen ein Straftatbestand. „In der Zeit habe ich mich als deutsche Touristin ausgegeben, wenn ich ins Internet musste“, erinnert sich die Bloggerin. Sie spricht etwas Deutsch. Zwei Jahre lang lebte sie in Zürich – das war vor ihrer Karriere als Bloggerin.

Trotzdem nimmt Sánchez diese Beschwerden auf sich. „Meine Motivation ist die Zukunft von Kuba“, sagt sie. „Ich will in ein paar Jahrzehnten, wenn meine schwarzen Haare weiß geworden sind, meinen Enkeln nicht sagen müssen, dass ich nichts gegen die Unterdrückung unternommen habe.“ Die neuen Freiheiten geben der Opposition zwar größere Spielräume. „Die Regimegegner können sich jeden Tag besser organisieren“, sagt sie. „Aber es ist eine Spezialität der Geheimpolizei, Intrigen und Zwietracht unter den Oppositionellen zu sähen.“

Doch dank neuer Technologien sei es für die Regimegegner einfach geworden, sich zu vernetzen. Dabei hilft ihr das iPhone. Die in die USA emigrierte Schwester hat es ihr besorgt. Auf dem Smartphone ist ihr Blog gespeichert, ihre Kontakte, ihre Tweets. „Dieses Telefon ist mein größter Reichtum“, sagt sie. „Sogar mein Ehemann ist neidisch darauf. Zur Zeit bereist Yoani Sánchez die freie Welt. Acht Länder wird sie bis Ende Mai besuchen – und über ihre Arbeit sprechen. Fünf Jahre lang durfte die Bloggerin nicht ausreisen. 20 Anträge, die allesamt abgewiesen wurden, hat sie gestellt. Doch jetzt hat es geklappt.

Neues Seekabel nach Kuba

Doch selbst das klappt nicht ohne Hindernisse. Wie es heißt, mobilisiert die kubanische Botschaft gegen sie. „Sie haben dazu aufgerufen, meine Veranstaltung am Mittwoch zu stören. Aber ich mache mir da keine Sorgen.“ Sie sei froh, dass sie sich in einem demokratischen Land aufhalten können, in dem jeder protestieren darf. „Ich würde mich freuen, wenn das in Kuba möglich wäre“, sagt sie. Sie hat gelernt, damit zu leben. „Das gehört dazu, wenn man kritisch ist.“

In Deutschland fühlt sich Sánchez „wie ein kleines Mädchen in einem Spielwarenladen“. Es sei großartig, zu jeder Zeit reagieren zu können. Die Öffnung des Landes sieht sie skeptisch. Zwar gebe es ein neues Seekabel zwischen ihrer Heimatinsel und Venezuela. Es wurde im Februar 2011 verlegt und sollte Kuba den Zugang zum Internet verschaffen. Doch erst im Januar 2013 wurde der erste messbare Datenverkehr festgestellt. „Was haben die zwei Jahre gemacht“, fragt sich Sánchez. Technische Probleme werden es wohl kaum gewesen sein.

Ein weiterer Schwerpunkt des auf sieben Bühnen verteilten Programms der republica waren die Erfahrungen aus dem Internet-Wahlkampf in den USA. Die ehemalige Leiterin der Online-Abteilung im Wahlkampfbüro von US-Präsident Barack Obama, Betsy Hoover, erzählte, wie Online und Offline im Wahlkampf miteinander verknüpft werden, um die Wähler auch emotional anzusprechen.

„Ethnokulturelle Empathie“ für die Wissensgesellschaft

Über die Arbeit an einer neuen Verfassung in Island unter Mitwirkung einfacher Bürger berichtete die Parlamentsabgeordnete Birgitta Jónsdóttir. „Wir befinden uns in einer unglaublichen Zeit, in der die bisher übliche Art der Politikgestaltung von Grund auf verändert wird“, sagte Jónsdóttir mit Blick auf Mitwirkungsmöglichkeiten im Netz. Demokratie erfordere eine Beteiligung und Mitarbeit aller.

Der Mathematiker und ehemalige IBM-Stratege Gunter Dueck rief die Konferenzteilnehmer auf, auf dem Weg in die Wissensgesellschaft eine „ethnokulturelle Empathie“ zu entwickeln. Wenn man von den immer gleichen Diskussionen zu einem fruchtbaren Diskurs gelangen wolle, sei es wichtig, sich nicht in eigenen Denk- und Wertvorstellungen zu verschanzen und stattdessen die der Gesprächsteilnehmer mitzuempfinden.