Stadtentwicklung

Im Grunewald herrscht Villensterben

Am noblen Dianasee haben Bagger die imposante Villa des Verlegers Hans Ullstein für ein neues Bauprojekt abgerissen. Kein Einzelfall. Die Behörden sind oft machtlos.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER / JÖRG KRAUTHÖFER

Parkartige Grundstücke, bebaut mit großzügigen Landhausvillen, begründen das Image des Ortsteils Grunewald als letzte Bastion gediegener Großbürgerlichkeit in der quirligen Metropole Berlin. Doch die exklusive Ruhe ist gefährdet. Überall drehen sich Baukräne, werden Luxus-Apartmenthäuser im Stil der neuen Berliner Klassik hochgezogen. Zum Entsetzen vieler Grunewalder. Um Platz zu schaffen für die neuen Luxus-Domizile „rollt eine wahre Abrisswelle durch den Bezirk“, hat Anwohner Jan Gudenberg beobachtet. Jüngstes Opfer: die vor 100 Jahren für die Verlegerfamilie Ullstein errichtete Villa an der Bettinastraße 4.

Das hochherrschaftliche Gebäude auf dem 8000 Quadratmeter großen Grundstück mit direktem Zugang zum Dianasee liegt bereits in großen Teilen in Trümmern. Der mittlere Hauptteil der Villa ist komplett weggerissen, lediglich die symmetrisch angeordneten Seitenbereiche stehen noch. Auch das historische Pförtnerhäuschen an der Straße wurde inzwischen komplett abgeräumt.

Marc Schulte, Stadtrat für Stadtentwicklung (SPD) in Charlottenburg-Wilmersdorf, sagt, dass seine Behörde im Fall der Ullstein-Villa nicht erzwingen konnte, dass das Gebäude nicht abgerissen wurde. Es habe kein Denkmalschutz bestanden. Auch er sei überrascht worden vom Abriss. Das Bauamt sei bis dahin davon ausgegangen, dass es bei den Plänen ein Umbau im Bestand wird. „Wir werden deshalb jetzt prüfen, ob die Baugenehmigung hinfällig ist, die sich am bestehenden Haus orientiert hatte“, so Schulte. Entgegen den Absprachen sehe es momentan so aus, als ob das Grundstück an der Bettinastraße neu bebaut würde.

Bauherren pochen auf ihr Recht

Beim Bauherren, der Shaross Invest GmbH, versteht man die Aufregung nicht. „Wir haben das Objekt mit gültiger Baugenehmigung aus dem Jahr 2008 vor zwei Jahren erworben“, sagt die Sprecherin des Unternehmens. Der „Rückbau“ sei darin bereits beschlossene Sache gewesen. Die Auflage laute, dass lediglich die Kubatur des Gebäudes erhalten bleiben müsse. „Wenn die Stadt das Haus hätte erhalten wollen, hätte das festgelegt werden müssen“, so die Sprecherin weiter. Dies sei aber nicht der Fall gewesen. Neben der „Seevilla“ exakt im Format des ursprünglichen Gebäudes sind zudem auf der Straßenseite zwei weitere Villen geplant. Insgesamt entstehen 24 Wohnungen. Verkaufspreis: ab 7000 Euro pro Quadratmeter aufwärts.

„Eine Kulturschande“, nennt das Annette Ahme, Vorsitzende des Vereins Schöne Mitte – Schöne Stadt. Und fragt sich, wie so etwas überhaupt möglich sein konnte: „Wieso steht so ein prominentes Haus, welches auch wichtig für die deutsche Geschichte und Pressegeschichte ist, nicht unter Denkmalschutz?“ Der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel habe nicht aufgepasst und müsse zurücktreten, fordert Ahme.

Gebäude hat eine bewegte Geschichte

In der Tat hat das Gebäude eine bewegte Geschichte. Eine Gedenktafel am Pfeiler rechts neben der Zufahrt informiert noch immer über den prominenten Erstbewohner des Hauses. Die Inschrift: „Hier lebte von 1903 bis 1935 Hans Ullstein (18.1.1859 – 14.5.1935). Der Verleger leitete mit seinen Brüdern Hermann, Louis, Franz und Rudolf den vom Vater Leopold gegründeten Ullstein-Verlag. Nach 1933 vertrieben die Nationalsozialisten die Verlegerfamilie aus Deutschland und beraubten sie ihres Vermögens“.

Die Angaben auf der Tafel sind indes nicht ganz korrekt. Richtig müsste es heißen: „Hier lebte Hans Ullstein von 1913 bis 1935“. Darauf weist der Berliner Schriftsteller Sten Nadolny hin, dessen groß angelegter dokumentarischer „Ullsteinroman“ vor zehn Jahren die Bestsellerlisten stürmte. Das schlossartige Anwesen, das seit den 60er-Jahren und noch bis 2007 als DRK-Klinik diente, war durch diese Nutzung „im Inneren leider ein Ausbund an Hässlichkeit“ so Nadolny, der das Gebäude für die Recherchen zu der Familiensaga besichtigt hatte. Insofern verspüre er zwar eine „allgemeine Wehmut, dass wieder ein großbürgerliches Wohnhaus, das den Krieg überlebt hat, gänzlich verschwindet“, so der Autor. Allerdings hätte man die einstige Pracht, die großzügigen Zimmerfluchten und die erlesene Ausstattung ohnehin nicht wieder herstellen können, ist er überzeugt.

Zahlreiche Villen in Grunewald unter Denkmalschutz

Ähnlich argumentiert auch die Landesdenkmalpflege. „Das zerstörte Innere ist der Grund dafür, dass das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht“, so Petra Rohland, die Sprecherin der für den Denkmalschutz zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sie verweist auf die zahlreichen unter Denkmalschutz stehenden Villen in Grunewald – darunter auch die Villa von Louis Ullstein, die seit 1999 als Residenz der britischen Botschaft in Berlin dient. Das Anwesen an der Höhmannstraße 10 wurde 1930 im Landhausstil gebaut und hat von der einstigen Pracht nichts eingebüßt.

Für Anwohner ist das ein schwacher Trost. Sie beobachten seit geraumer Zeit, wie sich ihr Ortsteil wandelt. Bereits vor einem Jahr wurde das Wohnhaus des 2005 gestorbenen Berliner Idols Harald Juhnke an der Lassenstraße 1 an der Ecke zur Koenigsallee abgerissen. Der Neubau, ein Wohnhaus plus Anwaltskanzlei, steht kurz vor seiner Vollendung. Neue Luxusdomizile, die von den Projektentwicklern mit so vielversprechenden Namen wie „Grunewald Living“ oder „Grunewald Villa“ in großem Stil angeboten werden, entstanden und entstehen zudem am Goldfinkenweg sowie hinter der Trabener Straße an der neuen Erschließungsstraße Hilde-Ephraim-Straße.

Charme der Villenkolonie leidet unter Verdichtung

In Grunewald, wo auf großzügigen Grundstücken bislang oft nur eine einzige repräsentative Villa steht, sei mittlerweile eine Verdichtung spürbar, sagt Monika Thiemen (SPD), die ehemalige langjährige Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf. Das sei eine bedauernswerte Entwicklung, weil der Charme der Villenkolonie dadurch leide. Doch viele Villen stünden nicht unter Denkmalschutz. Es gebe zudem den Fachstreit unter Denkmalschützern, ob die Liste der unter Schutz stehenden Gebäude in Berlin nicht ohnehin zu lang sei. Projektentwickler hätten großes Interesse, in Grunewald Neubauten zu errichten. Vergessen werde dürfe bei aller Kritik nicht, dass durch die Neubauten neuer Wohnraum entstehe, der in Berlin dringend benötigt werde. Die schönen alten Villen würden durch Mehrfamilienhäuser abgelöst.

Peter Lemburg, Vorstandsmitglied beim Architekten und Ingenieurverein zu Berlin, hat vor 20 Jahren selbst mitgewirkt an der „Denkmaltopographie Grunewald“. „Die Abrissproblematik in Grunewald ist ein ganz übles Thema“, so der Architekt. Nach dem Krieg und besonders in den 70er-Jahren sei „Schindluder“ getrieben worden mit den alten Villen. Damals sei auch die Entscheidung gefallen, die Ullstein-Villa nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Das Gebäude habe damals zu den zweifelhaften Fällen gezählt, weil es einerseits im Inneren stark überformt gewesen sei, andererseits aber eine „spannende Geschichte“ habe.

„Die Baubehörden hätten noch einmal prüfen müssen“

Der jetzt erfolgte Abriss sei ein schwerer Verlust. „Die Baubehörden hätten auf jeden Fall noch einmal prüfen müssen, ob man dem Abriss zustimmt, auch wenn das Gebäude nicht unter Denkmalschutz stand“, sagt er. Es sei überfällig, entsprechende Bauvorhaben stark einzuschränken und sowohl die zunehmende Verdichtung als auch den Abriss weiterer preußischer Herrenhäuser zu verhindern.

Das Urteil der „Schöne Stadt“-Aktivistin Anette Ahme fällt noch deutlicher aus: „Die unsensible und geschichtsvergessene Stadtentwicklungspolitik des Bezirks, aber auch des Senats, findet hier einen grausamen Höhepunkt.“ Es sei allerhöchste Zeit, dass endlich alle historische Bausubstanz, ganz besonders jegliche Landhausbebauung im regionaltypischen Stil, unter Denkmalschutz gestellt werde.