BVG

Neue Sitze in der U-Bahn - zum Glück hat der Po keine Augen

Berliner und Touristen haben zwei Wochen über die neuen Sitze abgestimmt. Das harte Siegermodell stellt trotzdem nicht alle zufrieden.

Irgendwann, als die Fotografen längst weg sind, sitzen sie dann doch friedlich nebeneinander an diesem Donnerstagvormittag: BVG-Chefin Sigrid Nikutta und Jens Wieseke, Vize-Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbandes Igeb. Wie ein zweisitziger Thron steht ihr Sitzmöbel da, erhöht auf einem Podest, angestrahlt von Scheinwerfern, darüber prangt die Zahl eins.

So soll er also aussehen, der künftige Sitz für die Berliner U-Bahn. Mehr als 15.600 Berliner und Touristen haben in den vergangenen zwei Wochen darüber abgestimmt. Sieben Modelle hatten die Berliner Verkehrsbetriebe zur Auswahl gestellt – von der Kunststoff-Hartschale bis zur Bank mit Stoffbezug, und stolze 32,17 Prozent der Stimmen entfielen auf eben jene Variante, auf der Nikutta und Wieseke es sich nun am Bahnhof Alexanderplatz mehr oder weniger gemütlich machen.

Die BVG-Chefin freut sich sichtlich – vor allem über das eindeutige Ergebnis, das nachträgliche Diskussionen und Nörgeleien im Keim ersticken soll. Ihr Nebenmann vom Fahrgastverband sieht das anders und hat das Tags zuvor auch schon öffentlich gemacht. Weil die BVG von vornherein keinen wirklich weich gepolsterten Sitz zur Abstimmung gestellt habe, sei das alles „eine Wahl ohne Auswahl“ oder – schlimmer noch – „eine Scheinwahl“, kritisierte die Igeb bereits, bevor der Sieger überhaupt feststand.

60 Prozent für Stoffbezug

„Der Fahrgastverband glaubt nicht, dass alle Fahrgäste der Berliner U-Bahn hart sitzen wollen“, sagt Wieseke. Nicht einmal die Sitzbänke, die aktuell in den modernsten U-Bahnen der H-Baureihen und den neuen Flexity-Straßenbahnen durch Berlin fahren, hätten die Verkehrsbetriebe angeboten, ärgert sich der Igeb-Sprecher. Dabei seien jene in Sachen Komfort zumindest „akzeptabel“ gewesen.

Tatsächlich ist der Gewinnersitz härter als die meisten seiner Vorgänger bei der Berliner U-Bahn, zumindest ist die Kunststoffschale aber im Gesäßbereich und am Rücken mit Stoff bezogen. Mehr als 60 Prozent der Abstimmungsteilnehmer entschieden sich unabhängig vom Modell für Textilbezüge. Eine tiefe Mulde sorgt beim Sieger zudem für Zwangsabstand zum Nachbarn. Wohl auch deshalb wählten fast 2800 Frauen diese Variante. Gut 2100 Stimmen kamen von Männern.

Auf den Plätzen zwei und drei landeten Sitze, die schon bei der Hamburger Hochbahn im Einsatz sind oder künftig in die Züge der Hansestadt eingebaut werden. Auch deshalb kann BVG-Chefin Nikutta die lautstarke Grundsatzkritik des Fahrgastverbandes nicht nachvollziehen. „Wir haben ein eindeutiges Votum“, sagt sie. „Und einen Unterschied zwischen einem Hamburger Popo und einem Berliner Popo kann ich nicht sehen.“

Noch bei keinem Nahverkehrsunternehmen im Einsatz

Der Siegersitz ist in dieser Form hingegen in Deutschland noch bei keinem Nahverkehrsunternehmen im Einsatz. Etwa 10.000 Schalen werden es nach Angaben eines BVG-Sprechers künftig in Berlin sein. Vorgesehen sind die Sitze für die neuen Kleinprofilbahnen der Baureihe IK, die mit zwei Prototypen ab 2015 und als Serie ab 2017 auf den Linien U1 bis U4 fahren sollen. Eingebaut werden sie aber zuvor auch schon in die Großprofilzüge der F-Baureihen aus den 70er-Jahren, die die BVG in den kommenden Jahren nach und nach modernisiert.

Bei solchen Stückzahlen spielt naturgemäß auch der Preis eine Rolle. Tatsächlich ist der Siegersitz wohl etwas preiswerter als die bisherigen Modelle der BVG, wie das landeseigene Unternehmen zugibt. Das treffe aber auf alle zur Wahl gestellten Modelle zu, heißt es. Bei dem geplanten jahre- oder bestenfalls jahrzehntelangen Einsatz seien die Anschaffungskosten aber ohnehin nicht der entscheidende Faktor.

Viel wichtiger aus Sicht der BVG: Wie leicht lassen sich die Sitze reinigen, Vandalismusschäden beheben, Verschleißteile austauschen? 1,4 Millionen Euro muss das Unternehmen nach eigenen Angaben pro Jahr allein für die Beseitigung von Vandalismusschäden an U-Bahnsitzen ausgeben.

BVG-Chefin Nikutta macht keinen Hehl daraus, dass die Finanzplaner und die Mitarbeiter in den U-Bahn-Werkstätten deshalb am liebsten die unverwüstlichen Hartschalensitze aus blankem Kunststoff gehabt hätten. „Wenn wir die Wahl manipuliert hätten, wäre es bestimmt keines der Modelle geworden, die jetzt auf den ersten drei Plätzen gelandet sind“, sagt Nikutta. Sie selbst habe auf ein Modell mit abwaschbarem Kunstlederbezug gesetzt. „Aber wir beugen uns natürlich dem Mehrheitsentscheid.“

Kuscheln ist auf diesen Sitzen unmöglich

Einen Vorteil soll das ausgewählte Modell bei der Wartung aber zumindest bieten. Die stoffbezogenen Sitzflächen- und Rückenlehnen-Elemente lassen sich nach BVG-Angaben vergleichsweise preiswert und schnell austauschen, ohne dass der ganze Sitz ausgebaut werden muss.

Nachteil des Siegermodells: Durch die tiefen Mulden ist ein Zusammenrutschen kaum noch möglich. Wo sich bisher auch einmal fünf schlanke Fahrgäste auf eine Bank quetschen können, finden künftig nur noch vier bequem Platz. „Theoretisch haben wir die gleiche Sitzplatzanzahl wie bisher, praktisch kann aber in Einzelfällen ein Platz verloren gehen“, sagt Nikutta.

Und was bewegte die mehr als 15.600 Berliner und Touristen, die in den vergangenen zwei Wochen in diversen U-Bahnhöfen Probe sitzen durften? Die BVG hat einige der Reaktionen aufgezeichnet. Da ist je nach favorisiertem Modell von einer „Wellung im Bereich der Lendenwirbelsäule“ die Rede, von „Seitenhalt“, von „angenehmer Oberfläche“ und von der Möglichkeit „ein bisschen näher aneinanderzurücken“.

Nur eins spielte offenbar nur eine untergeordnete Rolle: die Optik. Einen Designpreis wird die BVG deshalb mit ihren neuen U-Bahnsitzen wohl voraussichtlich nicht gewinnen. Aber, wie sagte es eine junge Frau beim Probesitzen? „Der Po hat ja keine Augen.“