Ticket-Chaos

Berliner Streit zwischen Bahn und BVG eskaliert

Kommt es zu keiner Einigung, unterscheiden sich in Berlin bald die Tickets für Tram, Bus und U-Bahn von denen für S- und Regionalbahn.

Foto: ZGBZGH

Es geht um viel Geld: Fast 1,1 Milliarden Euro pro Jahr nehmen die 40 Unternehmen im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) aus dem Verkauf von Fahrscheinen und Monatskarten ein. Fast 700 Millionen Euro gehen dabei an die drei großen Anbieter, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die S-Bahn Berlin GmbH und die Regio-Sparte der Deutschen Bahn (DB). Doch um diesen großen Einnahmetopf wird schon seit Monaten heftig gestritten. Jeder will möglichst ein oder zwei Kellen mehr aus dem Topf haben, auf gar keinen Fall aber weniger.

Da die Verhandlungen über eine Einigung bislang zu keinem Ergebnis führten, werden nun Fakten geschaffen. Zunächst haben die Bahn-Töchter DB Regio und S-Bahn Berlin den dreiseitigen Aufteilungsvertrag zum Jahresende gekündigt. Die BVG will dagegen juristisch vorgehen und plant ihrerseits Alternativen. Diese könnte dazu führen, dass die BVG in ihren Bussen und Bahnen künftig keine Tickets mehr anerkennt, die an Schaltern oder Automaten anderer Anbieter gekauft wurden.

Kommt es zu gar keiner Einigung, sei mittelfristig sogar der VBB-Gemeinschaftstarif in Frage gestellt, heißt es in einem internen Strategie-Papier, das am Montag dem BVG-Aufsichtrat vorlag. Angesichts drohender Einnahmeverluste in Millionenhöhe billigte das Gremium unter Leitung von Berlins Finanzsenator Ulrich Nussbaum (parteilos, für SPD) nun „Aktivitäten zur Schadensabwehr“. Eine Klage gegen die Bahn-Unternehmen ist beschlossene Sache, zudem gibt es Überlegungen über einen BVG-Haustarif.

Ein klar vereinbarter Festpreis

Auslöser für den Konflikt war nach übereinstimmender Aussage der Streitbeteiligten der Verkehrsverbund. Der hatte vor einigen Jahren wichtige Teile des Regionalverkehrs in Berlin und Brandenburg neu ausgeschrieben. Im Ergebnis des Wettbewerbs kommt neben der Deutschen Bahn künftig auch die private Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) stärker zum Zuge. Sie wird ab dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2012 die beiden großen Regionalexpress-Linien RE2 und RE4 von der DB übernehmen.

Mit den neuen Aufträgen hat der VBB aber auch die Finanzierung der Verkehrsleistungen umgestellt. Während in der Vergangenheit die Deutsche Bahn neben den Zuschüssen von den Landesregierungen einen Großteil der Fahrgeldeinnahmen für sich verbuchen konnte, müssen die Anbieter künftig die Ticketerlöse bei den Auftraggebern komplett abliefern. Im Klartext: Für die gefahrenen Zugkilometer gibt es einen klar vereinbarten Festpreis, unabhängig davon, wie viele Fahrgäste bei den Unternehmen ein Ticket gekauft haben.

Was auf den ersten Blick unproblematisch ist, hat erhebliche Auswirkungen auf das bisherige System der Aufteilung der Fahrgelder. So gibt es seit August 2004 einen dreiseitigen Vertrag, nach denen die BVG, die S-Bahn und DB Regio ihre Einnahmen aus dem Tarifgebiet ABC, also aus dem Stadtgebiet von Berlin und dem Umland, untereinander aufteilen. Der sogenannte Berlin-Block machte zuletzt eine Gesamtsumme von 681 Millionen Euro aus. Davon gingen 425 Millionen Euro – also knapp zwei Drittel – an die BVG, 237 Millionen Euro an die S-Bahn und 19 Millionen an DB Regio.

Streit um die Aufteilung

Die Aufteilung richtet sich zu 75 Prozent nach der Zahl der beförderten Fahrgäste und zu einem Viertel mach der Länge der gefahrenen Kilometer. Das kommt der BVG entgegen, die fast 3,5 Millionen Fahrgäste am Tag über relativ kurze Distanzen befördert. Die S-Bahn transportiert mit rund 1,3 Millionen deutlich weniger Passagiere, ihre Züge, die Berlin mit dem Umland verbinden, legen aber erheblich längere Distanzen zurück.

Nach einem Ausstieg von DB Regio aus dem dreiseitigen Einnahmeaufteilungsvertrag für den Berlin-Block müsste die BVG sechs Millionen Euro und die S-Bahn drei Millionen Euro an Mindereinnahmen hinnehmen. Damit will sich die S-Bahn nicht abfinden und hat ihrerseits den Vertrag zu den Ticketeinnahmen aus dem ABC-Tarifgebiet aufgekündigt. Künftig sollen die Einnahmen nach dem sonst im VBB üblichen Schlüssel verteilt werden. Bedeutet: Berücksichtigt werden zu 55 Prozent die Reiseweiten und nur zu 45 Prozent die Zahl der beförderten Fahrgäste. Nach Berechnungen der BVG würde die S-Bahn dann 25 Millionen Euro mehr bekommen, das landeseigenen Unternehmen dagegen 34 Millionen Euro weniger. Doch schon jetzt decken bei der BVG die Einnahmen bei Weitem nicht die Ausgaben. Im vergangenen Jahr hatte die BVG ein Defizit von 74 Millionen Euro erzielt, in diesem Jahr rechnet sie mit einem Fehlbetrag von 50 Millionen Euro. Der Schuldenberg wächst weiter – auf inzwischen mehr als 900 Millionen Euro.

Angesichts dieses Szenarios unterstützt auch Berlins Verkehrssenator Michael Müller (SPD) die von den Verkehrsbetrieben erwogenen Gegenschritte. Da sich das landeseigene Unternehmen in einer finanziell schwierigen Lage befände, könne es nicht einfach auf Einnahmen verzichten. Er sehe aber gute Chancen auf eine Einigung.