Darmkeime

Obduktion des toten Frühchens entlastet Berliner Charité

Serratia-Keime waren nicht die Ursache für den tragischen Babytod am Herzzentrum Berlin. Auch an den Babypflegemitteln lag es nicht.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Der Tod des am 5. Oktober 2012 im Deutschen Herzzentrum Berlin verstorbenen Säuglings ist nicht von einer Infektion durch Serratien-Keime verursacht worden. Dieses Ergebnis der Obduktion des Leichnams gab am Mittwoch die Staatsanwaltschaft bekannt. Nach vorläufiger Bewertung durch auswärtige Rechtsmediziner sei davon auszugehen, dass das Kind „nach einer hoch komplizierten und riskanten Operation eines natürlichen Todes gestorben ist“, so die Staatsanwaltschaft. Weitere Untersuchungen stünden aber noch aus.

Für die Ermittler ist damit der Verdacht auf eine fahrlässige Tötung durch den in der Charité oder im Deutschen Herzzentrum übertragenen Keim ausgeräumt. Um diesen Vorwurf zu klären, hatte das Amtsgericht angeordnet, den bereits beerdigten Leichnam auszugraben und zu obduzieren.

Die Staatsanwälte ermitteln aber weiterhin wegen möglicher fahrlässiger Körperverletzung durch Infektionen mit Serratien, weitere Einzelheiten könnten nicht mitgeteilt werden, so die Staatsanwaltschaft.

Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl zeigte sich erleichtert. Er sehe sich bestätigt in seinen Annahmen. Der Professor hatte in den vergangenen Tagen anderslautende erste Mitteilungen der Universitätsklinik korrigiert, wonach das Kind eben doch an Serratien gestorben sei. Diese Aussage habe er ja nicht aufgrund von Spekulationen gemacht, sagte Einhäupl am Mittwoch. „Ich habe mir alles sehr genau angeguckt und war sicher, dass das Kind an den Folgen der Herz-Operation gestorben ist“, sagte der Charité-Vorstandsvorsitzende.

Vor knapp zwei Wochen wurde bekannt, dass die beiden Frühchen-Stationen der Charité auf dem Campus Virchow in Wedding wegen eines Ausbruchs von Serratien-Keimen geschlossen werden mussten. 22 Babys waren von den Keimen befallen.

Seinerzeit hieß es vonseiten der Charité, dass der Tod eines Kindes im Herzzentrum damit in Zusammenhang stehe. Tatsächlich war das Baby mit den leicht übertragbaren Serratien besiedelt, wenn auch nicht an einer von diesen Keimen ausgelösten Infektion erkrankt. Erst einen Tag später hatte die Charité nach einem Krisengespräch im Hause des Gesundheitssenators Mario Czaja (CDU) selbst über die Vorfälle auf der größten Neonatologie-Intensivstation Berlins berichtet.

Schwächen in der Kommunikation eingeräumt

Nach heftiger öffentlicher Kritik musste die Universitätsklinik selbst Schwächen in der Kommunikation einräumen. Obwohl nun der Todesfall nicht auf den Keim-Ausbruch zurückgeführt werden kann, will die Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) als Aufsichtsratsvorsitzende der Uni-Klinik das Kontrollgremium für den 16. November 2012 einberufen. Die Ermittlung der Todesursache ändere nichts an der bisher schon differenzierten Sicht des Hauses auf die Vorgänge, sagte Scheeres’ Sprecher Thorsten Metter. Es müsse weiter besprochen werden, wie es zu dem Ausbruch kam und wie die Abläufe in der Folge gewesen seien.

Aus Sicht des Hygiene-Experten Klaus-Dieter Zastrow vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken Berlin ändert die nun ermittelte Todesursache nichts an seiner grundsätzlichen Kritik. Gegen die ersten zwei oder drei Fälle von Keimbefall in einer Station könne niemand etwas machen, so der Hygienefacharzt.

Die Keime würden von außen eingeschleppt, ohne dass eine Abwehr möglich sei. „Nur die Ausbreitung auf 18 weitere Fälle, die fällt unter Hygienemängel“, sagte Zastrow. Der Keim komme ja nicht durch die Luft und werde auch nicht über Putzfrauen übertragen, sondern stets durch Pflegekräfte oder Ärzte, die direkten Kontakt mit den Babys im Inkubator hätten. Auch die Eltern kämen nicht infrage, weil sie ja nicht fremde Babys anfassten, sondern nur das eigene.

Und selbst die vom ärztlichen Direktor der Charité, Ulrich Frei, als mögliche Verunreinigungsquelle angegebenen Keime auf dem Drehknopf eines Beatmungsgeräts könnten nicht ursächlich für die Ausbreitung sein. Denn die Keime müssten ja zuerst an den Knopf, dann von dem Knopf auf die Hände und anschließend von dort auf die Babys gelangt sein. Für Zastrow ist die Schlussfolgerung klar: Niemand dürfe mit nicht desinfizierten Händen ein Frühchen anfassen. „Da muss ich bei 100 Prozent sein.“

Die Leiterin des Instituts für Hygiene- und Umweltmedizin der Charité, Petra Gastmeier, hatte gesagt, dass die Vorschriften für die Handdesinfektion zu 92 Prozent eingehalten würden, was für deutsche Krankenhäuser ein sehr hoher Wert sei.

Auch an den Babypflegemitteln lag es nicht

Unterdessen sucht ein Team mit Experten aus Gesundheitsamt, Robert-Koch-Institut sowie Landesamt für Gesundheit und Soziales weiter nach der Ursache der Infektionen auf Frühgeborenen-Stationen der Charité und am Deutschen Herzzentrum. Die Situation auf den Neonatologie-Stationen im Virchow hat sich nach Angaben der Charité am Mittwoch nicht verändert. Weiterhin würden sechs Kinder, die wegen des Serratien-Keims an Infektionen erkrankt sind, beobachtet. Ihr Zustand sei stabil. Gut gehe es dem zwischenzeitlich trotz der Besiedlung mit Serratien nach Hause entlassenen Kind, das am Dienstag mit einer Infektion der Atemwege wieder eingeliefert worden war. Im Herzzentrum liegen ein infiziertes Kind und ein besiedeltes Kind ohne Symptome.

Das Robert-Koch-Institut habe die Charité informiert, dass kürzlich die Babypflegeprodukte zweier Drogeriemarktketten wegen Verunreinigung mit Serratien vom Markt zurückgerufen werden mussten, teilte die Universitätsklinik weiter mit. Im Nationalen Referenzzentrum für gramnegative Krankenhauserreger der Ruhr-Universität Bochum wurden die Serratien dieser Produkte mit den Serratien des Ausbruchsstammes der Charité mittels molekularbiologischer Methoden verglichen. Dabei habe sich gezeigt, dass die Serratien aus den Pflegeprodukten nicht dem Ausbruchsstamm zuzuordnen sind. Es bestehe somit kein Zusammenhang mit dem aktuellen Ausbruchsgeschehen an der Charité.