Risiko in S-Bahn

Leichtsinnige Fahrgäste bremsen Berliner S-Bahn aus

S-Bahn-Kunden springen trotz Gefahr immer öfter in „letzter Sekunde“ in den Zug. Das Verkehrsunternehmen schreitet jetzt ein.

Foto: Soeren Stache / dpa

„Zurückbleiben bitte“, schnarrt es aus dem Lautsprecher. Die rote Lampe blinkt, der Warnton erklingt, die Türen der S-Bahn schließen sich. In letzter Sekunde springt ein Mann zwischen die Türflügel, sein Rucksack verklemmt sich. Mit Gewalt presst er die Türen wieder auf, schlüpft in den Zug – etwa zerknautscht, aber offensichtlich glücklich über die zehn Minuten Zeitgewinn. Dass sich die Abfahrt des Zuges dadurch verzögert, stört ihn augenscheinlich wenig.

Szenen wie diese häufen sich in letzter Zeit bei der Berliner S-Bahn. Gegen den zunehmenden Leichtsinn, den Trend, alle Warnhinweise zu ignorieren, will das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn nun vorgehen.

Seit wenigen Tagen lässt es Bahnhöfe und Züge mit einer neuen Lautsprecherdurchsage beschallen: „Sehr geehrte Fahrgäste, bitte beachten Sie folgenden Sicherheitshinweis: Bei Aufleuchten und Ertönen der Warnsignale am S-Bahn-Zug ist das Ein- und Aussteigen nicht mehr zulässig. Vermeiden Sie unnötige Gefahren und bleiben Sie zurück.“ Die Fälle, in denen Fahrgäste in bereits abfahrbereite Züge zu springen versuchen, hätten zuletzt erheblich zugenommen, sagte ein S-Bahn-Sprecher

Viele Verspätungen

Glücklicherweise nur selten kommt es sogar zu schweren Unfällen, zuletzt Ende Juli 2012 am Bahnhof Ahrensfelde. Ein junger Mann hatte vermutlich versucht, noch in die S-Bahn einzusteigen, obwohl sich die Türen schon schlossen. Der Zug hatte den eingeklemmten 19-Jährigen mitgeschleift und schwer verletzt. In einem ähnlichen Fall hatte es im September 2010 am Bahnhof Greifswalder Straße einen Todesfall gegeben.

Die neuen Durchsagen, so die Hoffnung des Verkehrsunternehmens, sollen leichtsinnige Fahrgäste zumindest zum Nachdenken bringen. „Eigentlich sollte so etwas gar nicht nötig sein“, sagte ein S-Bahn-Sprecher, „aber leider zwingt uns das Verhalten einiger Kunden in jüngster Zeit dazu, noch einmal besonders darauf aufmerksam zu machen.“

Der Sprecher verglich die Warnleuchte und den Warnton am Zug mit einer roten Fußgängerampel bei starkem Verkehr. „Wer da einfach losläuft, begibt sich auch in Gefahr.“ Nur scheinbar nähmen einige Passagiere das beim abfahrbereiten S-Bahn-Zug nicht so wahr.

Und auch die Beförderungsbedingungen der Berliner S-Bahn haben sie offenbar nicht gelesen. Dort ist die Frage, bis wann Reisende ein- und aussteigen dürfen, nämlich eindeutig geregelt – in Paragraf 4: „Wird die bevorstehende Abfahrt angekündigt oder schließt sich eine Tür, darf das Verkehrsmittel nicht mehr betreten oder verlassen werden.“

Wie lange die neuen Sicherheitsdurchsagen auf den Bahnhöfen und in den gelb-roten Zügen zu hören sein werden, ist nach S-Bahn-Angaben offen. Bis sich die Situation gebessert hat, sollen sie laut dem Unternehmenssprecher vorerst im gesamten Netz und in möglichst regelmäßigen Abständen abgespielt werden.