Sicherheit in Berlin

Neuköllner Schüler stehen wieder unter besonderem Schutz

An elf Berliner Schulen sind Wachmänner im Einsatz. Die Stellen sind aber nur bis Ende 2013 finanziert. An dem Konzept gibt es auch Kritik.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Der umstrittene Wachschutz vor Schulen in Berlin-Neukölln ist nach neun Monaten Pause wieder da. Als im Januar 2012 der Sicherheitsdienst an den bisher 16 Schulen aus finanziellen Gründen eingestellt wurde, hatten Lehrer, Schüler und Eltern eine Welle des Protestes losgetreten. Am Montag nun konnten die Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums am Hermannplatz wieder ihre Wachschützer am Eingang begrüßen, ebenso wie die Schüler an zehn weiteren Schulen.

Die Aufpasser sind häufig vertraute Gesichter, allerdings in neuer Uniform. Bei der europaweiten Ausschreibung hatte sich der „Rheinische Sicherheits-Dienst“ (RSD) unter neun Bewerbern durchgesetzt. Zum großen Teil hat die Berliner Filiale des RSD jene Wachschützer eingestellt, die ihnen die Schulleiter aus ihren bisherigen Erfahrungen empfohlen hatten.

„Wir sind sehr froh, über die Jahre hat sich zwischen den Wachschützern und der Schule ein Vertrauensverhältnis entwickelt“, sagt Schulleiter Georg Krapp. Die Schüler würden das Team am Eingang als Beschützer betrachten, nicht als Bewacher, betont der Schulleiter.

Der 53-jährige Mostafa Mousavi sorgt schon seit fünf Jahren für Sicherheit am Eingang. Im vergangenen Jahr hat seine eigene Tochter hier Abitur gemacht. „Ich habe Erfahrung mit den Leuten hier in der Gegend und die Schüler kennen mich“, sagt Mousavi.

Heroin auf der Schultoilette

Wie nötig der Schutz der Schule ist, hatte sich bereits einen Tag nach dem Abzug der Streife im Januar gezeigt. Damals hatte sich ein drogensüchtiges Paar auf der Schultoilette eine Heroin-Spritze gesetzt und war dabei von Kindern überrascht worden. „Einen solchen Anblick müssen wir Schülern in der Schule ersparen“, so Krapp. Auch in den folgenden Monaten hätten Lehrer immer wieder schulfremde Personen des Hauses verweisen müssen.

Krapp stellte klar, dass es bei der Sicherung durch den Wachschutz nicht darum gehe, Auseinandersetzungen unter Schülern zu verhindern. Das sei natürlich eine pädagogische Aufgabe, fremde Eindringlinge könnten jedoch nicht mit pädagogischen Mitteln verhindert werden.

Die Problemlagen an den elf Schulen sind sehr unterschiedlich. Mal ist es der lange Weg durchs Wohngebiet zur Sporthalle, auf dem Kinder immer wieder überfallen werden, wie am Leonardo-da-Vinci-Gymnasium. Mal ist es das unübersichtliche Gebäude mit vielen Eingängen, das fremde Besucher einlädt, Unruhe zu stiften, wie an der Clay-Schule.

Keine finanzielle Beteiligung

Bezirksstadträtin Franziska Giffey (SPD) betont, dass die Wiedereinführung des Wachschutzes auf Drängen der Eltern und Schüler geschehe. Es seien mehr als 1000 Unterschriften von Betroffenen eingegangen. An allen elf Schulen hatten sich die Schulkonferenzen mit Vertretern der Eltern, Schüler und Lehrer dafür ausgesprochen.

Sechs Schulen, die in der Vergangenheit einen Sicherheitsdienst hatten, verzichten künftig darauf. „Natürlich entspricht der Wachschutz nicht dem Idealbild von einer Schule, aber die Eltern haben ein Recht, ihre Kinder in einer sicheren Umgebung abzugeben“, sagt Giffey.

Öffentlich hatte die Schulstadträtin am Montag gemeinsam mit der neuen Wachschutzfirma die Maßnahme gerechtfertigt, schließlich gibt es auch Kritik. Die Senatsverwaltung für Bildung reagierte ablehnend, als Bezirksstadträtin Giffey im Januar um finanzielle Unterstützung bat, um den Schutz aufrecht erhalten zu können.

Staatssekretär Mark Rackles (SPD) forderte den Bezirk auf, Alternativen gründlicher zu prüfen, auch technische Möglichkeiten wie Schließanlagen. Immerhin, so die Argumentation, würden andere Bezirke auch ohne Wachschutz auskommen. Der Senat lehnt bis heute eine finanzielle Beteiligung ab.

Technische Lösung noch teurer

Nur durch die Nachschlagszahlung von insgesamt 50 Millionen Euro an die Bezirke, konnte Neukölln im Haushalt doch noch eine Million Euro bis Ende 2013 für den Wachschutz bereit stellen. Ob nach 2013 erneut die Mittel im Bezirkshaushalt zur Verfügung stehen werden, ist offen.

Eine technische Lösung sei modellhaft geprüft worden, habe sich aber als noch teurer erwiesen, so Giffey. Denn auch Gegensprechanlagen, bei denen die Schüler für Einlass klingeln müssen, oder Drehkreuze mit Chipkarten müssten durch Personal gewartet oder bedient werden.

Als 2007 der Wachschutz vor Neuköllner Schulen erstmals eingeführt wurde, hatte die Maßnahme noch bundesweit für Aufsehen gesorgt. Der damalige Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sprach von einem „Irrweg“ und von „paramilitärischen Einheiten“.

Die Kritik ist verhaltener geworden. Heute wird der Sicherheitsdienst als eine mögliche Maßnahme unter vielen hingenommen. Schließlich hat sie sich als äußerst wirkungsvoll erwiesen.

Zwischen 2008 und 2011 konnten 400 Zwischenfälle an Schulen verhindert werden. Das gehe aus den Wachdienstbüchern hervor, sagt Giffey. Dass es in den anderen Bezirken keine Nachahmer gebe, liege wohl eher an politischen Vorbehalten, meint die Stadträtin.

Probleme auch in anderen Bezirken

Allerdings wird auch in anderen Bezirken der Wachschutz zunehmend debattiert. „Vor den Sommerferien war die Sicherheit ein großes Thema an den Schulen, auch der Wachschutz“, sagt Ulrich Davids, Schulstadtrat von Mitte (SPD). Die Schulen und Elternvertreter hätten sich aber dagegen entschieden. Wenn Eltern und Lehrer eine solche Maßnahme fordern würden, müsste der Bezirk sich dem stellen, sagt Davids.

Auslöser der Diskussion um die Sicherheit war die Vergewaltigung eines Mädchens an der Grundschule am Humboldthain im März dieses Jahres. Auch an Reinickendorfer Grundschulen hatte es Übergriffe von schulfremden Eindringlingen gegeben.

„Die Schulen haben verschiedenen Sicherheitsmaßnahmen beantragt, wie etwa Gegensprechanlagen“, sagt die Reinickendorfer Schulstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU). Die Maßnahmen seien gemeinsam mit der Polizei abgestimmt worden.

Ein Wachschutz sei dabei jedoch von keiner Schule gewünscht worden. Die Situation sei eine andere als in bestimmten Lagen in Neukölln. „Sollte der Wachschutz jedoch die einzige Möglichkeit sein, die Schule zu sichern, ist er nicht zu verurteilen“, sagt Schultze-Berndt.

Grünen-Bildungsexperte Özcan Mutlu findet, das Geld für den Wachschutz wäre besser in Gewaltpräventionsprojekten angelegt. Schließlich müssten die Schüler außerhalb der Schule auch mit den Konflikten umgehen können, so Mutlu.