Airport-Debakel

BER - Zweifel bremsen wirtschaftlichen Aufschwung

Aufgrund der herrschenden Unklarheit am Eröffnungstermin des Hauptstadtflughafens halten sich die Investoren zurück.

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Der Bürgermeister der Gemeinde Schönefeld, Udo Haase, hat die verschobene Eröffnung des Flughafens BER mittlerweile gut verkraftet. Zwar hat die kurzfristige Absage seinen Ort wegen der unmittelbaren Nähe getroffen wie kaum einen anderen. Zahlreiche Investoren musste Haase seither beruhigen, dass irgendwann tatsächlich Flugzeuge vom BER abheben werden. Doch nun ist es für Haase wichtig, Gelassenheit zu zeigen.

In rund zwei Wochen weiht der Logistikkonzern Dachser eine neue Lagerhalle in unmittelbarer Nachbarschaft des Flughafens bei Schönefeld ein. Von dort aus soll unter anderem Kaffee des Unternehmens Alois Dallmayr per LKW versandt werden. „ Das ist eine wichtige Investition für den Standort und daher ein Grund zum Feiern“, sagt Haase. Er dürfte froh sein, dass er es hier ausnahmsweise mal mit einem Transport auf der Straße und nicht in der Luft zu tun hat. Denn in den vergangenen Monaten war er vor allem damit beschäftigt, die negativen Folgen des BER-Debakels abzuwenden.

In der Gegend rund um die Flughafen-Baustelle haben sich die Firmen mehr oder weniger an die neue Situation angepasst. Cafés in der Einflugschneise locken nun nicht – wie ursprünglich geplant – Gäste an, die den Flugzeugen aus nächster Nähe beim Starten und Landen zusehen wollen. Stattdessen vermarkten sie sich als Ausflugsziel für Erholungsuchende. Doch neue Unternehmen halten sich mit Ansiedlungen zurück und warten lieber ab. Im besten Fall haben sie ihre Investitionen nur verschoben und nicht gleich ganz abgesagt. „Alle sind jetzt gespannt, ob der neue Eröffnungstermin im Oktober 2013 gehalten werden kann“, sagt Haase.

Neues Gutachten

In diesem Moment der Unsicherheit bekommen die Gegner des Großflughafens neuen Schwung. Sie halten die seit Jahren von der Politik und Unternehmen kommunizierten Erwartungen an Zehntausende neue Jobs durch den Flughafen für deutlich übertrieben. Fachliche Unterstützung bekommen sie unter anderem von Friedrich Thießen, Wirtschaftsprofessor an der Universität Chemnitz. Er hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern Gutachten untersucht, die den wirtschaftlichen Effekt von Flughäfen in Deutschland ermittelt haben. Sein Urteil bezüglich dieser Studien fällt sehr kritisch aus. „Es handelt sich meist um eine reine Verlagerung von Arbeitsplätzen und nicht um eine Neuschaffung“, sagt Thießen. „Mit den positiven Gutachten werden die Menschen in der Region dazu bewogen, dass sie der Erweiterung oder dem Neubau eines Flughafens zustimmen.“ Falls sich die Erwartungen nicht erfüllen, könne man nach Abschluss des Baus ohnehin nichts ändern, sagt Thießen, der den Bürgerverein Brandenburg-Berlin wissenschaftlich beraten hat.

Wer am Ende Recht behält, wird sich zeigen. Allerdings hat sich die verschobene Eröffnung bereits dämpfend bemerkbar gemacht. „Berlin und Brandenburg hatten in den vergangenen Jahren einen erfreulichen Aufschwung erlebt“, sagt Jutta Matuschek, wirtschaftspolitische Sprecherin der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus. „Nun ist zu befürchten, dass dieser Effekt unterbrochen wird.“ Für die wirtschaftliche Entwicklung der Airport-Region ist das ein Rückschlag. In solch einer Situation sei es schwierig, Investoren von der Attraktivität des Standortes zu überzeugen, sagt Matuschek. Für die CDU-Abgeordnete Katrin Vogel ist ein belastbarer neuer Eröffnungstermin daher nun das wichtigste Mittel, um verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen. „Solange daran Zweifel bestehen, lässt sich kein Unternehmer überzeugen, sich hier niederzulassen“, sagt sie.

Überzogene Erwartungen

Insgesamt soll der Flughafen BER in der Region für rund 40.000 neue Arbeitsplätze sorgen. Zu dem Ergebnis kam eine Studie von Professor Herbert Baum, der das Institut für Verkehrswissenschaften an der Universität Köln leitet. Allerdings legt er sich darin nicht genau auf einen Zeitpunkt fest, zu dem dieser positive Effekt eintreten soll. Erste Untersuchungen haben seine Vorhersage bislang nicht bestätigt. So wurden im vergangenen Jahr mehr als 5000 neue Stellen rund um den BER geschaffen. Die Fördergesellschaften Berlin Partner und die ZukunftsAgentur Brandenburg haben insgesamt 118 Firmen bei der Niederlassung unterstützt. Das ist zwar im Vergleich zum Vorjahr ein deutlicher Zuwachs. Damals kamen etwas mehr als 4000 neuen Jobs dazu. So hat unter anderem Siemens sein Turbinentestzentrum in der Nähe des Flughafens angesiedelt und Nextira One bietet anderen Firmen Dienstleistungen rund um die Kommunikation an. Dazu gehört etwa Hilfe beim Aufbau eines Call Centers.

Solche Ansiedlungen haben Hoffnungen geweckt, dass Berlins Wirtschaft nun zumindest teilweise aufholen könnte, was durch Krieg und jahrelange Teilung verloren ging. Dadurch sind viele ehemals in der Region ansässige Industrien abgewandert und auch nach der Einheit nicht zurückgekehrt. Das ist einer der Gründe, weshalb Berlins Wirtschaft bis heute stark von Gastronomie und Dienstleistungsbetrieben abhängt. Die Gründungen im Umfeld des neuen Flughafens hätten diese Abhängigkeit verringern sollen.

Doch insgesamt wurde durch die bisherigen Investitionen gerade mal ein Viertel der ursprünglich angestrebten Zahl erreicht. Die für vergangenen Juni geplante Eröffnung sollte den dringend benötigten Schub bringen. Doch dazu kam es nicht. „Der erhoffte Effekt wird wohl erst eintreten, wenn der Flughafen tatsächlich eröffnet hat“, sagt Matuschek. „Nur durch einen verbindlichen Starttermin können wir bis dahin Vertrauen bei den Investoren wieder herstellen.“

Die Politikerin sitzt für die Linken im Untersuchungsausschuss, der die Ursachen des BER-Debakels aufklären soll. Am 19. Oktober treten die Mitglieder zu ihrer ersten Sitzung zusammen. „Dabei wollen wir auch die fehlerhaften Strukturen aufdecken, die zu der Verschiebung geführt haben“, sagt Matuschek.