Umfrage

Trotz BER und Euro-Ärger - Berlins Wirtschaft ist robust

Keine Krise in der Hauptstadt: Viele Berliner Unternehmen erwarten in diesem Jahr höhere Umsätze - und stellen kräftig ein.

Derzeit kann der Berliner Wirtschaft offenbar kaum etwas anhaben. Einigermaßen erstaunlich ist das schon. An Risiken herrscht schließlich kein Mangel. Da ist der Dauerbrenner Euro-Krise zu nennen, zudem das schwächere Wachstum in China und die seit Jahren vor sich hin dümpelnde Konjunktur in den USA. Zu allem Übel macht auch noch der neue Flughafen BER später auf.

Dennoch gilt: Es dominiert die Zuversicht. Rund 44 Prozent der Unternehmen in der Stadt erwarten in diesem Jahr höhere Umsätze. Und die Firmen wollen unter dem Strich mehr Leute einstellen. 2013 will fast jedes vierte Unternehmen (22,7 Prozent) zusätzliche Arbeitskräfte einstellen. Nur 8,4 Prozent erwägen Entlassungen.

1500 Firmen befragt

Das geht aus einer Umfrage hervor, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) unter 1500 Firmeninhabern und Managern Berliner Mittelständler vorgenommen hat. Die Ergebnisse liegen der Berliner Morgenpost vor. Auftraggeber der Studie war die Landesbank Berlin (LBB). Sie will die Ergebnisse am kommenden Montag veröffentlichen. Die Hauptstadt-Wirtschaft wird in diesem Jahr voraussichtlich auch stärker wachsen als der Bund. Bis zu 1,5 Prozent hält die Investitionsbank Berlin (IBB) für möglich. Für Gesamtdeutschland sehen die Prognosen bestenfalls ein Prozent Wachstum.

Im Rahmen ihrer Mittelstandsumfrage ließ die LBB auch fragen, wie sehr die mehrfach verschobene Eröffnung des Flughafens die Geschäfte beeinflusst. Rund jedes elfte Unternehmen (8,9 Prozent) erwartet deswegen negative Auswirkungen. Besonders Logistikfirmen (20 Prozent) und das Gastgewerbe (17,7 Prozent) sehen sich betroffen. Der guten Gesamtstimmung tut das BER-Chaos dennoch keinen Abbruch.

Grundsätzlich gilt in Berlin folgende ökonomische Faustformel: Die Stadt wird immer dann stark, wenn Deutschlands Wirtschaft insgesamt schwächelt. Das erklärt zum Teil auch jetzt die vergleichbar guten Aussichten. Noch immer sind, anders als in vielen anderen Orten des Landes, Export und Industrie vergleichsweise schwach ausgeprägt. „Die Berliner Wirtschaft ist im Bundesvergleich weniger exportabhängig“, sagt Michael Jänichen, Firmenkunden-Chef der LBB. „Daher ziehen die Turbulenzen in der Eurozone die Betriebe vor Ort nicht in Mitleidenschaft.“ Allerdings ist diese strukturelle Schwäche Berlins nur ein Teil der Erklärung.

Immunität gegenüber der Euro-Krise

Berlin hat auch aufgrund seiner Außenhandelspartner offenbar eine gewisse Immunität gegenüber der Euro-Krise. Die drei wichtigsten Exportmärkte von Hauptstadt-Unternehmen – USA, Russland und China – liegen alle außerhalb der Euro-Zone. Zudem zeigt die Umfrage zeigt, wie dynamisch sich beispielsweise die Branche der Informations- und Telekommunikationstechnologie (IT) hier entwickelt. Geradezu euphorisch ist laut der Umfrage die Stimmung in Firmen, die sich mit Computern, Software und Internet beschäftigen. Dort erwarten 57 Prozent der Unternehmen bessere Geschäfte und mehr als 40 Prozent wollen neue Leute einstellen.

Auch das Berliner Handwerk hat seit geraumer Zeit mehr als genug zu tun. Die Meisterbetriebe könnten sogar noch mehr Aufträge abarbeiten. Nur fehlt ihnen dafür offensichtlich das geeignete Personal. In der Umfrage äußerten mehr als die Hälfte (51,5 Prozent) der Meisterbetriebe, dringend nach Fachkräften Ausschau zu halten. Doch die Suche nach Gesellen wird immer schwieriger.

Der sogenannte Fachkräftemangel ist aber nicht auf das Handwerk beschränkt. Quer über alle Branchen und Firmengrößen gaben 34,3 Prozent an, dass fehlendes Personal ein Haupthindernis für mehr Wachstum sei. Es ist jedoch ein Klassiker, der die Berliner Wirtschaft am meisten behindert: die Berliner Bürokratie. 42,6 Prozent der Befragten haben ein Problem mit ihr. Immerhin ist das im Vergleich zur Vorjahresumfrage ein kleiner Rückgang von 1,4 Prozentpunkten.

Die meisten wollen investieren

Ein weiterer wichtiger Indikator für vorhandene oder mangelnde Zuversicht ist die Investitionsbereitschaft. Sie zeigt, in welchem Umfang Firmen neue Maschinen und Ausrüstungen beschaffen wollen. 73,2 Prozent der befragten Unternehmen planen innerhalb der kommenden zwölf Monate Investitionen. Das ist nur ein geringfügig kleinerer Wert als bei der Umfrage im vergangenen Jahr. Fast alle Firmen (94,8 Prozent) wollen zudem in der Hauptstadtregion investieren. Damit profitieren auch Berliner Unternehmen von den Investitionen. Etwa, wenn eine Firma in der Stadt neue Geräte für Büro oder Werkhalle bestellt.

Die Aussagen zu den Erwartungen hat das DIW zu einem Index des Geschäftsklimas zusammengefasst. Das Klima kann Werte zwischen einer völlig hoffnungslosen „0“ und einer euphorischen „ 10“ annehmen. Derzeit ist es eine 6,4 und damit der beste Wert, der in dieser seit 2005 erhobenen Umfrage ermittelt wurde.

Berlins Wirtschaft wird fast ausschließlich von Mittelständlern geprägt. Kleine und mittlere Unternehmen stellen die meisten Arbeitsplätze und stehen für ein Großteil der Umsätze. Somit sind die Aussagen von 1500 Mittelständlern ein guter Stimmungsindikator für die Wirtschaft der Stadt.