Auf dem Rollfeld

Touristen-Führungen am Hauptstadtflughafen BER

Am Flughafen Berlin-Brandenburg herrscht Baustopp, aber die Flughafengesellschaft hat sich etwas ausgedacht: zweistündige Touren über den BER.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dapd

Die meisten Besucher sind deutlich früher gekommen, und sie sind aufgeregt wie vor einer Flugreise. Sie sind ja auch zu etwas Ähnlichem verabredet. Zu einer Rundfahrt über einen Flughafen den es noch gar nicht gibt Besuchen Sie den BER!, so wirbt die Flughafengesellschaft für ihr neuestes Angebot. Es dürfte unter den touristischen Verlockungen der Hauptstadt wohl eher eins der skurrilen sein. Zehn Euro kosten die zweistündigen Touren. Die meisten sind gut ausgebucht.

Gemeinsam starren die Damen jetzt durch die Glasfenster in das ehemalige Besucherzentrum des Flughafens BBI. Irgendwo hier soll der Treffpunkt der Tour sein. Das Zentrum stammt noch aus der Zeit, als der Airport Berlins größtes Renommierprojekt war und Flughafen Berlin-Brandenburg International hieß. Und als alle davon ausgingen, dass der Flughafen am 3. Juni 2012 eröffnet würde. Das Internationalste waren jedoch bisher die Schlagzeilen. Die geplatzte Eröffnung, explodierende Kosten und die Ahnungslosigkeit der Politiker machten Berlin weltweit zum Gespött.

Fragen sind erlaubt

Dann hält ein Bus vor dem Gebäude. Die Besuchergruppe klettert hinein: Rund 30 Gäste, die meisten sind Rentner aus Berlin. Dazu vier junge Männer mit großen Teleobjektiven, eine Mutter mit Kind und ein händchenhaltendes Paar. Vorn greift ein junger Mann zum Mikrofon und stellt sich als Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit des Flughafens vor. Als Erstes bietet er an: Sie dürfen gern Fragen stellen.Hier geht es nicht allein um Tourismus. Der Bürger soll sich selbst ein Bild machen. Ein Bild von nun ja, dem neuen Flughafen oder auch von dem Desaster, das zu dessen Nicht-Eröffnung führte. Wörter wie Bauruine und Steuerzahler haben in der Gruppe schon vor dem Start die Runde gemacht.

Zunächst werde der Infotower besucht, danach das Haupt-Terminal von außen besichtigt, verspricht der junge Mann und kündigt als Highlight den Besuch der neuen Startbahn an. Die Rentner und Männer mit den Kameras schauen zufrieden. Nur das verliebte Paar sieht enttäuscht aus. Sie sind aus Flensburg angereist. Ein Flughafenbesuch, das klang nach Träumen. Jetzt finden sie sich auf einer Art Baustellenbesichtigung wieder.

Optisch, beginnt der junge Mann die Führung im Bus, sehe der Flughafen eigentlich fertig aus,aber dass er nicht fertig ist, haben Sie ja der Presse entnommen. Dann lenkt er den Blick auf die leeren Straßen rundum, auf die leeren Flächen, die noch auf Investoren warten: {dbcomma}Falls Sie ein Bürogebäude planen oder ein Hotel hier ist alles möglich!Er lobt die Anbindung durch Autobahn und Landstraße, den unterirdischen Bahnhof, von dem seine Gäste dereinst in 17 Minuten zum Hauptbahnhof fahren können wenn nicht nur der Flughafen, sondern auch die Lichtenrader Bahntrasse fertig sein sollten. Das wird aber nicht vor 2016 sein. Im Oberdeck des Busses wird verhalten gelacht.

Am Fuß des Infotowers lauschen die Besucher dann ungeduldig einem Vortrag mit allerlei Zahlen und Superlativen. Auf der neuen Super-Landebahn könne sogar der A380 landen, der Tower sei der zweitgrößte Deutschlands, der Hangar von Air Berlin habe das größte offene Hangartor in Europa. Auch die Frage des Baustopps wird kurz gestreift. Ja, es habe Fehler gegeben, es habe Kündigungen gegeben, doch jetzt sei alles auf dem richtigen Weg.

Die Gäste haben da noch andere Fragen. Ob es stimme, dass der Chefplaner ausgerechnet über dieses Projekt hier promoviert habe? Warum man nicht nach China schaue, da klappe es doch auch mit den Großflughäfen? Und warum, bitteschön, das erste Gebäude jetzt schon wieder abgerissen werde? Das will eine grauhaarige Dame wissen.

Äh, ja, das ist auch immer eine schöne Frage , der junge Mann von der Öffentlichkeitsarbeit wirkt fast zufrieden, dass er diese Sache jetzt endlich mal klären kann: Es handele sich um ein provisorisches Check-in-Terminal, das man während des Probelaufs errichtet habe, um Ausweichmöglichkeiten bei Pannen zu haben. Ja, es habe tatsächlich 2,5 Millionen Euro gekostet, aber, nein, es wird nicht abgerissen. Jedenfalls nicht nach meinem Kenntnisstand. Mit der Halle könne man ja weiteres Passagierwachstum generieren. Die Dame schaut höflich aus dem Fenster. Dann werden die Gäste gebeten, den Aussichtsturm zu besteigen.

Leere Baustelle

Optisch, das sehen die Gäste spätestens von der Panoramaterrasse, ist der Großflughafen eine Baustelle, eine leere dazu. Vor der Haupthalle stapeln sich Baumaterialien, im Innenhof steht das weiße 2,5-Millionen-Euro-Zelt. Während die jungen Männer mit den Teleobjektiven leere Zufahrtsstraßen und die Ferienflieger am alten Flughafen Schönefeld fotografieren, machen sich drei ältere Herren ihre eigenen Gedanken. Und Wowereit und Platzeck haben da rein gar nichts gewusst?, fragt der erste in sächsischem Tonfall. Der zweite sagt: Die hatten die ganzen Protokolle vorliegen, und der dritte: Ach, det is doch bei uns in der Firma jenauso. Der Aufsichtsrat weeß von jarnüscht. Der junge Mann winkt seinen Gästen zur Weiterfahrt. Der Terminal-Besuch steht an.

Der Flughafen BER: Bis zu 30 Millionen Gäste pro Jahr könnte er jetzt schon abfertigen, theoretisch. Weitere Ausbaustufen seien projektiert, informiert der Touristenführer. Er deutet auf die fertigen Abfertigungsgebäude, die drei Ebenen des Hauptgebäudes. Der Bus hält unter dem gigantischen Vordach, { 32 Meter hoch, die Halle steht auf 30 Stahlsäulen, lernen die Besucher und schauen auf eine weitere Säulenreihe, die mit Mercedessternen dekoriert ist wie eine Fußballmannschaft. Dann, endlich, rollt der Bus auf blendend weißem Beton des Prunkstücks: der neuen Start- und Landebahn Süd. Vier Kilometer lang, 60 Meter breit, so viel Raum und Weite und Himmel ist das, dass alle Konjunktive zu einem einzigen Gefühl werden: Jetzt fliegen! Ein Mann breitet seine Arme im Wind aus wie ein Engel, ein zweiter feuert ihn an: Na los, Robert, jetzt Anlauf nehmen! Eine Frau ruft: Christian, mach ein Foto!

Erst nach einer Weile fällt allen auf: Es ist still. Zu still. Da, wo eigentlich die Turbinen brüllen und der Himmel voller Flugzeuge sein sollte, quakt ein Frosch. Die einzige Bewegung am Horizont sind Tankwagen, die Rollfeldrasen gießen. Ein Kind betrachtet die weißen Kreuze aus Folie auf der Landebahn. Sie senden das entwürdigende Zeichen zum Himmel: Bitte nicht landen! Wir sind noch nicht fertig. Auf dem Rückweg versichert der junge Mann seinen Gästen: Die Eröffnung sei für den 27. Oktober 2013 geplant. Es klingt unerschütterlich, wie das Datum eines Geburtstags. Die Besucher wiegen kritisch die Köpfe, umso mehr, als ihnen der Flughafen-Führer noch einen Rat mit auf dem Weg gibt: Sie sollten nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Wenn da was von Flughafendesaster steht, verkauft sich das eben besser, als wenn es heißt, der Flughafen wird pünktlich eröffnet.

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