Berlins Mitte

Brandenburger Tor - mehr Rummel als historischer Ort

Falsche Soldaten, Comic-Figuren, Breakdancer – Mittes Baustadtrat ist der Trubel am Pariser Platz zu viel. Er spricht von „Kirmestreiben“.

Foto: Massimo Rodari

Zu lauter Musik lassen sich Breakdancer vom Publikum anfeuern. Ein Seifenblasen-Künstler zieht Kinder in seinen Bann. Französische Touristen umzingeln einen Berliner Bären für ein Gruppenfoto. Während auf der westlichen Seite des Brandenburger Tores, auf dem Platz des 18. März, Arbeiter die Bühne für das Fest zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober aufbauen, herrscht auf dem östlichen Pariser Platz an diesem Montag schon Partystimmung. Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) ist der Touristentrubel allerdings zu viel. Spallek spricht von einem dem historischen Platz “nicht angemessenen Kirmestreiben”.

Geht es nach dem Interesse der Hobbyfotografen, scheinen am Brandenburger Tor Darsteller in Uniformen der DDR-Grenztruppen und der alliierten Streitkräfte, Männer in Bärenkostümen und wandelnde Comic-Helden Berlins berühmtesten Wahrzeichen den Rang abzulaufen. Die bunten Gestalten, die sich für etwas Kleingeld fotografieren lassen, sind bei Touristen beliebt. Auch der 17-jährige Kai aus Aachen lässt sich von einem Freund zwischen einem amerikanischen und einem russischen Soldaten aufnehmen. Der junge Berlin-Besucher hat eine Mütze mit der Aufschrift “Offizier der Staatssicherheit” aufgesetzt. “Super” findet er das Ambiente auf dem Pariser Platz. “Hier ist doch richtig was los.”

“Det is nich Berlin, det is Disneyland”

Katja Räuber aus Frankfurt am Main lichtet Mann und Tochter mit einem der drei Berliner Bären ab, die sich an diesem Montag unter die Touristen gemischt haben. Auch wenn sie das Foto gern als Andenken mit nach Hause nimmt, ist ihr der Trubel ringsum zu groß. “Man weiß nicht so recht, worauf man sich fokussieren soll”, sagt die Hessin, die den Tag der Deutschen Einheit für einen Kurztrip nach Berlin nutzt. “Wir waren schon mehrmals hier, das ist schlimmer geworden”, klagt Katja Räuber. Auch ein Rikschafahrer, der auf Kunden wartet und seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, ist skeptisch. “Det is nich Berlin, det is Disneyland”, urteilt er.

Der Bereich vor dem Brandenburger Tor wird nach Auffassung von Bezirks-Baustadtrat Spallek zu intensiv genutzt. Der Bezirk Mitte habe mit einem Katalog die Voraussetzungen geschaffen, die Nutzung in diesem sensiblen Bereich auf Veranstaltungen von herausragender politischer, kultureller oder sportlicher Bedeutung zu begrenzen.

Erst im Frühsommer hatte es Auseinandersetzungen gegeben, als Fashion Week, Fanmeile und Christopher Street Day sich vor dem Brandenburger Tor zeitlich überschneiden sollten. Das Bezirksamt hatte wegen Sicherheitsbedenken massive Auflagen gemacht.

Veranstalter müssten sich am Brandenburger Tor aber nicht nur um Denkmalschutz und Sicherheitsaspekte kümmern. Sie hätten sich auch die Frage zu stellen, “inwieweit sie dazu beitragen, den symbolischen Gehalt des Brandenburger Tores zeitgemäß zu erneuern, statt ihn bloß zu verzehren”, heißt es in einem Papier des Bezirksamtes über die Genehmigungsfähigkeit von Veranstaltungen. Stadtrat Spallek kritisiert deshalb auch die Vielzahl angemeldeter Demonstrationen am Brandenburger Tor. “Das sind Dinge, auf die wir wegen des Versammlungsrechts keinen Einfluss haben, solange die allgemeine Ordnung und Sicherheit nicht beeinträchtigt ist”, so Spallek.

“Besonders geschmacklos”

Auch gegen die Darsteller von Comic-Figuren und falschen Soldaten, die sich Touristen als Fotomotiv anbieten, sieht Spallek keine rechtliche Handhabe. “Ich finde es besonders geschmacklos, wenn gerade am Brandenburger Tor Menschen in der Uniform von Grenzsoldaten, die für das Leid an der Berliner Mauer verantwortlich waren, mit Touristen für Fotos posieren”, sagte Spallek dieser Zeitung. Auch Leute in Teddykostümen oder als Micky Mouse und “Star Wars”-Held Darth Vader verkleidet seien der historischen Bedeutung des Ortes nicht angemessen.

Student Dennis Schulze, der regelmäßig mit einer Gruppe alliierter Soldaten auftritt, widerspricht vehement. “Wir bringen die Leute zum Lächeln und zwingen niemanden mit vorgehaltener Waffe, sich mit uns fotografieren zu lassen”, argumentiert der Deutschschweizer. Kleinkünstler wie auf dem Pariser Platz, die die Touristen unterhielten, gebe es in allen großen Städten der Welt, betont Schulze.

Vor dem Verwaltungsgericht unterlegen

Mittes Baustadtrat Spallek bedauert hingegen sehr, dass er gegen die Kleindarsteller nicht vorgehen kann. Mit seiner Rechtsauffassung, es handele sich um genehmigungspflichtige Sondernutzung, sei der Bezirk vor dem Verwaltungsgericht unterlegen. “Ich hätte mir gewünscht, dass das Gericht unserer Argumentation gefolgt wäre”, sagt Spallek. Er bezieht sich auf eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin vom Jahresbeginn, nach der Schauspieler in Kostümen von DDR-Grenzpolizisten oder russischen Soldaten, die sich für Fotos zu Verfügung stellen, als Künstler und nicht als Gewerbetreibende gelten.

Plätze und Fußgängerzonen wie der Pariser Platz seien keine reinen Verkehrsflächen, erläutert Kai-Christian Samel, Sprecher des Berliner Verwaltungsgerichts, die Rechtslage. “Das sind Orte der Kommunikation, an denen es erlaubt ist, zu stehen und andere Leute anzusprechen.” Da die Passanten freiwillig für die Darbietung zahlten, sei dafür auch keine Sondererlaubnis erforderlich.