Bildung

Oberschullehrer sollen einheitlich ausgebildet werden

Bislang erlitten viele Berliner Pädagogen nach dem Studium den Praxisschock. Das soll eine Reform der Lehrer-Ausbildung jetzt ändern.

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An den Berliner Universitäten soll es künftig keinen Unterschied in der Ausbildung für Sekundarschul- und Gymnasiallehrer mehr geben. Das ist eine der wesentlichen Empfehlungen einer Expertenkommission zur Reform der Lehrerausbildung. Gymnasialschulleiter lehnen den Vorschlag ab. Langfristig werde das Gymnasium damit geschwächt, heißt es.

Jürgen Baumert macht sich indes dafür stark, dass es künftig nur noch drei an der Schulstruktur orientierte Lehrämter gibt. Er nennt das Grundschullehramt, das Lehramt für Sekundarschule und Gymnasium sowie das Lehramt für berufliche Schulen. Die Ausbildungszeit für diese drei Lehrämter soll sechs Bachelor-Semester und vier Master-Semester umfassen. Bildungsforscher Baumert ist Leiter der Expertengruppe, die Bildungssenatorin Sand ra Scheeres (SPD) Vorschläge zur Veränderung der Lehrerausbildung machen sollte. Nach sechs Monaten Arbeit hat er am Mittwoch die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe vorgestellt, der mehrere Bildungswissenschaftler und Mitarbeiter der Bildungsverwaltung angehörten.

Einheitliche Ausbildung in der Kritik

Neben der einheitlichen Ausbildung für alle Lehrer haben die Experten eine verbindliche Ausbildung aller Grundschullehrer in Deutsch und Mathematik empfohlen. Hinsichtlich des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern, von Fachleuten Inklusion genannt, schlagen sie zudem vor, dass alle Lehrer eine sonderpädagogische Grundqualifikation erwerben sollen. Der eigenständige Studiengang Lehramt Sonderpädagogik, den es bislang gab, könnte abgeschafft werden. Stattdessen solle es künftig in allen drei Lehramtsstudiengängen einen Studienschwerpunkt „Sonderpädagogik/Rehabilitationswissenschaften“ geben, heißt es in dem Papier der Expertenkommission. Das bedeute, dass Interessierte ein Fach wählen und als zweites Fach eine Behinderungsform studieren können, so Baumert. „So werden Spezialisten für bestimmte Behinderungsformen ausgebildet, die gleichzeitig Fachlehrer sind“, sagt der Bildungsforscher.

Heftige Kritik an den Empfehlungen der Kommission kommt von der Vereinigung der Oberstudiendirektoren. Deren Vorsitzender Ralf Treptow plädiert für eine schulspezifische Ausbildung der künftigen Lehrer. Der Einheitslehrer für die Oberschulen sei hingegen ein Schritt in Richtung Einheitsschule für alle, warnt er. „Das ist die falsche Richtung.“ Treptow fordert, die jeweiligen Ausbildungsgänge zu verbessern, statt sie zu vereinheitlichen. Beide Laufbahnen völlig gleich zu behandeln, gehe an den Belangen einer modernen Schulstruktur vorbei, sagt er.

In der CDU wird die vorgeschlagene Vereinheitlichung der Lehrerausbildung ebenfalls kritisch gesehen. Bildungsexpertin Hildegard Bentele sagt, dass man zusammen mit dem Koalitionspartner diesen und alle anderen Vorschläge der Experten in den kommenden Monaten prüfen werde. „Es handelt sich um Empfehlungen – wir werden uns mit Sicherheit nicht sklavisch daran halten“, sagt Bentele.

Die Grünen begrüßen es hingegen, dass für alle Lehrämter die gleiche Ausbildungsdauer gelten soll. Özcan Mutlu, Bildungsexperte der Grünen, gibt allerdings zu bedenken, dass viele der vorgeschlagenen Neuerungen Geld kosten würden. „Wir fordern Frau Scheeres daher auf, klar zu stellen, wie viel mehr Geld das Land Berlin in die Ausbildung seiner Lehrer investieren will“, sagt Mutlu. Auch seien neue Absprachen und Verträge mit den Hochschulen nötig.

Die vier Berliner Universitäten betrachten die Empfehlungen der Expertenkommission als gute Grundlage zur Verbesserung der Lehrerbildung. Dabei begrüßen sie besonders die entschiedene Absage der Kommission an die Einrichtung einer einzigen School of Education (Lehrerbildungszentrum) für alle Berliner Universitäten. Die Experten unter Leitung von Jürgen Baumert empfehlen stattdessen, an jeder Universität eine Einrichtung zu schaffen, die sich um alle Belange der Lehramtsstudierenden kümmert und deren Ausbildung koordiniert. „Die Wirksamkeit einer solchen Einrichtung hängt wesentlich von der Nähe zu den Akteuren ab“, sagt Baumert. Die Vertreter der Universitäten sehen das ebenso.

Bildungssenatorin Scheeres will die Vorschläge der Experten in den kommenden Wochen mit Vertretern der Hochschulen, der Lehrergewerkschaft GEW sowie mit dem Deutschen Beamtenbund diskutieren. „Wenn die Gespräche abgeschlossen sind, werden wir ein modernes Lehrerbildungsgesetz auf den Weg bringen“, sagt sie. Besonders wichtig ist ihr die Einführung eines Praxissemesters, das die Experten an die Stelle einzelner kurzer Praktika setzen wollen. „Seit Jahren wird mehr Praxis gefordert“, sagt sie. Auch auf ihren Schultouren werde ihr das von Schulleitern immer wieder gesagt.