Kinderarmut

Arche-Pfarrer Siggelkow fordert Reform des Bildungssystems

Mehr Personal an Schulen und kostenlose Mittagsversorgung will der Berliner Theologe - genau wie im „Bildungsparadies“ Finnland.

Foto: Robert Schlesinger / dpa

Pfarrer Bernd Siggelkow vom Kinderprojekt "Die Arche" will den Finger in die Wunde legen. Mal wieder, denn das am Mittwoch vorgestellte Buch "Deutschlands verlorene Kinder" ist das nunmehr vierte Werk, seit er vor zwölf Jahren das Thema Kinderarmut für sich entdeckt hat.

Auch in dem neuen Buch beschreibt Siggelkow gemeinsam mit dem Journalisten Wolfgang Büscher die Lebenswirklichkeit der Kinder, die in der Arche Zuwendung oder einfach nur ein warmes Mittagessen suchen. Diesmal liegt der Fokus auf den Schulen. Denn die meisten der Kinder, die aus schwierigen familiären Verhältnissen kommen, seien in dem derzeitigen Bildungssystem zum Scheitern verurteilt, so Siggelkow.

Da ist zum Beispiel die achtjährige Michelle aus der Arche in Hellersdorf. Michelle ist in der Schule unkonzentriert, die Lernergebnisse sind schlecht. Eines Tages wird sie in der Schule ohnmächtig. Der Grund: Michelle bekommt zu Hause nichts zu essen, sie hat kein Pausenbrot, und ihre alleinerziehende 25 Jahre alte Mutter bezahlt auch kein Schulessen. In der Folge organisiert die Arche an der Schule eine kostenlose Mittagsversorgung. "Bildung hat sehr viel mit Ernährung zu tun", lautet die schlichte Erkenntnis. Es klingt wie eine Binsenweisheit und dennoch hält es Siggelkow für seine Pflicht, die Tatsache öffentlich zu machen. Denn von einem kostenlosen Mittagessen in Schulen, wie es in Finnland üblich ist, sei Deutschland weit entfernt.

Eine weitere Forderung der Autoren ist ausreichend Personal für eine individuelle Förderung an den Schulen. Sie berichten von Steve aus Berlin, der nach der zweiten Klasse an eine Förderschule abgeschoben werden sollte, weil seine Lehrerin überfordert war mit seiner Lese-Rechtschreib-Schwäche. Siggelkow intervenierte, und der Junge kam auf eine benachbarte Schule mit einer guten Integrationslehrerin. Der Pfarrer will nicht die Lehrer verantwortlich machen für das Scheitern, "sondern das System angreifen", wie er selbst sagt. Die Kinder bräuchten mehr Sozialarbeiter, die in die Familien gehen. Er fordert Hausaufgabenhilfe und zusätzliche Förderung in verbindlichen Ganztagsschulen sowie Psychologen an den Schulen. Zudem müssten für einen Systemwechsel die föderalen Zuständigkeiten überwunden werden, so der Theologe. Sein Vorbild ist "das Bildungsparadies" Finnland, was Siggelkow durch ein Interview mit dem finnischen Bildungsminister Jukka Gustafsson in dem Buch unterstreicht. Eigentlich hätte daneben auch ein Interview mit der Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) stehen sollen. Aber die Bundesministerin habe abgelehnt, sagt Wolfgang Büscher.