Nach Studie

Berlins Bildungssenatorin will mehr Gemeinschaftsschulen

Eine Studie bescheinigt Schülern von Gemeinschaftsschulen größere Lernerfolge. Scheeres will das Projekt nun ausweiten. Die CDU ist dagegen.

Foto: Amin Akhtar

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will weitere Gemeinschaftsschulen zulassen und diese auch mit zusätzlichem Personal unterstützen.

Anlass für die Ausweitung des Schulversuchs, bei dem die Schüler von der ersten Klasse bis zum Abitur an einer Schule lernen, sind die Ergebnisse der Begleitstudie, die von der Universität Hamburg und von Ramboll Management Consulting im Auftrag der Bildungsverwaltung erstellt wurde. Am Mittwoch wurde die Studie präsentiert. Nach verschiedenen Zwischenberichten können nun erstmals Aussagen über die Lernerfolge der Schüler an der neuen Schulform gemacht werden.

Im Schuljahr 2008/2009 sind auf Initiative von SPD und Linkspartei elf Schulen in den Schulversuch Gemeinschaftsschule gestartet. Inzwischen gibt es 21. Mehr als 20 Millionen Euro sind in die bessere Ausstattung der Pilotschulen geflossen. Die Schüler bleiben nicht nur an einer Schule, sie werden dabei auch nicht in leistungsdifferenzierte Gruppen eingeteilt, sondern sitzen alle zusammen in einer Klasse. Der Unterricht wird umgestellt auf individuelles Lernen mit unterschiedlichen Aufgabenformaten und Gemeinschaftsprojekten.

In der Studie wurden 2009 alle Siebtklässler getestet, 2011 wurden die gleichen Schüler in den neunten Klassen erneut überprüft. Das Ergebnis: Die Schüler an den Gemeinschaftsschulen haben insgesamt höhere Lernzuwächse als in den Vergleichsgruppen an den etablierten Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien in Hamburg. Die Fortschritte sind auf allen Leistungsniveaus zu verzeichnen. Die größten Sprünge allerdings haben die leistungsstarken Schüler gemacht. In dieser Gruppe ist der Lernfortschritt an den Gemeinschaftsschulen doppelt so hoch wie der der Schüler in den Vergleichsgruppen.

Die individuell angepassten Aufgaben und das selbstständige Planen des Lernprozesses kommen offenbar vor allem den leistungsstarken Schülern zugute. „Die begabten Schüler können sich die Themen nach ihren Interessen wählen und auch ihr Tempo selbst bestimmen“, sagt Gabriela Anders-Neufang, Leiterin der Wilhelm-von-Humboldt-Schule in Prenzlauer Berg. Die Befürchtung, dass diese leistungsstarken Schüler nach der sechsten Klasse an ein Gymnasium wechseln, hat sich an ihrer Schule nicht bewahrheitet. Bis auf zwei Schüler sei der komplette Jahrgang in die siebte Klasse übergegangen.

Auffallend ist in der Studie auch, dass es bei den durchschnittlichen Lernfortschritten keine Unterschiede zwischen den Schülern sozial schwacher und sozial starker Familien gibt. „Die Entkopplung von sozialer Lage im Elternhaus und Schulerfolg gelingt“, stellt Ulrich Vieluf, Autor der Studie, fest. Genau das war eines der wesentlichen Ziele bei der Einrichtung der Gemeinschaftsschule.

Lücken in Naturwissenschaften

Sieht man sich die Testergebnisse allerdings im Detail an, dann wird deutlich, dass der Vorsprung der Gemeinschaftsschüler gegenüber der Vergleichsgruppe in Hamburg vor allem auf überdurchschnittliche Erfolge im Lesen und Schreiben zurückzuführen ist. In Englisch und Mathematik fallen sie dagegen leicht hinter den Hamburger Schülern zurück. In Englisch ist der Rückstand mit einer schlechteren Ausgangslage in den siebten Klassen zu begründen, der trotz Fortschritten nicht ausgeglichen werden konnte.

Besonders gravierend ist der Rückstand in den Naturwissenschaften. Der Schwerpunkt habe bei den Schulen offenbar auf der Sprachförderung gelegen. Das sei verständlich, jetzt sei es aber wichtig, dass sie in den Naturwissenschaften aufholen, sagt Vieluf. Als einen Grund führt Vieluf das Fachlehrerproblem in den Naturwissenschaften an.

Die Studie hat auch ergeben, dass es zwischen den einzelnen Gemeinschaftsschulen große Unterschiede gibt. Besonders große Schwierigkeiten haben demnach die Schulen, die aus mehreren Einrichtungen an verschiedenen Standorten fusioniert sind. Der soziale Hintergrund spielt dagegen eine geringe Rolle. „Die beste Schule bei den Lernfortschritten war eine mit hohem Migrantenanteil und mehr als 80 Prozent der Eltern ohne Abitur“, sagt Vieluf. Entwicklungsbedarf sehen die Experten vor allem bei der Kooperation der Lehrer bei der Unterrichtsvorbereitung.

Die CDU reagierte überrascht auf die Ankündigung der Senatorin, den Schulversuch ausweiten zu wollen. „Die Studie ist für uns kein Anlass, weiter Geld in die Schulform zu stecken“, sagt Hildegard Bentele, bildungspolitische Sprecherin der CDU. Bei einem Vergleich mit Hamburger Schülern könne keine Aussage darüber gemacht werden, ob die Gemeinschaftsschulen in Berlin besser funktionierten als Gymnasien oder Sekundarschulen. Den Erfolg könne man erst beurteilen, wenn man die Erfolgsquote beim Mittleren Schulabschluss und beim Abitur vergleichen kann, so Bentele.

Geförderter Schulversuch

Pilotphase: In Berlin gibt es 21 Gemeinschaftsschulen. Sie stehen für das längere gemeinsame und individuelle Lernen von der ersten Klasse bis zum Abitur. Die Pilotphase hat 2008 begonnen und endet 2014.

Förderung: Die finanzielle Förderung für die bereits etablierten Schulen mit einer halben zusätzlichen Stelle ist zum neuen Schuljahr ausgelaufen. Schulen, die sich neu für das Modell entscheiden, sollen eine Unterstützung von mehr als einer halben zusätzlichen Lehrerstelle erhalten. So sollen die nötigen Fortbildungen und die Entwicklungsarbeit möglich gemacht werden.

Studie: Die wissenschaftliche Begleitstudie im Auftrag der Bildungsverwaltung gibt jeder Schule Handlungsempfehlungen für Verbesserungen. Insgesamt nehmen 14 der 21 Schulen an der Begleitung teil. Untersucht werden die Anwendung neuer Unterrichtsmethoden und die Lernfortschritte.