Hochschulen

Stadt attraktiv, Unis exzellent – Studenten-Boom in Berlin

Doppelte Abi-Jahrgänge, der gute Ruf der Hochschulen und die attraktive Stadt locken junge Leute an - vor allem zum Psychologiestudium.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Es ist eine spannende Zeit für Abiturienten, denn in diesen Tagen gehen die Zu- und Absagen für die Bachelor- und Masterstudiengänge raus. Deutlich mehr junge Frauen und Männer als im vergangenen Jahr hoffen auf eine Zusage von einer der beiden größten Universitäten in Berlin. Gleich mehrere Tausend mehr als zum Wintersemester 2011/12 haben sich an der Humboldt-Universität (HU) und an der Freien Universität (FU) beworben. Die FU freut sich über 3800 mehr Bewerber, ein Zuwachs von elf Prozent. An die Humboldt-Universität wollten 4800 mehr Menschen, ein Plus von sechs Prozent gegenüber 2011. Das beliebteste Fach ist mit Abstand Psychologie, gefolgt von Betriebswirtschaftslehre und Jura – an der FU ebenso wie an der HU.

Die Gründe für den Sturm auf die Hochschulen sind laut Constanze Haase, Sprecherin der HU, vielfältig, so verschieden wie die Herkunftsländer der jungen Leute: „Wir erhalten Bewerbungen aus aller Welt.“ In diesem Jahr hätten sicherlich die guten Rankings der HU und FU eine Rolle gespielt: Beide gehören zu den elf Exzellenz-Universitäten in Deutschland. Und „natürlich spielt auch die Attraktivität der Stadt Berlin für junge Leute eine enorme Rolle, sich für ein Studium in der Hauptstadt zu entscheiden“, erklärt die Sprecherin weiter.

Miglena Ivanowa beispielsweise kommt aus Bulgarien. Die 21-Jährige erzählt: „Als Schülerin war ich mal hier, seitdem bin ich in Berlin verliebt, die Kultur, die Architektur und die Menschen. Jetzt habe ich ein Jahr Geld verdient, mich dann an der Uni für Medien- und Kulturwissenschaft beworben und wurde angenommen.“ Olga Drebrant (18) aus Steglitz dagegen hat die TU gewählt, weil sie unbedingt in Berlin – und auch erst einmal zu Hause – wohnen bleiben will. Ausziehen will sie erst in zwei Jahren. „Da muss ich keine Sorgen um die Finanzen haben und habe mehr Zeit fürs Lernen, weil ich mich nicht so um den Haushalt kümmern muss“, sagt sie schmunzelnd.

Doch der Hauptgrund für den Andrang: Neben dem Aussetzen der Wehrpflicht gibt es in verschiedenen Bundesländern doppelte Abiturjahrgänge. Schon 2011 konnten in Bayern und Niedersachsen zwei Jahrgänge gleichzeitig ihr Abitur machen. 2012 passierte dasselbe in Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin und Bremen. Und das bedeutet nicht nur, dass viele Studenten ihr Studium beginnen, sondern auch sehr junge. Noch im vergangenen Jahr lag das Durchschnittsalter für Studienanfänger bei gut 21 Jahren – und das wird sich wohl jetzt ändern. Denn viele Bewerber sind unter 18 Jahre alt: 754 Minderjährige haben sich an der HU beworben, an der FU sind es 500, an der TU bewerben sich insgesamt 137 Minderjährige. Ein niedriges Alter, um fürs Studium zu Hause auszuziehen. Aber das müssen auch gar nicht alle: Viele Erstsemester leben ohnehin schon in Berlin oder Brandenburg. Etwa gut ein Drittel der HU-Bewerber kommt aus der Region, fast die Hälfte der FU-Bewerber kommt aus der Hauptstadt und Umgebung, und an der TU sind es sogar gut zwei Drittel.

Einer von ihnen ist Sebastian Samengo-Turner. Der Abiturient aus Reinickendorf ist erst 17 Jahre alt und beginnt im Oktober ein Bachelor-Studium der Mathematik an der Humboldt-Universität. Der Grund für seine Entscheidung für Studienfach- und -ort ist einfach: „Berlin ist eine tolle Stadt, und Mathe war auch in der Schule schon mein Lieblingsfach. Außerdem wüsste ich gar nicht, was ich sonst studieren sollte“, sagt er. Dass er bereits so jung an die Uni geht, mache ihm aber keine Angst. Im Gegenteil, Sebastian Samengo-Turner hat große Ziele: „Ich mache später meinen Master in Finanzen, dann werde ich Banker. Ich will viel Geld verdienen.“

An der Technischen Universität liegt der Schwerpunkt anders: Hier studieren die jungen Leute am liebsten Wirtschaftsingenieurwesen, Architektur oder Maschinenbau. Und an der TU sind die Bewerberzahlen im Vergleich zum vergangenen Jahr weitgehend gleich geblieben. „Eigentlich haben wir dieses Jahr aufgrund des doppelten Abiturjahrgangs auch mit mehr Bewerbungen gerechnet“, sagt Sprecher Horst Henrici.

Über die Gründe, warum der Andrang ausgeblieben ist, kann der Sprecher daher nur spekulieren: „Viele machen nach dem Abi erst einmal etwas anderes, wie etwa ein Praktikum oder eine Reise.“ Viele seien möglicherweise auch abgeschreckt von dem „Hype um den doppelten Jahrgang“. Außerdem könnten ja bis zum Semesterbeginn Anfang Oktober noch einige Studenten dazukommen. Die Bewerbungsfrist für die zulassungsbeschränkten Studienfächer ist an der TU zwar abgelaufen, nicht aber die Einschreibefrist für die offenen Studiengänge wie Elektrotechnik, Physik und Informatik.

Mehr Bewerber als Studienplätze

Doch das gilt auch für die anderen großen Universitäten. Denn auch hier müssen sich die jungen Menschen nicht für alle Fächer bewerben. Zwar gibt es für die meisten einen Numerus clausus – also eine geforderte Mindest-Abiturnote. Doch einige Fächer sind auch zulassungsfrei, hierfür können sich die Studenten einfach einschreiben – und zwar noch bis Anfang Oktober. An der HU und FU etwa für den Bachelor in Mathematik.

Der Grund für die Einschränkung in den meisten anderen Studiengängen sei die hohe Zahl der Bewerber, heißt es von den Universitäten. Sie liege über der der Studienplätze. Nicht selten kommen dabei zehn Anträge auf einen Platz. Deshalb gilt: Die Bewerberzahlen lassen letztlich noch keinen Rückschluss darauf zu, wie viele Studierende Anfang Oktober wirklich in die Hörsäle an den Berliner Hochschulen kommen. Denn viele junge Menschen bewerben sich gleich bei mehreren Unis – und bekommen dann mehrere Zusagen. Erst zum Vorlesungsbeginn müssen sie sich entschieden haben, wo ihre akademische Karriere beginnen soll.