Tempelhof-Schöneberg

Erstes Berliner Bürgeramt stellt komplett auf Termine um

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Brigitte Schmiemann

Foto: Reto Klar

Spätestens ab Mitte August wird es in den Bürgerämtern in Tempelhof-Schöneberg nur noch Termine geben.

Tempelhof-Schöneberg stellt als erster Berliner Bezirk seine drei Bürgerämter komplett auf Terminvergabe um. Bislang lassen sich 40 Prozent der Kunden einen Termin geben, 60 Prozent kommen spontan. Spätestens ab Mitte August sollen die Kunden dort nur noch im Notfall spontan bedient werden – etwa bei einem gestohlenen Personalausweis. Das muss der Kunde dann aber auch mit dem Protokoll der Anzeige bei der Polizei nachweisen. Andere Bezirke hätten die Einschränkung des freien Zugangs zu ihren Bürgerämtern mit einer Notlage und anders nicht lösbaren Problemen erklärt, sagte Stadtrat Oliver Schworck (SPD). Tempelhof-Schöneberg stelle jedoch „aus Überzeugung“ um, betonte Schworck am Dienstag im Rathaus Schöneberg.

Fünf Kunden in einer Stunde

Grund der Neuerung sind aber auch in Tempelhof-Schöneberg die teilweise stundenlangen Wartezeiten, die nicht nur beim Bürger für Verärgerung sorgen. Auch das Personal ist unzufrieden, wenn es sich regelmäßig beschimpfen lassen muss, schon bei Dienstantritt die langen Schlangen sieht und keinen verlässlichen Feierabend hat. Der Krankenstand im vergangenen Jahr lag immerhin bei 25 Prozent. Allerdings muss die Vertretung der Beschäftigten noch zustimmen. Vieles ist laut Schworck aber schon abgesprochen. Beispielsweise müssen nach der bestehenden Zielvereinbarung mit der Senatsinnenverwaltung heutzutage vier Kunden pro Stunde bedient werden. Der neue Termintakt in Tempelhof-Schöneberg wird bei zehn Minuten, also fünf Kunden, liegen. Schworck rechnet Ende Juli mit der Zustimmung des Personalrats und will die Umstellung auf die komplette Terminvergabe dann so schnell wie möglich in die Tat umsetzen.

Nur zwei Beschwerden

Gute Erfahrungen hat das Bürgeramt mit der Terminvergabe laut Schworck bereits 2010 gesammelt, als die Stelle im Rathaus Schöneberg fünf Monate lang wegen Bauarbeiten nur mit Terminen arbeitete. „Es hat in der ganzen Zeit nur zwei Beschwerden gegeben“, so Schworck. Ähnlich gute Erfahrungen mache die Behörde seit Anfang des Jahres im Bürgeramt Lichtenrade an der Briesingstraße 6, wo nur mit Terminen gearbeitet wird. Rund 2000 Kunden wurden dort in den ersten fünf Monaten dieses Jahres befragt, und die Resonanz sei ausgesprochen positiv. Die meisten Kunden kamen pünktlich an die Reihe, nur ein kleiner Teil musste warten, im Schnitt nicht länger als zehn Minuten.

Ärger über andere Bezirke

Schworck verhehlt seinen Ärger über die anderen Bezirke, die jetzt wie Mitte und Spandau ebenfalls die Termin-Bedienung ausweiten, nicht. Als er bereits Ende 2010 vorgeschlagen habe, die Terminvergabe probeweise auszuprobieren, hätten ihn alle anderen Stadträte kritisiert. Jeder solle jederzeit kommen können, habe damals die Devise gelautet. „Dieses Prinzip ist aber überholt“, findet Schworck. Die Terminvergabe sei die konsequente Weiterentwicklung der Arbeit in den Bürgerämtern. In allen Einrichtungen, die mit einem Massengeschäft zu tun hätten, gebe es dieselben Probleme. Warum seine Kollegen diesen Weg nicht schon eher einschlagen wollten, kann sich Schworck nur so erklären: „An das Modell Terminvergabe hat sich keiner so recht rangetraut.“

Krankenquote sinkt

Auf die Idee, die Terminvergabe wenigstens in einem Bürgerbüro zu testen, kam Schworck schließlich, als im vergangenen Jahr berlinweit Standorte reihenweise wegen Krankheit und Urlaub geschlossen wurden. Eigentlich gibt es nämlich mit dem Senat die Rahmenvereinbarung, nach der alle Bezirke Mindestöffnungszeiten gewährleisten müssen. Da die Schließung akzeptiert wurde, wagte sich Schworck an sein Termin-Bürgerbüro in Lichtenrade. „Die Mitarbeiter wollen das alle“, weiß Schworck als Dienstherr der 45 Männer und Frauen, die die Bürgeramts-Kunden im Rathaus Schöneberg und Tempelhof sowie in Lichtenrade bedienen. Allein die Vorankündigung auf die Umstellung, so glaubt Schworck, hat sich bereits positiv auf die Krankenquote ausgewirkt. Sie liegt in diesem Jahr bislang bei rund 15 Prozent.

Notfälle am selben Tag

Unter dem Motto „Ihre Zeit ist uns kostbar“ wirbt Tempelhof-Schöneberg bereits auf Flyern um den Terminservice ab August. Termine gibt es auf vielen Wegen: In den Bürgerämtern vor Ort am Infotresen, per Mail (buergeramt@ba-ts.berlin.de), im Internet (www.berlin.de/buergeramt), telefonisch montags bis freitags von 7 bis 18 Uhr unter der Berliner Behördennummer 115 sowie auch über Smart-phones, auf denen die Terminvergabe über den „Quick Response“-Code auf dem Flyer aufgerufen werden kann. Schworck geht davon aus, dass Kunden ohne Termin in Zukunft als Notfall besser zum Zuge kommen – sogar am selben Tag. Immerhin lassen etwa zehn Prozent der Kunden ihren Termin einfach verfallen. In diesen Zeiträumen sei Platz für die Notfälle.