Schulmensen

Parteien kritisieren Cent-Feilscherei beim Schulessen

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Florentine Anders

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Auch Abgeordnete mischen sich nun in die Debatte um das Essen an Berlins Schulen ein. Das Prinz "Der Billigste gewinnt" sei fehl am Platze.

Das Thema Schulessen beschäftigt jetzt auch die Parteien im Abgeordnetenhaus. Der Verband der großen Berliner Schulcaterer hatte erklärt, dass wertvolle Mahlzeiten für den derzeit gezahlten Preis nicht mehr zu machen seien.

„Der Senat muss jetzt handeln und kann nicht länger die Verantwortung an die Bezirke abschieben“, sagt Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Wenn es um die Gesundheit der Kinder gehe, sei die Feilscherei um Cents fehl am Platze, sagt Mutlu. Das Land müsse die Qualität des Essens sicherstellen, dann wären auch Eltern bereit mehr dafür zu zahlen. „Wir werden uns des Themas annehmen“, verspricht der bildungspolitische Sprecher der SPD, Ilkin Özisik. Es müsse ein neues Konzept für die Vergabe der Aufträge, für die Zuschüsse und die Qualitätskontrolle geben. „Es kann nicht sein, dass es beim Schulessen nur nach dem Prinzip ‚der Billigste gewinnt' geht“, sagt Özisik.

Die CDU-Abgeordnete und Schulstadträtin von Reinickendorf, Katrin Schultze-Berndt, fordert eine Anhebung der Zuschüsse, die zweckgebunden an das Land gehen. Und auch Martin Delius, bildungspolitischer Sprecher der Piraten, fordert mehr Geld für die gesunde Ernährung der Kinder. „Der Portionspreis muss mindestens auf den Bundesdurchschnitt erhöht werden“, sagt Delius.

Der liegt nach Angaben des deutschen Netzwerkes Schulverpflegung in diesem Jahr bei 2,92 Euro. Zudem sollten die Eltern nach Ansicht der Piraten nicht mehr den Mammutanteil der Kosten tragen. Bisher gibt Berlin im Durchschnitt 1,90 Euro pro Mahlzeit an Grundschulen aus. Die Subventionen vom Land betragen 60 Cent, den Rest zahlen die Eltern mit ihren Beiträgen.

Es sei nicht zu erklären, warum Eltern derzeit 276 Euro im Jahr für ein Essen ausgeben, „das die Kinder oft angeekelt stehen lassen“, so Delius.

Tatsächlich hat die Unzufriedenheit der Eltern mit den servierten Gerichten die Debatte um die Mittagsversorgung ausgelöst. Wässrige Eintöpfe, selten Rohkost und Soßen, in denen Fleisch und Gemüse kaum noch zu erkennen sind – das waren die Gründe, warum die Eltern in Friedrichshain-Kreuzberg eine Neuausschreibung des Schulessens verlangt haben. „Im vergangenen Jahr hat sich die Qualität des Essens spürbar verschlechtert“, sagt Cornelia Partmann von der Arbeitsgemeinschaft Schulessen im Landeselternausschuss.

Keine Qualitätskontrollen

Bei der letzten Ausschreibung hatte der Bezirk die Preisgrenze bei 2,06 Euro pro Portion gesetzt. Drei Caterer stiegen im Bezirk daher aus ihren Lieferverträgen aus. Andere versuchten offenbar, den niedrigen Preis durch mindere Qualität auszugleichen. Der Bezirk beschloss wegen der Proteste der Eltern, das Schulessen für das kommende Jahr neu auszuschreiben, jetzt für maximal 2,10 Euro. Doch trotz der Erhöhung haben sich die sieben großen Schulcaterer nicht mehr an der Ausschreibung beteiligt. Für die meisten Schulen gibt es nur noch einen Anbieter, eine Wahlmöglichkeit für die Eltern gibt es also nicht.

Für fünf Schulen gab es in der Ausschreibung gar keinen Bieter. Elternvertreterin Cornelia Partmann befürchtet, dass die Caterer, die weiterhin Schulessen anbieten, die Qualitätsrichtlinien unterlaufen. Da es keine Kontrollen vom Bezirk gibt, würde das niemandem auffallen, sagt Partmann. Nicht einmal die Einkaufslisten würden daraufhin überprüft, ob tatsächlich der vorgeschriebene Bio-Anteil von zehn Prozent eingehalten wird. Eine einkommensabhängige Erhöhung der Elternbeiträge für das Schulessen wäre nur unter der Bedingung machbar, dass die Qualität durch Kontrollen garantiert wird, so die Elternvertreterin.

Auch der Bezirk Reinickendorf hatte für die meisten Grundschulen das Essen neu ausgeschrieben. Hier gilt eine Preisobergrenze von 2,20 Euro pro Portion.

Die Angebote der Caterer lägen fast alle dicht an der oberen Preisgrenze, so Schultze-Berndt. Damit werde das Schulessen den Haushalt des Bezirks stärker belasten als bisher.

Keine Auswahlmöglichkeit

Zwar bleibe keine Schule ohne Anbieter, problematisch sei aber, dass häufig nur ein Caterer ein Angebot mache. Dadurch sei auch hier die Auswahlmöglichkeit für die Eltern stark eingeschränkt. Bisher konnten in Reinickendorf je ein Vertreter der Eltern der Schüler, der Erzieher und der Lehrer an einem Probe-Essen teilnehmen, wenn sich mehrere Caterer für die Schule beworben hatten. Das erübrige sich jetzt meist, sagt Schultze-Berndt.

In den Kommunen ist die Vergabe von Schulessen sehr unterschiedlich geregelt. Die einen organisieren den Mensabetrieb über Vereine und lassen das Essen nur liefern, bei anderen sind Investitionen in die Caféteria samt Bestuhlung mit im Preis enthalten. Daher ist der Durchschnittspreis von 2,92 Euro pro Portion nicht sehr aussagekräftig. In Hamburg beispielsweise darf ein Schulessen laut Vorgabe der Behörde nicht mehr als 3,50 Euro pro Schüler kosten. Darin sind Investitionen und Personal für die Ausgabe enthalten. In Bayern liegt der Preis laut Netzwerk Schulverpflegung sogar bei 4,20 Euro.

„Wir wollen eigentlich weg von der Diskussion um den Durchschnittspreis und dafür hin zu einer Debatte um die Qualität“, sagt Michael Polster, Vorsitzender des Netzwerkes Schulverpflegung. Erst wenn klar sei, was wir wollen, könne man auch einen Preis berechnen. Wichtig sei neben der Qualität auch die Möglichkeit für alle Kinder, am Essen teilzunehmen. „Noch immer kommen ein Drittel aller Schüler ohne Frühstück in die Schule“, sagt Polster.