2,10 Euro pro Essen

Warum Berlins Schulkantinen für Caterer nicht attraktiv sind

In vielen Berliner Bezirken wird das Schulessen neu ausgeschrieben. Aufgrund der Preispolitik ist der Bewerberkreis allerdings überschaubar.

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In diesen Tagen läuft das Bieterverfahren für das Schulessen in vielen Bezirken aus, doch etliche Anbieter ziehen sich zurück. „Zu einem Preis von 2,10 Euro, den zum Beispiel Kreuzberg pro Essen ausgeben will, ist das für uns in der geforderten Qualität nicht mehr machbar“, sagt Rolf Hoppe, Geschäftsführer des Schulcaterers Luna, der insgesamt 60 Schulen beliefert. Es sei traurig, dass gesunde und ausgewogene Ernährung für Schüler am Ende an ein paar Cent scheitern soll, so Hoppe. „Die Ansprüche steigen immer weiter“, sagt auch Mario Hempel, Geschäftsführer des Schulcaterers Sunshine. Man müsse aufpassen, dass die Kosten am Ende nicht höher sind als die Einnahmen.

Im März haben sich die sechs größten Anbieter für Schulessen in Berlin zu einem Verband zusammengeschlossen, um gemeinsam ihre Interessen gegenüber den öffentlichen Auftraggebern besser vertreten zu können. Die Firmen, die in dem Verband vertreten sind, liefern 95 Prozent des Berliner Schulessens.

Der Schulcaterer Luna wird an der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg voraussichtlich im Sommer die Küche abbauen. So wie an drei weiteren Kreuzberger Schulen, wo Luna noch in der schuleigenen Küche kocht. Ob es dann zum August einen neuen Anbieter geben wird, steht in den Sternen. Dabei sind Lehrer, Eltern und Schüler zufrieden mit dem Essen. „Ich hole mir oft Nachschlag“, sagt die siebenjährige Rieke. An diesem Tag isst sie ihren Teller leer. Es gibt Spätzle und Putengeschnetzeltes. Dazu einen grünen Salat und eine Apfelschorle.

„Im Augenblick zahlen wir hier drauf. Das können wir uns nicht mehr leisten“, begründet Geschäftsführer Hoppe den Rückzug. Auch der Caterer „Drei Köche“ wird in Kreuzberg nicht mehr mitbieten. „Wir haben uns schon im vergangenen Jahr aus dem Bezirk zurückgezogen“, sagt Geschäftsführer Klaus Kühn.

Lebensmittel für 50 Cent pro Essen

Der Bezirk Friedrichhain-Kreuzberg hat, wie einige andere Bezirke auch, für das kommende Schuljahr das Schulessen an 27 Grundschulen neu ausgeschrieben. Der vorgegebene Preis in der Ausschreibung liegt bei 2,10 Euro. Damit liegt der Bezirk immerhin um 13 Cent über dem Mittelwert der Bezirke, der pro Kind vom Land in die Globalhaushalte der Bezirke fließt. Geben sie mehr aus, müssen sie das Geld woanders im Haushalt einsparen.

„Uns kostet die Aufstockung für dieses Jahr 100.000 Euro zusätzlich und für das kommende Jahr 200.000 Euro“ sagt Peter Beckers (SPD), Schulstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg.

Doch das sei immer noch zu wenig, sagt Luna. Schließlich müsse man 19 Prozent Mehrwertsteuer, Personalkosten, Betriebskosten, Verwaltung und vieles mehr abziehen. Für den Einkauf der Lebensmittel blieben dann nur etwa 50 Cent, sagt Hoppe. Gleichzeitig würden die Ansprüche an das Essen steigen. Laut Berliner Qualitätsrichtlinien müssen beispielsweise mindestens zehn Prozent der Lebensmittel Bio sein.

Bewerbungsfrist endet Freitagnacht

Die Bewerbungsfrist für die Schulcaterer in der Ausschreibung von Friedrichshain-Kreuzberg endete am 18. Mai um 24 Uhr. Viele Bewerber werden es nicht sein, meint Stadtrat Peter Beckers. Dabei habe man die Ausschreibung gerade deshalb schon nach einem Jahr wiederholt, weil viele Schulen unzufrieden waren mit der Qualität des Essens.

Beckers fordert vom Land höhere und vor allem zweckgebundene Zuwendungen für das Schulessen an die Bezirke. Nicht der Mittelwert der bisherigen Ausgaben in den Bezirken solle ausschlaggebend sein, sondern ein wissenschaftlich ermittelter Preis für ein gesundes Essen. Zudem fordert Beckers zentrale Qualitätskontrollen. Denn fraglich sei, ob das Essen in den Bezirken, die zu Niedrigpreisen ausschreiben, auch den Standards entspreche. „Das Land Berlin hat hier eine Fürsorgepflicht“, sagt der SPD-Stadtrat.

Ähnlich sieht es die Reinickendorfer Schulstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU). Der Bezirk hat für 21 der 31 Grundschulen das Essen neu ausgeschrieben. Die Preisgrenze liegt hier bei 2,20 Euro. Dafür wurden die Anforderungen vom Bezirk noch einmal erhöht. Der Bioanteil soll höher sein als vorgeschrieben. Und auch die Zeit, die das Essen nach der Zubereitung maximal stehen darf, wurde von drei Stunden auf zweieinhalb Stunden reduziert. „Die Bewerberlage ist nicht gerade üppig“, sagt Schultze-Berndt ohne genaue Zahlen nennen zu wollen. Auch die CDU-Stadträtin ist der Meinung, dass nicht der Mittelwert der Ausgaben in den Bezirken ausschlaggebend sein sollte für die Zuschüsse, sondern der tatsächlich nötige Preis für ein vollwertiges Essen.

Eltern fordern Qualitätskontrollen

Der Landeselternausschuss setzt sich seit einem Jahr in der Bildungsverwaltung für eine andere Bezuschussung ein. „Die vorgeschriebene Qualität landet nicht mehr auf den Tellern der Schüler“, sagt Erika Takano-Forck, Sprecherin der Arbeitsgruppe Schulessen im Landeselternausschuss. Die Bezirke hätten kein Personal, um Qualitätskontrollen durchzuführen. Die niedrigen Preise führten dazu, dass nur noch wenige Großunternehmer Essen anbieten könnten. Aber der Wettbewerb sei wichtig für die Qualität, so die Elternvertreterin.

Immerhin einen ersten Erfolg gibt es: Die Bildungsverwaltung hat mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse eine Studie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg in Auftrag gegeben. Darin soll analysiert werden, welcher Preis pro Schulessen für den Berliner Markt nötig wäre, wenn alle Qualitätsstandards eingehalten werden. Die Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen.